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Christoph Schulte-Richtering: Die Kunst der Weltklugheit

27.04.2012

Klugscheißer bleibt Klugscheißer

Die Kunst der Weltklugheit ist ein Ratgeber, den vor 350 Jahren ein spanischer Jesuit geschrieben hat. Die Übertragung in die Jetztzeit von Christoph Schulte-Richtering zeigt: Früher waren die Klugscheißer auch nicht besser. Aber zumindest stilistisch angenehmer. Von JAN FISCHER

 

Das große Problem an Ratgebern ist ja, dass sie meistens nichts bringen, sondern gerne mal voller hochspannender und kluger Ratschläge steckt wie »Auf den Zehenspitzen kann man nicht gehen« (Tao Te King) oder »Äußere Unordnung ist ein Anzeichen für innere Unordnung. Ein aufgeräumter Schreibtisch ist ein aufgeräumter Geist« (Simplify your Life). Das eine entstand so ca. 400 v. Christus, das andere 2004. Ziemlich genau dazwischen, 1647, liegt Das Handorakel oder die Kunst der Weltklugheit des spanischen Schriftstellers und Jesuitenmönchs Balthasar Gracian, das dem Leser wunderbare Weisheiten wie »Sogar unter den Menschen sind die Riesen meistens die eigentlichen Zwerge« mit auf den Weg geben möchte.

 

Aber selbstverständlich ist es leicht, sich über Ratgeber lustig zu machen, fest steht: Die Menschen scheinen sie zu brauchen, vielleicht zur Bestätigung, dass sie alles richtig machen, vielleicht, weil sie sich gerne mal so richtig schlecht fühlen wollen. Zumindest verkaufen sie sich gut.

 

Es wäre tatsächlich auch unfair, sich über Ratgeberliteratur lustig zu machen – selbst neuzeitliche Ratgeber wie Simplify your Life basieren auf alten religiösen Konzepten – bevor man sich darüber lustig macht, lohnt es sich auf jeden Fall, sie mal zu untersuchen. Dann kann man ja immer noch lachen, aber dann geht es schon meistens nicht mehr.

 

Samstagabendcomedy

Was steckt also hinter Die Kunst der Weltklugheit? Zuallererst: Die Aufklärung. Gracians Ratgeberbuch ist – selbstverständlich – ein Kind seiner Zeit, ein Kind seines Autors. Und der war ein der Aufklärung verpflichteter Jesuit. Die Kunst der Weltklugheit steckt also voller Ratschläge zur Mäßigung, dazu, die Dinge stoisch zu ertragen, vernünftig und klug zu sein, Dinge zu durchdenken, die Gefühle – wenn sie denn schon sein müssen – unter Kontrolle zu halten. Stilistisch ist Gracian vielleicht mit Montaigne zu vergleichen – dieselben klug um einen Gedanken gewundenen Sätze, die gleichzeitig völlig klar und verrätselt sind. Aber wenn man bei Montaignes Essais den Eindruck hat, hier erkläre einem ein Freund einen Gedanken, hat man bei Gracian zwar dasselbe Gefühl, aber es ist nicht der nette Freund, der einem erklärt, was er sich gerade gedacht hat, sondern der andere Freund, der nervige, der unbedingt will, dass man sein ganzes Leben ändert, weil es einem dann sicherlich viel besser gehe. Gracian, so schön gewunden seine Sätze auch sind, ist am Ende doch nur ein Klugscheißer, der einem seine Lebensführung aufdrücken will. So fühlt es sich zumindest an, wenn man Die Kunst der Weltklugheit liest.

 

An demselben Problem krankt Schulte-Richterings gleichnamige Übertragung des Werkes in die Neuzeit: Auch wenn seine Ratschläge gespickt sind mit Witzen über die Champions League und Lothar Matthäus, sind es am Ende doch dieselben schulmeisterlichen Aufrufe zur Vernunft, Kontrolle und Mäßigung wie bei Gracian. Zugegeben, inhaltlich kann man das finden wie man will, und Reibung ist ja auch nicht der schlechteste Weg zur Selbsterkenntnis. Während allerdings Gracian ein wirklich begnadeter Stilist ist, der seine Lebensweisheiten in funkelnde Aphorismen gießen kann, ist Schulte-Richtering stilistisch eher Samstagabendcomedy. Und das ist tatsächlich das eigentliche, das große Problem: Gracians aufklärerisches Traktat in die Jetztzeit zu übertragen und als Ratgeber neu zu verkaufen, das ist ein Projekt, das man finden kann, wie man will. Den funkelnden Stil des Originals allerdings herunterzukochen auf Schenkelklopfer zum Thema Lothar Matthäus, das ist dann doch eher armselig.

 

Noch ein Fun Fact zum Schluss: In seinem Nachfolgwerk zur Kunst der Weltklugheit namens El Criticon (Der Nörgler), wandte sich Gracian von der Aufklärung ab und wurde Skeptiker. Man kann ihn gut verstehen. 

 

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