• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Montag, 29. Mai 2017 | 17:12

    Tony Judt: Das Chalet der Erinnerungen

    13.04.2012

    Augenblicke des »alten Europa«

    Tony Judts literarischer Gang durch sein Chalet der Erinnerungen.

     

    Von WOLFRAM SCHÜTTE

     

    Erst am Ende seines Lebens wurde der in London 1948 geborene und in den USA lehrende & dort 2010 gestorbene Historiker Tony Judt auch bei uns bekannt, indem man seine jüngsten Bücher übersetzte; und es fragt sich, ob nicht sein lang gestreckter Todeskampf, den er als allmählich verstummendes Opfer einer seltenen unheilbaren Nervenkrankheit durchmachen musste, dazu beigetragen hat.

     

    Zumindest sein allerletztes Buch – das eben in seinem deutschen Verlag erschienene & von Matthias Fienbork übersetzte Chalet der Erinnerungen – ist in der Endphase seines Todeskampfs entstanden & als bewusste Ablenkung gegen seine nächtliche Einsamkeit & die hilflose Isolation des von wachsender Unbeweglichkeit seines Körpers geplagten Autors benutzt worden. Was er in den einsamen Stunden der Nacht seinen Erinnerungen entgraben oder seiner Phantasie & Reflexion verdankte, hat er nach einem von ihm entwickelten memotechnischen System aufbewahrt und am Tag einem Helfer diktiert: autobiographische Reminiszenzen, Betrachtungen & Kommentare zur Zeit.

     

    Dabei sind vor allem die ersten Stücke der dreiteiligen Sammlung am schönsten, weil der Autor überraschende Wege beschreitet, um seine kindlich-jugendliche Vergangenheit in einer Londoner jüdischen Friseursfamilie heraufzurufen. Während die Mutter aus England stammte, kam der Vater aus Belgien und dessen Eltern aus Osteuropa. Tony Judt war das erste Familienmitglied mit Hochschulreife. Nach dem Studium am King’s College in Cambridge arbeitete er später dortselbst, in Berkeley & New York als Professor. 

     

    Paradoxien des Lebens

    Er nähert sich seinen komplexen Familienverhältnissen im ärmlichen London der Nachkriegszeit & der von der regierenden Labour-Party bestimmten »Austerity« der allgemeinen Lebensverhältnisse über Betrachtungen zum Essen (auf dessen Geschmack er erst 1970 in Paris gekommen ist) und über Autos, wobei er mutmaßt, seines Vaters ebenso exzentrische wie teure Liebe zu Citroëns (in England!) habe sowohl mit seinem »kontinentaleuropäischen« Herkommen zu tun, wie damit, dass der französische Autobauer Jude war – und sich also auch nicht wie der kollaborierende Peugeot(-Konzern) während der deutschen Besatzung kompromittiert hatte.

     

    Aber Tony Judt erinnert nicht nur solche sehr persönlichen Lebensmomente, sondern auch darüber hinausgehende Spezifika, wie die Rolle & Funktion der britischen Busse der »Green Line«, wobei sein erinnerndes Interesse, Dank seines großartigen Gedächtnisses, wie auch bei den von ihm besonders geliebten Eisenbahnzügen, bis ins soziologische, resp. soziale Detail geht. Tony Judts Aufmerksamkeit für das unscheinbarste Detail des sozialen Lebens & seiner Paradoxien erlaubt ihm auch – rückblickend auf seine Kindheit in London, seine Jugend in Cambridge und seinem Aufenthalt in einem israelischen Kibbuz oder später als zeitweiliger Student & Hochschullehrer – originelle Erkenntnisse über ganz verschiedene Lebens- & Gesellschaftserfahrungen, die er an unterschiedlichen Orten & Zeiten machen konnte, in seinem nicht nur autobiographischen Buch, vornehmlich aus dem »alten Europa« (Rumsfeld), zu sammeln. 

     

    Höflichkeit und Rücksichtnahme

    Besonders verblüffend sind seine Überlegungen zu den »Bedders«, wie in Cambridge die für die dort studierenden und lebenden Studenten angestellten (zumeist weiblichen) Bediensteten hießen. Sie kümmerten sich um die Alltagsbesorgungen – saubermachen, Kaffee kochen, Bett aufräumen etc. –, weil die ursprünglich »feinen Herren« aus Elternhäusern mit Bediensteten stammten und derlei Umsorgung gewohnt waren. Zu seiner Zeit waren aber schon Studenten aus anderen, niederen sozialen Schichten & Klassen an der Tagesordnung von »Oxbridge«, und als Judt stellvertretenden Leiter des King‘s College war, musste er einmal einen Streit schlichten, weil sich eine Bedder darüber beklagt hatte, dass während der siebziger/achtziger Jahre Studenten eines Morgens nackt tanzend auf dem Rasen angetroffen worden sind und nichts dabei gefunden hatten.

