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Hackenschmidt / Engelhorn: Möbel als Medien

08.06.2012

Die Magie der alltäglichen Dinge

Wo entstehen Bücher? Warum bettet man sich? Was macht ein Chefzimmer so bedrohlich und imposant? Sebastian Hackenschmidt u.a. ist es gelungen, unseren Blick auf die Dinge zu lenken, die uns seit je umgeben und die mehr sind als nur praktische Alltagsgegenstände oder schickes Design. Endlich sehen wir Möbel als Medien. VIOLA STOCKER hat einiges gelernt.

 

Hackenschmidt und Engelhorn haben eine interessante Aufsatzsammlung herausgegeben, die verschiedene Perspektiven unserer Kultur umfasst. Von Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie bis zur Psychologie widmen sich die Autoren einer Kulturgeschichte der Möbel. Entsprechend vielfältig und unterschiedlich sind die Herangehensweisen an die Thematik, eines jedoch verbindet: Alle Autoren haben sich auf je ein Objekt konzentriert, an dem sie die mediale Funktion verdeutlichen.

 

Eine Ontologie der Möbel

Walter Seitter widmet sich in seinem Aufsatz dem Thema alter Medien im Gegensatz zu uns allseits bekannten Neuen Medien. Möbel stellen für ihn solche alten Medien dar. Ausgehend vom lateinischen Grundbegriff versucht er eine Theorie der alten Medien aufzustellen, was ihm nur teilweise gelingt. Der Aufsatz ist entsprechend schwer zu lesen und lässt den Leser etwas hoffnungslos auf weiter Flur stehen. War doch bisher ein Tisch immer noch ein Tisch, den man benutzte und weniger eine Horizontale, die durch ein Vakuum oben und unten – das ja ein solches nicht ist – gekennzeichnet ist.

 

Entsprechend erfreulicher lesen sich die folgenden Aufsätze. Vor allem Bettina Uppenkamp, die die Hochzeitstruhen der italienischen Renaissance als gesellschaftliche Repräsentationsmedien vorstellt und Virginie Spenlé, die ebenfalls soziologische Feldstudien anhand der Kabinettschränke des 17. Jahrhunderts betreibt, sind im Teil der historischen Studien hervorzuheben. Dass der Möbelentwurf eben nie nur zweckgebunden war, sondern auch und gerade den gesellschaftlichen Status des Besitzers verdeutlichen sollte, belegen auch die Aufsätze über Sammlungsmöbel in der Aufklärung und historische höfische Sitzmöbel.

 

Design und Gesellschaft

Richtig aktuell und handhabbar sind dann auch die Aufsätze von Herbert Lachmayer, der Chefzimmer vorstellt und den Lesern das Rüstzeug zur Hand gibt, endlich den eigenen Chef anhand seiner Inneneinrichtung zu klassifizieren, beeindruckend belegt durch Fotografien von Chefzimmern seit den zwanziger Jahren, und von Anne-Katrin Rossberg, die die Wohnkultur der entstehenden Moderne untersucht und uns verdeutlicht, wie aus Frauen Zimmer wurden.

 

Mit der Industrialisierung der Außenwelt und der Entpersönlichung des Alltags hat sich der Mensch auf sich selbst zurückbesonnen. Das beginnende zwanzigste Jahrhundert trägt dem in verschiedener Weise Rechnung. Psychoanalyse, Psychiater und der denkende Mensch an sich wurden wichtige Faktoren im kulturellen Leben, die ebenfalls zu ihrer Darstellung auf Möbel angewiesen waren. Ob dies sich in einer ganz bestimmten Einrichtung therapeutischer Kliniken zeigte, wie Witt-Dörring in seinem Aufsatz über Josef Hoffmanns Planung einer Wiener Nervenklinik beschreibt oder in einem literarisch-philosophischem Stream of Consciousness, dessen Thematik der Tisch als Denkmaschine der Literaten ist oder schließlich einfach nur in einem Gedankenaustausch einer Besuchergruppe, die über Möbelarrangements in einem Designmuseum räsonierte, vom Bett zum Stuhl, über Geländer und Lehne wird ein Großteil dessen abgedeckt, was wir im Alltag als Möbel bezeichnen würden. 

 

Für jeden und von allem etwas

Alle Aufsätze sind fundiert recherchiert und wenn auch manchmal die Gedankengänge nicht sofort nachzuvollziehen sind, so ist dank der vielen unterschiedlichen Autorencharaktere ein abwechslungsreiches und stets informatives Leseerlebnis gesichert. Man möchte fast behaupten, dass mit Sicherheit jeder auf seine Kosten kommen könnte, seien die Interessen eher theoretischer, literarischer, soziologischer, philosophischer, kunsthistorischer oder materialtechnischer Art. Dieser große Vorteil des Bandes ist auch sein einziger Nachteil. Möbel als Medien gelingt es aufgrund der verschiedenen Blickwinkel natürlich nicht, die Thematik erschöpfend zu bearbeiten, vielmehr bleibt man etwas fragend zurück, wenn auch mit vielen frischen Ideen. 

 

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