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Friedrich Kellner: »Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne« Tagebücher 1939-1945

30.03.2012

Der Unbeugsame

Wir befinden uns im Jahr 1938. Ganz Deutschland ist gleichgeschaltet … ganz Deutschland? Nein! Ein unbeugsamer Geist in der hessischen Kleinstadt Laubach hört nicht auf, der nationalsozialistischen Rhetorik und Propaganda Widerstand zu leisten. Nach Victor Klemperer öffnet nun ein weiterer politischer Chronist die Pforten zu seinen Gedanken. VIOLA STOCKER lässt sich von Friedrich Kellners tapferer Niederschrift eine Lektion in Demokratie und Menschenrechte erteilen.

 

August Friedrich Kellner wurde am 1. Februar 1885 als erstes Kind von Georg Friedrich Kellner und Barbara Wilhelmine Vaigle in Vaihingen/Enz geboren. Sein Vater arbeitete in einer Bäckerei. Um seinem einzigen Sohn im aufstrebenden Kaiserreich jeden nur erdenklichen Vorteil zu gewähren, zog Georg Kellner mit seiner Familie nach Mainz, wo er als Bäckermeister eine Stellung fand. Friedrich Kellner war ein kluger Junge, der 1902 erfolgreich seine Entlassungsprüfung an der Oberrealschule bestand. Er folgte dem Rat seines Vaters, eine Laufbahn in der Justizverwaltung in Betracht zu ziehen. Bis 1932 arbeitete er am Mainzer Gericht.

 

Weltkriegsveteran

Friedrich Kellner leistete einen Kriegsfreiwilligendienst in der Armee und wurde zum Vizefeldwebel befördert. 1911 verlobte er sich mit Karolina Paulina Preuß, geboren 1888 in Mainz. Sie hatte die Realschule besucht und arbeitete seit 1908 als Büroangestellte in der Schöfferhof-Bierbrauerei AG. 1914, kurz nach Kriegsbeginn, wurde sein Regiment in den Kampf befohlen. Kellner kämpfte in Nordfrankreich. Als Patriot wollte er sein Vaterland schützen, doch die Sinnlosigkeit des Tötens stieß in ab. Noch im selben Jahr wurde er am Bein verletzt. Trotz dieser Schwierigkeiten wurde Friedrichs und Paulines Sohn zwei Jahre später, am 29. Februar1916 geboren.

 

Mit Ende des ersten Weltkrieges begann für Deutschland eine lange Zeit gewaltsamer politischer Auseinandersetzungen. Friedrich und Pauline Kellner begrüßten die junge Demokratie, in deren Verfassung erstmals Bürgerrechte verankert waren. 1920, zur Zeit seiner Beförderung zum Justizinspektor, trat Friedrich Kellner der SPD bei. Ab 1925 wandte er sich als engagierter Redner immer deutlicher gegen politische Extremisten, die seit dem Erscheinen von Mein Kampf ständig mehr Zulauf erhielten. 

 

Antifaschist der ersten Stunde

Von Anfang an machte Friedrich Kellner keinen Hehl aus seiner Ablehnung des Nationalsozialismus. Als SPD-Mitglied kämpfte er aktiv für die Stärkung der gebeutelten Demokratie. Als nach der Weltwirtschaftskrise die Extremisten erstarkten und selbst Friedrich Kellners unmittelbare Umgebung, sein Sohn eingeschlossen, sich positiv über die Nationalsozialisten äußerste, bekam Friedrich Kellner erstmals berufliche Probleme wegen seiner politischen Gesinnung. Im Januar 1933, kurz vor der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, zog Friedrich Kellner nach Laubach, als leitender Beamter des dortigen Amtsgerichts in der Hoffnung, sich so aus der politischen Schusslinie zu bringen.

 

Schnell wurde auch in Laubach Druck auf Kellner ausgeübt, der NSDAP beizutreten. Doch weder Friedrich Kellner noch seine Frau wurden jemals Mitglied der Partei oder ihr nahe stehender Organisationen. Das Misstrauen gegenüber den Nazis nahm mit Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes und der folgenden Gesetze noch zu und Friedrich Kellner ahnte früh, dass Hitler einen Krieg anstrebte. Um seinen wankelmütigen Sohn vor Unheil zu bewahren, schickte Friedrich ihn in die USA zu Verwandten. 

 

Ein Rufer in der Wüste

Friedrich Kellner hörte nicht auf, sich gegen die Nazis zu engagieren. 1935 verhalf er einer jungen jüdischen Familie zur Flucht aus Deutschland, 1937 reiste er nach Straßburg, um von dort warnende Briefe an den US-Außenminister abzuschicken. Im September 1938, nach dem Anschluss Österreichs, begann er mit ersten Aufzeichnungen. In Folge der Reichspogromnacht am 9. November 1938, in welcher Kellner sich für eine jüdische Nachbarsfamilie eingesetzt hatte, wurde ein Verfahren gegen Kellner eingeleitet, das aber im Sande verlief.

 

Sein Kriegstagebuch begann er mit dem deutschen Überfall auf Polen. Friedrich Kellner war ein politischer Chronist. Er teilte dem Leser seine Ansichten über die Politik der Nationalsozialisten, die Kriegsführung und die Reaktionen der internationalen Umwelt mit. Persönliches oder Szenen aus dem Alltag hielt er nur fest, sofern sie die politische Stimmung in Deutschland treffend umschrieben. Seine Technik, die er laufend vervollkommnte, war, aktuelle Zeitungsartikel aus der gleichgeschalteten Presse kritisch zu analysieren und zu hinterfragen.

 

Einer spricht aus, was alle hätten wissen können

Kellner hatte weder studiert, noch bildungsbürgerliche Herkunft vorzuweisen. Er war in der Tat ein Mann aus dem Volk. Es ist deshalb besonders faszinierend, sich seine Ausführungen anzusehen, wenn man bedenkt, wie oft als entschuldigendes Argument der Zeitgenossen erwähnt wurde, man hätte als einfacher und dessinformierter Bürger nicht alles wissen können. Beispielsweise notierte Kellner an den Rand eines Zeitungsberichts, in dem erwähnt wurde, dass alle Juden abtransportiert werden würden, ein schlichtes »wohin«. Während der ersten Kriegsjahre analysierte er vor allem die Reaktionen aus seiner Umgebung, geißelte die Kriegsbegeisterung in Deutschland und die scheinbare Lähmung der Gegner im Ausland.

 

Alles änderte sich mit der Niederlage von Stalingrad 1942. Als das Blatt sich für Deutschland zu wenden begann, versuchten die nationalsozialistischen Politiker verzweifelt, den Rückzug zu vertuschen, entsprechend auch die Presse. Kellner sezierte ab hier jeden Zeitungsartikel bis ins kleinste Detail und stellte die unterschiedlichen Meldungen einander gegenüber. Es ist faszinierend, wie Kellner die Sprache der Nazis entschlüsselt, seine Analysen erinnern vielfach an die berühmten Klemperer-Tagebücher, gerade auch in den Betrachtungen über Sterbeanzeigen und Propaganda. Man darf die Lächerlichkeit des nationalsozialistischen Sprachgebrauchs hautnah miterleben, wenn aus dem realen Rückzug der Armee in Russland plötzlich »geplante Absatzbewegungen und Frontbegradigungen« werden. 

 

Die Sehnsucht nach der Katastrophe

Friedrich Kellner hatte schnell begriffen, dass die deutsche Niederlage in Russland auch die weltweite Niederlage nach sich ziehen musste. Er wurde zunehmend ungeduldig und machte seinem Unmut über die zögerliche Politik der Alliierten vermehrt Luft. Seiner Ansicht nach konnte der Nationalsozialismus nur mit einer totalen Niederlage und der Ausmerzung der kompletten Führungsriege und aller Funktionsträger beseitigt werden. Er begriff auch, dass sich die Wendehälse in der deutschen Gesellschaft nach einem möglichen Kriegsende schnell von Hitler abwenden würden und sah es als seine demokratische Pflicht, wider solche Mitläufer Zeugnis abzulegen.

