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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 21. Juli 2017 | 04:31

    Tina Soliman: Funkstille

    30.03.2012

    Bitte höre, was ich nicht sage

    Sie trifft die Menschen ohne Vorankündigung, sie macht fassungslos und wer zurückbleibt, versucht zu verstehen, umkreist mit seinen Gedanken das, was war und das, was sein könnte: Warum spricht der andere nicht mehr mit mir? Warum reagiert er nicht mehr auf mich? Was ist passiert? Tina Soliman hat ein Buch über das Phänomen der Funkstille geschrieben. Es ist ein Buch über das Unausgesprochene, das Menschen trennt, die einander einmal sehr nahe waren.

    Von KATHRIN NORD

     

    Wer ohne Abschied und auf unbestimmte Zeit verlassen wird, bleibt in einer Art Schwebezustand zurück. Er will verstehen, wie es zum Kontaktabbruch kommen konnte, fragt sich nach dem »Warum?«, auf das er doch keine Antworten bekommt – und verbleibt so gefühlsmäßig in der eigentlich nicht mehr existierenden Beziehung. Die Funkstille ist für den Verlassenen schwer begreifbar und die Trennung schwierig zu akzeptieren.

     

    Schweigen ist Kommunikation

    Warum lösen sich Menschen schweigend aus Beziehungen, statt die Konflikte zu lösen? Teilen die Abbrecher bestimmte Persönlichkeitszüge – und die Verlassenen vielleicht ebenso? Wiederholt sich etwas in ihrer Biografie? Um Fragen wie diese zu beantworten, stellt die Autorin insgesamt sieben Beziehungen vor, in denen Funkstille herrscht, fünf familiäre und zwei partnerschaftliche. Sie hat diejenigen besucht und interviewt, die den Kontakt abgebrochen haben und diejenigen, die ohne Erklärungen zurückgeblieben sind. Außerdem hat sie mit verschiedenen Psychoanalytikern und Psychotherapeuten gesprochen und gemeinsam mit ihnen nach Antworten auf die Frage nach dem »Warum?« gesucht.

     

    Das Buch beschreibt einen Prozess des Verstehens, denn auch die Autorin nähert sich der Funkstille zunächst unwissend. Für sie steht zu Beginn nur fest: Schweigen ist Kommunikation. Man kann nicht nicht kommunizieren. Und außerdem: Der Abbrecher hatte sich bereits vor der Funkstille insgeheim aus der Beziehung losgelöst. So plötzlich wie der Verlassene den Kontaktabbruch erlebt, ist er eigentlich nicht erfolgt.

     

    Befreiungsschlag des Unterlegenen

    Es wird wohl für den Leser ebenso überraschend sein, wie es für die Autorin war, als sie feststellte, dass die Funkstille keine eindeutigen Rollenzuweisungen zulässt: Der Verlassene ist nicht per se Opfer und der Abbrecher nicht per se Täter. Beide leiden. Und wie bei allem Zwischenmenschlichen gibt es mehrere »subjektive Wahrheiten«.

     

    Fest steht: Der Abbrecher handelt so still und unsichtbar, weil er keinen anderen Ausweg sieht aus der in der Regel engen, manchmal fast symbiotischen Beziehung. In der Regel war der später Verlassene dominant, der Abbrecher der Schwächere. Oft ist es gerade das besonders enge Verhältnis und sind es die besonders starken Gefühle zwischen den beiden Personen, die es wenigstens einer unmöglich machen, sich auszusprechen. Die Funkstille ist dann der Befreiungsschlag des Unterlegenen. Manchmal dient sie ihm auch als Machtbeweis. Er kann durch den Kontaktabbruch und durch seine Verweigerung die Machtverhältnisse umdrehen; er ist nun so gesehen der Stärkere – bleibt aber auch der Schwächere aufgrund seiner Unfähigkeit, Konflikte durch Gespräche zu lösen.

     

    So zeigt das Buch, dass nicht nur menschliche Beziehungen komplex sind, ihr Ende oder ihre Pausen sind es oftmals ebenso. Und ihnen gehen längere Geschichten voran; teilweise reichen die Erklärungen wie es zur Funkstille kommen konnte Generationen zurück, wenn bestimmte, in der Familie gelernte Verhaltensmuster beleuchtet werden, die die Funkstille begünstigen.

     

    Tina Solimann
Foto: Monique Wernbacher Tina Solimann
    Foto: Monique Wernbacher

    Einfühlsam und bildhaft

    Das Buch Funkstille geht auf Tina Solimans Fernseh-Dokumentation Für mich bist du gestorben zurück, die im NDR ausgestrahlt wurde. So erzählt Soliman auch von den verschiedenen Drehs, von den Gesprächen in ihrem Fernseh-Team, mit Redakteuren oder der Kamerafrau. Es macht Spaß, ihr und ihrem Team bei diesem leisen Thema an die verschiedenen Orte und zu den verschiedenen Betroffenen und Experten zu folgen. Die Autorin handelt die Fallbeispiele jedoch nicht einzeln nacheinander ab, sondern stellt zunächst die Verlassenen, dann die Abbrecher vor, um anschließend immer wieder auf die einzelnen Geschichten der Betroffenen und ihre Beziehungen einzugehen, die Personen zu Wort kommen zu lassen. Auf diese Weise werden die Themen des Schweigens, werden die verschiedenen Motive hinter der Funkstille oder auch die verschiedenen Persönlichkeiten facettenreich dargestellt und die Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet. Gleichzeitig ist es diesem Aufbau geschuldet, dass es zu Wiederholungen bzw. Doppelinformationen kommt.

     

    Die Autorin führt den Leser durch das zunächst Unverständliche, lässt ihn die Ratlosigkeit der Verlassenen miterleben, aber auch ihre subjektive Sichtweise auf Dinge als solche erkennen. Redet der Verlassene, denkt Soliman die mögliche subjektive Wahrheit der Abbrecher mit, hört zwischen den Zeilen, was ihm selbst noch unbewusst ist und fragt einfühlsam nach. Genauso geht sie vor, wenn sie mit der anderen Seite spricht. Es geht ihr nicht um die Suche nach einem Schuldigen, sondern um die Suche nach Erklärungen. Zum Streiten, so heißt es, gehören immer zwei; zur Funkstille, so stellt man fest, ebenso.

     

    Soliman schreibt einfühlsam und bildhaft. Insgesamt ein empfehlenswertes, gut lesbares Buch für alle, die das Phänomen der Funkstille besser verstehen wollen.

     

     

    Dokumentation im ZDF

    Dienstag, 3. April 2012, 22.15 - 22.45 Uhr

    37 Grad. Abgetaucht. Wenn Menschen den Kontakt abbrechen

    Ein Film von Tina Soliman, Kamera: Torsten Lapp

     

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    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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