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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. Juli 2017 | 15:00

    Wael Ghonim: Revolution 2.0

    13.04.2012

    Revolution X

    Versionsbezeichnungen bei Revolutionen liegen im Trend: Nach dem Buch Revolution 3.0, das Porträts und Stimmen von Online-Aktivisten bündelte, folgt nun Revolution 2.0 – Wie wir mit der ägyptischen Revolution die Welt verändern. Der Autor Wael Ghonim schildert darin seine Rolle als Facebook-Aktivist während des Sturzes des Machthabers Hosni Mubarak. Der Titel des Buchs wirft unweigerlich drei Fragen auf: Was ist aus der Revolution 1.0 geworden? Welche Rolle spielten die »Neuen Medien« während des Umsturzes tatsächlich? Und welchen Einfluss auf die Welt kann die ägyptische Revolution haben? Antworten auf diese Fragen hofft JÖRG FUCHS in Revolution 2.0 zu finden!

     

    Revolutionen stützen sich nicht nur auf Waffen, sondern vor allem auf wirksame Bilder. Während der ägyptischen Revolution stellte das Foto des von Sicherheitskräften im Juni 2010 zu Tode geprügelten Bloggers Khaled Said eine der eindrücklichsten Ikonen dar. Sie inspirierte den Computerexperten und Google-Mitarbeiter Wael Ghonim zur Einrichtung der Facebook-Seite »Kullena Khaled Said« (»Wir sind alle Khaled Said«). Dort schrieb er – anonym – regimekritische Texte, veröffentlichte Fotos und Videos von Übergriffen ägyptischer Polizei- und Sicherheitskräfte und rief zu friedlichen Protestveranstaltungen auf. Damit löste er eine Lawine von Ereignissen aus, die im Februar 2011 im Sturz des Machthabers Mubarak gipfelten.

     

    Der Autor Wahel Ghonim
Foto: Wahel Ghonim
Lizenz: CC BY-SA 3.0 Der Autor Wahel Ghonim
    Foto: Wahel Ghonim
    Lizenz: CC BY-SA 3.0

    Beflügelt von der weitgehend unblutigen »Jasminrevolution« in Tunesien, in deren Verlauf Staatsoberhaupt Zine el-Abidine Ben Ali gestürzt wurde und auf die er sich in seinen Facebook-Artikeln immer wieder bezieht, versucht Ghonim zunächst eine Öffentlichkeit herzustellen. Durch seine Beschäftigung als Marketingexperte ist ihm bewusst, wie er sein Publikum ansprechen muss. So schreibt er seine Beiträge in einem umgangssprachlichen ägyptischen Dialekt, um seiner Zielgruppe näher zu sein Es ist ihm zudem wichtig »den Mitgliedern der Seite das Gefühl zu geben, dass ich einer von ihnen war und mich in keiner Weise von ihm unterschied. […] Diese Formlosigkeit trug zur Beliebtheit der Seite bei und erhöhte bei den Leuten die Akzeptanz der Mitteilungen.«

    Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, dass nicht lediglich die reine Nutzung Neuer Medien zwangsläufig zu Veränderungen führt. Ihr Einfluss steht und fällt mit der Motivation, der Ausgestaltung und der Zielstrebigkeit derjenigen, die diese mit Leben und Inhalten füllen.

     

    Diese Motivation wird von Ghonim eindrucksvoll geschildert – und stellt einen Höhepunkt in seinen Betrachtungen dar: Er möchte nicht »Anführer« einer Bewegung sein. Vielmehr bündelt er den Protest zunächst »virtuell« und initiiert ein Gemeinschaftsgefühl unter vielen jungen Ägyptern, die mit den gesellschaftlichen Strukturen unzufrieden sind. Dadurch, dass er sich nicht an ihre Spitze stellt, macht er sich nicht nur unangreifbar für den Sicherheitsapparat. Auch verhindert er, dass sich Protestierende hinter ihm und seiner Meinung verstecken können. Ghonim will die Bewegung vom Internet auf die Straße bringen – wobei er weiß, dass dies nur gelingen kann, wenn er den jungen Ägyptern die Angst vor Protest und den staatlichen Organen nimmt. Er muss den Wiederstand aus der Anonymität des Internets holen und ihm ein Gesicht geben, wobei er von Anfang an eine konsequente Strategie der Gewaltlosigkeit verfolgt.