     

    Sehr wohl aber die Bedder, die durchaus schon Nacktheit bei ihren Schutzbefohlenen erlebt hatte, aber nun schockiert war, dass dabei auch Mädchen derart auftraten und niemand den Skandal zu vertuschen oder zu überspielen versuchte, sondern sich die Studenten über ihr Unbehagen auch noch lustig machten. Es waren – wie einst Judt selbst – Aufsteiger, welche die Bedder quasi als gleichberechtigt behandelten »und genau das kränkte sie«, analysiert der Autor im Rückblick den Vorfall und die prekäre Szene. Die Bedder wusste – anders als die studentischen Aufsteigerkinder –, dass sie de facto nicht auf einer Stufe mit ihnen stand. Aber sie durfte »mindestens Respekt und Rücksichtnahme verlangen« als »unterbezahlte Dienstkraft«.

     

    Vergeblich versuchte Judt den zehn Jahre jüngeren Studenten, die »es ja nur gut meinten«, zu erklären, warum sie mit ihrem scheinbaren Egalitarismus, in dem der Autor hier nur die »armselige Vision der monadischen Produktionseinheit im eigennützigen Kapitalismus« erkennt, die Bedder »so gedemütigt und gekränkt« hatten. Denn zwar hatten diese überwiegend linken Studenten nicht die traditionelle Institution der Bedders abschaffen wollen, von der ja auch sie profitierten; aber indem sie sogar dafür waren, dass diese Frauen besser bezahlt werden sollten, meinten sie, das entbinde sie von der Pflicht zur »Höflichkeit und Rücksichtnahme«, schreibt Judt. Damit wäre mitnichten die reale soziale Benachteiligung der Bedders aufgehoben, jedoch ihr Statusverlust wäre ein Faktum. »Die Bedder [...] mochte eine einfache, ungebildete Frau sein, aber sie hatte instinktiv einen sehr genauen Begriff von den sozialen Verhältnissen, von den ungeschriebenen Gesetzen und Moralvorstellungen, auf denen eine Gesellschaft beruht«.

     

    Reines Vergnügen

    Tony Judt, der mit ironischem Neid auf die zu seiner Zeit sprichwörtlichen französischen Intellektuellen blickt, war selbst ein großer europäischer Aufklärer & pragmatischer Intellektueller, der seinesgleichen Achtundsechziger nun kritisch nachruft, dass man sich damals mit geografisch fernen »Freiheitsbewegungen« beschäftigte, aber den Kollaps des real existierenden Kommunismus im nahen Ostblock (DDR, Polen CSSR) nicht wahrgenommen habe. In dieser Hinsicht ist der Parteigänger eines fundamentalen Sozialdemokratismus, dem er in einem seiner letzten Bücher mit der Adresse USA Kränze gewunden hat, rückblickend ungerecht. Die »Neue Linke« war weit jenseits der Orthodoxie, nur hat sie die Irreparabilität der kommunistischen Systeme unterschätzt – bis zum Einmarsch der Warschauerpaktstaaten in die CSSR und bis die Wahrheit über Pol Pot bekannt wurde.

     

    Auch sein Jüdischsein ist mehrfach für den rückblickenden Historiker sowohl Reflexionsgegenstand als auch eine Selbstverständlichkeit. Nachdem er schon sehr früh aus eigener Erfahrung die bornierte Kehrseite der Kibbuz-Ideologie durchschaut hatte, ist er auch ein linksliberaler Kritiker sowohl des derzeitigen Israels als auch dessen konservativer Lobby in den USA gewesen, was ihm keine Freunde schuf, es sei denn falsche, die der temperamentvolle & jederzeit unabhängige Tony Judt aber abzuwehren wusste.

     

    Seine letzten Fragmente einer großen Konfession zum »Alten Europa« klingen aus, wie sie angeklungen haben: mit einer Hommage an die Schweiz, wo das Chalet steht, in dem seine Familie in der Nachkriegszeit ihre Winterferien verbracht hatte. Diesen Ort konnte der todkranke Autor mit allen architektonischen Details noch einmal imaginieren und seine verstreuten Erinnerungen dort nächtlich lokalisieren & versammeln, um sie tagsüber zum Protokollieren abzurufen. Das facettenreiche Buch ist nicht nur eine melancholische Revue, sondern dank der Geistesgegenwärtigkeit seines Autors, auch zugleich immer im Blick auf unsere Gegenwart geschrieben: janusköpfig, hellen Geistes. Also literarisch wie intellektuell ein reines Vergnügen.

     

    | kommentar schreiben

    Name:
    Kommentar:

    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

    Seitenhiebe

    Auf ihrem nächtlichen Heimweg werden Anne und René Winkler (Natascha Paulick, Stefan Kurt) von drei jungen Männern attackiert und brutal zusammengeschlagen. Die Polizisten Phillip ...

    Petraeus und sein Stab

    Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

    Die Geschichte geht weiter

    Wieder ein Weltbestseller – Carlos Ruiz Zafóns Roman Der Gefangene des Himmels. Von PETER MOHR

    Tage, Tage, Jahre

    Staunen, entdecken, querlesen, umblättern, abreißen – Literaturkalender begleiten uns verlässlich durchs Jahr, versorgen uns häppchenweise und gut dosiert mit ungeahnten ...

    ... bis sie dann gestorben sind.

    Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

    Musik in Schwarz-Weiß

    Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    Zwischen Karikatur und Avantgarde

    Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter