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Gilbert Achcar: Die Araber und der Holocaust

11.05.2012

Propagandaschlachten

Nahost-Interessierte kennen die Situation: geht es um Araber und den deutschen Nationalsozialismus, ist die Diskussion zuende, sobald ein Name fällt. Der 1974 verstorbene Großmufti von Jerusalem, Amin al-Huseini, hat offenbar für alle Zeiten den Ruf seiner Landsleute als bösartige Antisemiten geprägt, als er sich 1942 im vertrauten Gespräch mit dem deutschen Diktator in Berlin fotografieren ließ. Dass ein solcher Fokus die meisten Aspekte des arabischen Denkens damals wie heute übergeht, zeigt der libanesische Politikwissenschaftler Gilbert Achcar in Die Araber und der Holocaust. Der arabisch-israelische Krieg der Geschichtsschreibungen. Von PETER BLASTENBREI

 

Achcar (Áschkar) fächert in einem ersten Teil die arabische öffentliche Meinung der Jahre 1933-1948 in ihre Hauptströmungen Liberalismus, Nationalismus, Marxismus und Islamismus auf. Doch mit sehr seltenen Ausnahmen erschien allen arabischen Intellektuellen und Politikern dieser Zeit der deutsche Nationalsozialismus fremd und abstoßend. Mussolinis Italien hatte wegen seiner brutalen Repression in Libyen ohnehin den denkbar schlechtesten Ruf. Die traditionelle muslimische Judenfreundlichkeit blieb erhalten, und es fehlte nicht an Warnungen vor einer verstärkten Einwanderung nach Palästina als Folge der NS-Judenpolitik und vor einem neuen Kolonialismus mit deutschen Herren. Was nachgeahmt wurde – nicht nur in Arabien – waren Äußerlichkeiten, Uniformen, Disziplin, Grußformeln.

 

Bemerkenswert, aber eben nicht untypisch ist das noch 1947 erneuerte tiefe Bedauern der Arabischen Liga über die Verbrechen an den europäischen Juden und ihr Angebot, allen bereits ansässigen Juden in einem unabhängigen Palästina das Bürgerrecht zu verleihen. Genauso deutlich lehnten die Araber aber die Absicht der Siegermächte ab, die Folgelasten des Nazismus Palästina allein aufzubürden.

 

Ein wenig anders sah es bei einigen Islamisten aus, allen voran bei Raschíd Rída, dem geistigen Vater der Muslimbrüder, der seit 1929 europäische judenfeindliche Themen in seine Schriften übernahm. Doch muss auch hier genau hingeschaut werden. Weder bei ihm noch bei seinem kurzzeitigen Schüler Amín al-Huseíni war je von einer physischen Ausrottung der Juden die Rede. Der Großmufti, nicht ganz unberechtigt Achcars Lieblingsfeind unter den arabischen Führern dieser Zeit, vertrat noch 1943 Himmler gegenüber (!) die Vertreibung der nach 1917 eingewanderten Juden aus Palästina, nicht ihre Ermordung.

 

Neue Hitler von Nasser bis Arafat

Dennoch ist al-Huseini ab 1946 für die zionistische Propaganda zum Kronzeugen eines angeblichen mörderischen arabischen Antisemitismus nach Hitlers Vorbild geworden, bevor ihn Nasser als »Ersatz-Hitler« (S.222) ablöste. Doch anders als israelische Propagandisten bis heute behaupten, hat auch der ägyptische Präsident die nationalsozialistische Judenvernichtung niemals gutgeheißen oder abgestritten (wohl aber in einem einzigen Fall die Zahl der Ermordeten relativiert). Noch die vielzitierte antisemitische Stelle in Sadats Erinnerungen erweist sich als Interpolation, die erst in der englischen Übersetzung auftaucht.

 

Nasser leitet über zum zweiten Teil, der den arabisch-israelischen Propagandakrieg um den Holocaust von 1948 bis heute beleuchtet. Echte arabische Judenfeinde (im Sinn des europäischen Antisemitismus) sind auch heute sehr seltene Außenseiter. Umso klarer ist die Gegenposition bei den tonangebenden arabischen Intellektuellen, etwa bei den massiven Protesten gegen den Besuch des französischen Holocaustleugners Garaudy in Beirut 2001. Wo es nötig ist, spart Achcar nirgends mit Kritik an unklaren oder missverständlichen Positionen, etwa dem Rückfall der frühen PLO vor die Position der Arabischen Liga von 1947. Nicht weniger deutlich wird er gegenüber dem grobschlächtigen ethnozentrischen Umgang mit dem Holocaust in neueren israelischen Veröffentlichungen.

 

Gilbert Achcar
Foto: Anne Alexander Gilbert Achcar
Foto: Anne Alexander

Ein Meilenstein

Es gibt Bücher, die verändern den Umgang mit den Themen, die sie behandeln, für die Zukunft. Nach der Lektüre von Achcars Buch dürfte und sollte ein Diskussionsverlauf, wie der eingangs skizzierte nicht mehr möglich sein. Dabei ist schwer zu sagen, was man am Autor mehr bewundern muss, die materialreiche und dennoch klare und übersichtliche Darstellung, seine Ehrlichkeit, seine schier unglaubliche Belesenheit (auch bei israelischen Veröffentlichungen) oder seine Sprachkenntnisse.

 

Unparteiisch ist Achcar freilich nicht: er benennt und kritisiert Propagandalügen oder die unsäglichen ewigen Hitler-Vergleiche („Arafat-Hitler“, „Sharon-Hitler“) als das, was sie sind, auch wenn es manchmal schmerzt. Antizionismus ist nicht gleich Antisemitismus, die Nakba von 1948/49 ist mit dem Judenmord der Nazis in Dimension und Intention nicht vergleichbar, aber ebenso wenig der »wissenschaftliche« Antisemitismus Mitteleuropas mit dem Judenhass ungebildeter Fellachen, die von Zionisten konkretes Leid erfahren haben. Dennoch oder gerade deswegen kann ein künftiger Dialog und damit eine Verständigung ohne die rückhaltlose gegenseitige Anerkennung des Leids der jeweils Anderen nicht auskommen.

 

Bei den Palästinensern gibt es dafür ermunternde Signale. Der arabische Knessetabgeordnete Bishara nannte die Holocaust-Leugnung grausam und unmenschlich. In Nazareth gibt es heute eine privates Holocaustmuseum. 2009 fand in einem Dorf auf der Westbank eine Holocaustausstellung statt. Selbst der vielgeschmähte Jassir Arafat wollte 1998 das Washingtoner Holocaustmuseum besichtigen (wo er unter demütigenden Umständen abgewiesen wurde) und hat hinterher in Amsterdam auf eigenen Wunsch das Anne-Frank-Haus besucht.

 

 

Buchvorstellungen mit Gilbert Achcar und Lesung

 

Hamburg: Mittwoch, 16. Mai, 20 Uhr

Lesung und Gespräch mit Gilbert Achcar auf Französisch und Deutsch, Übersetzung: Sophia Deeg und Harald Etzbach

W3 – Werkstatt für internationale Kultur und Politik e.V., Nernstweg 32-34

(Eintritt 6 Euro, ermässigt 4 Euro)

 

Berlin: Donnerstag, 17. Mai, 19 Uhr

Buchvorstellung durch Prof. Dr. Fanny-M. Reisin, Präsidentin International League for Human Rights – GermanyDer Autor ist anwesend und steht für Fragen und Gespräch zur Verfügung.

Haus der Demokratie und Menschenrechte, Greifswalder Straße 4

 

 

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