Ein Meilenstein
Es gibt Bücher, die verändern den Umgang mit den Themen, die sie behandeln, für die Zukunft. Nach der Lektüre von Achcars Buch dürfte und sollte ein Diskussionsverlauf, wie der eingangs skizzierte nicht mehr möglich sein. Dabei ist schwer zu sagen, was man am Autor mehr bewundern muss, die materialreiche und dennoch klare und übersichtliche Darstellung, seine Ehrlichkeit, seine schier unglaubliche Belesenheit (auch bei israelischen Veröffentlichungen) oder seine Sprachkenntnisse.
Unparteiisch ist Achcar freilich nicht: er benennt und kritisiert Propagandalügen oder die unsäglichen ewigen Hitler-Vergleiche („Arafat-Hitler“, „Sharon-Hitler“) als das, was sie sind, auch wenn es manchmal schmerzt. Antizionismus ist nicht gleich Antisemitismus, die Nakba von 1948/49 ist mit dem Judenmord der Nazis in Dimension und Intention nicht vergleichbar, aber ebenso wenig der »wissenschaftliche« Antisemitismus Mitteleuropas mit dem Judenhass ungebildeter Fellachen, die von Zionisten konkretes Leid erfahren haben. Dennoch oder gerade deswegen kann ein künftiger Dialog und damit eine Verständigung ohne die rückhaltlose gegenseitige Anerkennung des Leids der jeweils Anderen nicht auskommen.
Bei den Palästinensern gibt es dafür ermunternde Signale. Der arabische Knessetabgeordnete Bishara nannte die Holocaust-Leugnung grausam und unmenschlich. In Nazareth gibt es heute eine privates Holocaustmuseum. 2009 fand in einem Dorf auf der Westbank eine Holocaustausstellung statt. Selbst der vielgeschmähte Jassir Arafat wollte 1998 das Washingtoner Holocaustmuseum besichtigen (wo er unter demütigenden Umständen abgewiesen wurde) und hat hinterher in Amsterdam auf eigenen Wunsch das Anne-Frank-Haus besucht.
Buchvorstellungen mit Gilbert Achcar und Lesung
Hamburg: Mittwoch, 16. Mai, 20 Uhr
Lesung und Gespräch mit Gilbert Achcar auf Französisch und Deutsch, Übersetzung: Sophia Deeg und Harald Etzbach
W3 – Werkstatt für internationale Kultur und Politik e.V., Nernstweg 32-34
(Eintritt 6 Euro, ermässigt 4 Euro)
Berlin: Donnerstag, 17. Mai, 19 Uhr
Buchvorstellung durch Prof. Dr. Fanny-M. Reisin, Präsidentin International League for Human Rights – Germany. Der Autor ist anwesend und steht für Fragen und Gespräch zur Verfügung.
Haus der Demokratie und Menschenrechte, Greifswalder Straße 4