 

Entsprechend musste er das Attentat vom 20. Juli 1944 rigoros ablehnen. Was uns heutigen Lesern so mutig erscheint, war für Kellner regelrechter Stumpfsinn. Er war froh, als Stauffenberg scheiterte und die Attentäter hingerichtet wurden. Kellner wollte Hitler nicht die Chance gewähren, als Märtyrer sterben zu dürfen, denn so hätte sich die totalitäre Ideologie erst recht in den Köpfen der Menschen halten können. Hitler sollte seiner Ansicht nach das Ende des Krieges miterleben, damit dem ganzen Volk sein Scheitern vor Augen geführt werden konnte. 

 

Der Triumph des »Volksverräters«

Die vielen Einträge über Exekutionen von Volksschädlingen zeigen, wie sehr Friedrich Kellner sich des Risikos bewusst war, dass er mit dem Schreiben des Tagebuchs auf sich nahm. Immer wieder mahnt er sich selbst, mit seinen Äußerungen anderen gegenüber vorsichtiger zu sein, um so kurz vor Kriegsende nicht noch sein Leben zu riskieren. Verständlicherweise reagierte Kellner auf die Landung der Alliierten in der Normandie geradezu euphorisch. Selbst als die Nazis auf der Flucht waren und die Amerikaner in Hessen einmarschierten und vermehrt Bomben abwarfen, haderte er nicht mit dem Schicksal sondern akzeptierte die Zerstörungen als wohlverdiente Strafe seines Volkes.

 

Nach Kriegsende lässt Kellner seine Aufzeichnungen ruhen. Er widmet sich dem Wiederaufbau der SPD, wird in Laubach stellvertretender Bürgermeister und versucht mittels seiner Aufzeichnungen, aktiv an der Entnazifizierung mitzuwirken. Er kann auch endlich seinen Sohn, mittlerweile Soldat der US-Army, wieder sehen. Seine Tagebücher werden im Alltag nicht mehr benötigt und erst fast 20 Jahre später sollte sein Enkel, Robert Martin Scott Kellner, sie erhalten mit der Bitte um eine Edition. Es sollte viele Jahrzehnte dauern, bis er dem Wunsch seines Großvaters in vollem Umfang entsprechen konnte.

 

Faszinierendes Zeitzeugnis

Kellners Tagebücher sind ähnlich bedrückend und relevant wie Klemperers Aufzeichnungen. Da sie wenig Persönliches enthalten, ist die angefügte Biographie von Robert Martin Scott Kellner eine dankbare Quelle, um Kellner als Mensch besser einzuordnen und zu charakterisieren. Die Ausgabe ist gut lesbar, der Authentizität wegen sind auch immer wieder Seiten im Original eingefügt. Manchmal würde man sich wünschen, der bereits sehr umfangreiche wissenschaftliche Kommentar wäre noch ausführlicher, besonders wenn es um Reaktionen der damaligen ausländischen Presse auf deutsche Propagandaaktionen geht. Man darf wohl davon ausgehen, dass den Herausgebern die Lesbarkeit der Tagebücher vor allen anderen Dingen am Herzen lag. Auf jeden Fall liefern die Tagebücher das Bild eines unglaublich weitsichtigen, klaren Menschen, der sich seine Integrität und moralischen Vorstellungen durch keinen Terror dieser Welt ruinieren ließ. Ein absolutes Vorbild für jeden von uns. 

 

Buchpräsentation

Berlin, Topographie des Terrors, 24. April 2012, 19 Uhr

mit Herausgeber Dr. Markus Roth Moderation: PD Dr. Bernward Dörner

 

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