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Eli Pariser: Filter Bubble

18.05.2012

Gegen die Dominanz des Beliebten

Nach Amazon (1997) und Google (2004) geht nun mit Facebook das dritte Internet-Schwergewicht an die Börse. Häufig liegen die drei Unternehmen mit der Entwicklung neuer Techniken gleichauf. Während Amazon Vorschläge macht, welche Bücher und Filme uns noch gefallen könnten und Google Werbung einblendet, die zu uns passen soll, zeigt Facebook vor allem diejenigen unserer Freunde an, mit denen wir ohnehin schon mehr zu tun haben. Der amerikanische Journalist und Autor Eli Pariser arbeitet seit fast zehn Jahren für die Internet-Bürgerrechtsbewegung MoveOn und beschreibt in Filter Bubble sowohl Vorteile wie auch Gefahren der Personalisierung. Von BASTIAN BUCHTALECK

 

»Wir formen unser Werkzeug, und danach formt unser Werkzeug uns.« Dieses Zitat des Medienwissenschaftlers Marshall McLuhan ist dem ersten Kapitel des Buchs vorangestellt und bildet gleichzeitig das theoretische Grundgerüst des Buchs. Eliser warnt: Das personalisierte Internet formt den Nutzer. Durch die Personalisierung ändere sich der Charakter des Internets fundamental – zum Guten, aber mehr noch zum Schlechten. 

 

Nichts Neues in der Filter Bubble

In der Praxis sieht es folgendermaßen aus: Ein Algorithmus merkt sich angeklickte Links, besuchte Seiten und weitere Parameter jedes einzelnen Nutzers und zieht daraus Rückschlüsse auf seine individuellen Vorlieben und Interessen. Im Ergebnis erhält jeder Benutzer personalisierte Vorschläge für weitere Inhalte oder auch Werbung. Die Filter Bubble verändert auf problematische Art und Weise die Wege, wie wir im Internet an neue Ideen und Informationen kommen. Sie zeigt nur, woran der Nutzer ohnehin interessiert ist und blendet aus, was ihn vermeintlich nicht interessiert. Sie legt unsichtbare Wege an. Dabei schränkt sie zwar die Informationsflut im Internet ein, verhindert zugleich jedoch Neues. Der User wird manipuliert, so kritisiert Pariser, ohne es zu merken.

 

Facebook könnte »wichtig« werden

Nicht zuletzt verdienen Unternehmen wie Google oder Facebook ein Großteil ihres Geldes, indem sie mit den gesammelten Nutzerdaten zielgerichtet Werbung platzieren können.

 

Da mehr Klicks mehr Einnahmen bedeuten und weil außerdem der durchschnittliche Nutzer angenehme Nachrichten, lustige Videos und Katzenbilder bevorzugt, droht eine Dominanz des Beliebten. In einem personalisierten Internet geraten komplexe, unangenehme und sperrige Themen in den Hintergrund. Darum erlaubt zum Beispiel die renommierte Zeitung New York Times ihren Journalisten nicht, die Seitenaufrufe der eigenen Artikel zu verfolgen. Nachrichten sollten nach dem Kriterium der Wichtigkeit und nicht der Beliebtheit verfasst werden. Diesem Gedanken folgend, schlägt Pariser vor, neben den »Gefällt mir«-Button auch einen »Wichtig«-Knopf einzurichten. Auf diese Weise würde die Filter Bubble ein wenig durchlässiger.

 

Die Lösungswege von Eli Pariser

Ein beliebter Scherz von Computerfachleuten besagt, dass sich die Lösung von Computerproblemen meist im Layer 8 befindet. Dieser entspricht, einem Schichten Modell folgend, dem Nutzer vor dem Bildschirm. Auch Pariser hat diese Schwachstelle identifiziert. Gegen die negativen Auswirkungen der Filter Bubble hilft am Besten ein aufgeklärter Nutzer. Wer sich bewusst ist, wie die Filter Bubble funktioniert, wird ihr kritischer gegenüberstehen. Das Ziel muss also sein, die Medienkompetenz der Internet-Nutzer zu steigern – die Frage ist nur, wer diese vermitteln kann?

 

Darüber hinaus fordert Pariser die Unternehmen auf, sich ihrer eigenen Verantwortung stärker bewusst zu werden. Dazu zieht er eine Parallele zu den Anfängen der Zeitungen und des professionellen Journalismus. Mit wachsender Bedeutung haben diese sich einen journalistischen Ethos gegeben. Eine solche ethische Selbstverpflichtung wünscht sich der Autor auch für die Internetunternehmen.

 

Nicht zuletzt seien, wenn sich das Netz nicht selbst reguliert, auch die Regierungen gefragt. Sofern der Staat für die öffentliche Ordnung Sorge trägt und je mehr das Internet die Funktionen eines öffentlichen Raums einnimmt, desto mehr bedarf es der Aufsicht durch eine vertrauenswürdige Institution. So könnte es zum Beispiel Aufgabe der Politik sein, die Auswirkungen der Filter Bubble zu mildern.

 

Kulturpessimist versus Kulturoptimist

Insgesamt hat man bei dem Buch den Eindruck, es handelt sich um ein Herzensthema des Autors. Jedes Kapitel ist mit einer Fülle an Informationen hinterlegt und flott geschrieben. Gleichzeitig schießt Pariser in manchen Passagen über das Ziel hinaus – wie häufig bei Themen, die mit Leidenschaft angegangen werden. Besonders im letzten Drittel des Buchs präsentiert sich Pariser als Mahner. Er warnt vor den negativen Effekten der Filter Bubble, davor, dass alle nur noch bekanntes auf ihren Bildschirmen haben und nichts Neues mehr entdecken.

 

Hierbei gibt es nur ein Problem: Die Haltung, in der Filter Bubble verfasst wurde, ist kulturpessimistisch. Ein Optimist würde viele Beispiele anders bewerten, für ihn wäre die Filter Bubble durchlässig. Amazon würde etwa so dazu sagen: Wer sich für die mögliche Zukunft des Internet interessiert, wird auch an diesem Buch interessiert sein. Der Kulturpessimist wird sagen, Amazon zeigt mir nur, was ich schon kenne und der Kulturoptimist freut sich besonders über die Abschnitte des Buchs, die ihm neu sind.

 

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