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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 29. Mai 2017 | 17:12

    Thomas Kistner: Fifa-Mafia

    25.05.2012

    Licht wo zu viel Schatten lag

    Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. Fifa, Fußball, Korruption, Unterschlagung, Verbandsstrukturen, die an sizilianische Familienstrukturen erinnern! Ein knalllauter Aha-Effekt ist dabei ebenso garantiert, wie eine erstmal nicht enden wollende Aufregung. Von SVEN GERNAND

     

    Auch wenn dieses Buch zuerst wirkt wie ein enthüllender Überraschungsangriff gegen die dunkle Seite des internationalen Fußballwesens, so handelt es sich literarisch und auch ermittlungstechnisch viel mehr um den vorläufigen Höhepunkt eines langen Kampfes, den Thomas Kistner gegen die ›organisierte Sportindustrie‹ führt. In professioneller Weise beschäftigte er sich bereits seit spätestens den 1990ern mit den ›wahren‹ und mitunter auch kriminellen Strukturen innerhalb der internationalen Sportinstitutionen.

     

    Damals begann er als Redakteur für Sportpolitik bei der Süddeutschen Zeitung und er brauchte nicht lange, um sich aus dieser Position heraus als ein leidenschaftlicher Streiter für mehr Transparenz und Normierung im kommerziellen Profisport zu profilieren. Einen Grund dafür sich aber vor allem auf den Fußball zu konzentrieren, mag er uns selbst liefern, wenn er schreibt, dass er als Journalist für den Profifußball in akuter Weise einen informativen und investigativen Aufklärungsbedarf sah, da dieser Sport im Gegensatz zu anderen Sportarten in den Augen der Öffentlichkeit überraschender Weise ein unbeflecktes Bild von sich hatte erhalten können. Bereits 2007 wies er in seinem preisgekrönten Artikel Spritzensport Fußball darauf hin, dass der Lieblingssport der Deutschen »bis heute als sauberer Sport« gilt. Lakonisch schob er damals hinterher, dass es gerade deswegen dringend notwendig sei »endlich aufzuwachen«.

     

    Waghalsige Verklüngelung von Politik und Spitzensport

    Der Sport des kleinen Mannes ist heute längst nicht mehr das, was er mal war. Eben dieser Sport, der sich für viele von uns vor allem abspielt auf einfachen Bolzplätzen, vorstädtischen Vereinsheimen oder allsamstagabendlich in der Flimmerkiste, wenn man in knappen Zusammenfassungen einen kurzen Blick erhaschen darf von dieser schillernden Fußballwelt und Milliardenindustrie eines Sepp Blatters. Fußball ist vielleicht immer noch Fußball, der Begriff der Fifa aber ist, wie Kistner schreibt, im Laufe der letzten 30 Jahre zu einem »Synonym für Korruption geworden«. Staatsanwaltschaftlich aufgearbeitete Fälle massiver Korruption in nahezu allen institutionellen Bereichen der Fifa-Vereinsstrukturen oder auch die ominösen, finanziellen Verstrickungen der Fifa-Spitzen in die Machenschaften einer aufsteigenden Sportindustrie oder der gerade erst erfundenen Sportvermarktung, werden hier detailliert aufgedröselt und in zumeist chronologischer Reihenfolge und in klarer Sprache vorgerechnet.

     

    Vieles, was uns Thomas Kistner in seinem Buch glauben zu machen versucht, klingt überzogen oder sogar unglaublich. Sogenannte ›Spenden der Fifa an öffentliche Organe‹ dürfen bei der waghalsigen Verklüngelung von Politik und Spitzensport in der westlichen Hemisphäre sowie eines geschätzten neunstelligen Jahresbudgets der Fifa nicht weiter wundern. Sie erreichen aber ungeahnte Dimensionen, wenn man bei Kistner liest, dass sich niemand dabei unwohl zu fühlen schien, als zum Beispiel Interpol im Jahre 2010 von der Fifa eine Zuwendung in Höhe 20 Millionen Euro erhielt. Niemand! Jedoch auch der Umstand, dass zu diesem Zeitpunkt bereits in mehreren Ländern und unabhängig voneinander Ermittlungen und Strafverfahren gegen die Fifa wegen Korruption und Unterschlagung liefen oder bereits gelaufen waren, vermochte dabei keinerlei Diskurse innerhalb Europas auslösen. Dafür, so erfahren wir von Thomas Kistner, interessiert sich seit geraumer Zeit keine geringere Ermittlungsbehörde als das FBI (Abteilung für »Organisierte Kriminalität in Eurasien«) für die Machenschaften der Fifa.

     

    Korruption gehört dazu

    Alleiniger Boss und Lenker der so von Kistner beschriebenen Fifa-Mafia ist Sepp Blatter. Ein Mann, der innerhalb der Fifa das Recht auf Einzelunterschrift hat sowie bereits beachtliche 38 Jahren für den in der Schweiz ansässigen Weltfußballverband tätig ist und sich dabei wohlgemerkt ein dreistelliges Millionenvermögen erarbeitet hat.

     

    Doch zeichnet Thomas Kistner nicht vielleicht auch ein einseitiges, vielleicht überempfindliches Bild des Profifußballs, der sich, wie Kistner selbst einräumt, nicht schlimmer verhält als in anderen sportlichen Großinstitutionen üblich. Ob nun in der Formel 1 oder bei der Vergabe von Olympischen Spielen, Korruption und Bevorteilung gehören bei solch liquiden Events zumindest unter der Hand praktisch dazu. Und was ist mit dieser feinen Diskrepanz, die sich auftut zwischen vorsätzlichen Tatbeständen wie Bestechung, Vetternwirtschaft oder Unterschlagung und höchstens fahrlässigen Vergehen wie einfache Misswirtschaft? Zieht Kistner hier immer saubere Grenzen, wenn er nahezu gebetsmühlenartig seine verbalen Salven in Richtung Fifa abfeuert? Selbst Organisationen wie Transparency International warnen an dieser Stelle vor voreiligen und eventuell auch falschen Schlüssen.

     

    Augen öffnendes Enthüllungsbuch

    Darüber hinaus - und das wird auch in Kistners Buch thematisiert - war und ist vieles von dem, was man der Fifa vorwirft, zwar verwerflich oder moralisch angreifbar, aber schlicht und ergreifend nicht strafbar. Weder in der Schweiz, noch in Deutschland und auch sonst nirgendwo. Doch auch wenn es längst Stimmen gibt, die Kistner eines Kreuzzuges gegen die Fifa bezichtigen, kann man nicht um den Eindruck umhin kommen, dass mit dem Buch Fifa-Mafia Salz in die richtige Wunde gerieben wurde. So angeregte Diskussionen und Konfrontationen würden nur Besserung bringen in Organisationsstrukturen, die scheinbar viel schlimmer nicht sein können.

     

    Thomas Kistner hat ein echtes, die Augen weit öffnendes Enthüllungsbuch geschaffen, das neben einem ungeschönten und fleißig recherchierten Faktenkanon auch die durchaus ernsthafte Absicht vermittelt, ein grelles und enttarnendes, journalistisches Licht dort hin zu werfen, wo bisweilen zu viel Schatten lag.

     

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    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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