    Seine erste organisierte Protestveranstaltung, die noch sehr zögerlich in Form einer stummen Menschenkette abläuft, vervielfacht sich in seiner Wirkung rasch durch die Darstellung auf der Webseite. Zusätzlich schaffen die Demonstranten sich somit die Selbstvergewisserung, Teil einer wachsenden Gemeinschaft zu sein. Einer Gemeinschaft, die sich nicht davor fürchten muss, den Protest auf die Straße zu tragen.

     

    Eine persönliche Tragödie

    Lesenswert macht das Buch, dass Ghonim nicht lediglich die Abläufe der lawinenartig anwachsenden Revolution beschreibt. Packend und sehr emotional schildert er die persönlichen Ängste, die mit seiner Rolle als Aktivist einhergehen: Wie kann er seine Familie schützen? Welchen Mitstreitern kann er vertrauen? Was passiert, wenn seine Aufrufe zu Demonstrationen ungehört verhallen? Wie reagiert das Regime auf die Proteste?

     

    Die Strategien, seine lebenswichtige Anonymität sicherzustellen, ohne dabei lediglich als gesichtsloser Administrator einer Webseite zu fungieren, schildert er spannend wie einen Thriller. Über mehrere Kontinente spannt er sein Beziehungsgeflecht auf, um eine Absicherung seiner Facebook-Seite und seiner Mitstreiter zu erreichen. Peinlich ist er darauf bedacht, keine Spuren zu hinterlassen, katastrophal können sich kleine Fehler und Nachlässigkeiten auswirken.

    Doch all seine Vorsicht zahlt sich nicht aus. Just vor den großen Umwälzungen des Landes inhaftieren ihn staatliche Sicherungsorgane. Es beginnt ein packendes Wechselspiel der persönlichen Tragödie, die ihm in den zwölf Tagen seiner Einkerkerung mit Misshandlungen in Fesseln und Dunkelheit widerfährt und den Ereignissen, die sich außerhalb seiner winzigen Zelle abspielen – im Internet, in den Moscheen, auf den Straßen.

     

    Unglücklicher Untertitel

    Welche der anfangs aufgeworfenen Fragen konnte dieses Buch nun beantworten? Die Frage, was die Revolution 1.0 ausmache, wird in einem Satz im Nachtrag gestreift und als Revolution einzelner charismatischer Führer mit Waffeneinsatz abgehandelt – so als ob es nie friedliche Umstürze wie in der DDR gegeben hätte. Geschenkt! Dieses Thema ist schließlich nicht Schwerpunkt von Ghonims Betrachtungen. Interessanter sind die Schlussfolgerungen in Bezug auf die Rolle der Neuen Medien, vor allem der sozialen Netzwerke. Selbst der Autor muss hier eingestehen, dass die Revolution kein direktes Ergebnis dieser Medien sei, auch wenn er das Internet als Grundlage revolutionärer Umwälzungen versteht. Im vorliegenden Falle ergänzten sich mehrere Komponenten: Die glückliche Revolution in Tunesien stand als leuchtendes Vorbild, die untragbaren Zustände der Gängelung durch die ägyptische Polizei und Sicherheitskräfte boten den Zündstoff. Angefacht durch die Möglichkeit, Protestpotenzial mittels des Internets zu aktivieren und zu multiplizieren, weiteten sich die lokalen Aktionen zu einem Flächenbrand aus. Dieser erfasste das Land mit einer Wucht, den letztlich auch der Organisator des Internetprotestes nicht mehr beherrschen konnte.

     

    Äußerst unglücklich ist der deutsche Untertitel des Buches gewählt. Wird im Original die Stärke des Einzelnen in der Gesamtheit des Protestes im Credo The power of the people is stronger than the people in power nachvollzogen, stellt der deutsche Untertitel die rein rhetorische – und nirgends im Buch beantwortete Frage: Wie wir mit der ägyptischen Revolution die Welt verändern. Diesen Anspruch erhebt nicht einmal Wael Ghonim, der über die Zukunft Ägyptens geschweige denn über die Situation in anderen Ländern keine Einschätzung abgeben möchte. Auf die Frage eines CNN-Reporters, was nach Tunesien und Ägypten komme, antwortet er: »Ask Facebook!«

     

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    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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