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Marc Thörner: Die arabische Revolution und ihre Feinde

16.03.2012

Wir, die Demokratie und der Orient

Wer genau hinsieht, hat es längst bemerkt: Der konkrete Umgang des Westens mit der arabischen Welt hat sich trotz des offiziellen Revolutions-Enthusiasmus des Jahres 2011 kaum verändert. Bestimmend sind weiterhin unsere traditionellen Interessen und die zweifelhaften alten Methoden, mit denen sie schon immer durchgesetzt werden sollten. Marc Thörner nähert sich diesem Problem in seinem neuen Buch Die arabische Revolution und ihre Feinde von einer eher unerwarteten Seite. Von PETER BLASTENBREI

 

Thörner, lange Jahre Auslandsreporter bei der ARD, ist an einer besonders neuralgischen Stelle auf diese Diskrepanz gestoßen, in der Afghanistan-Politik. In der jüngsten Zeit mehren sich nämlich Stimmen, darunter auch maßgebliche deutsche wie die von Entwicklungsminister Niebel, die die humanitäre und demokratische Begründung für den Afghanistan-Einsatz offen infrage stellen. Auf einmal scheint es nur noch darum zu gehen, das Land auf irgendeine Weise bis zum Abzugstermin 2014 ruhig zu stellen, selbst um den Preis eines neuerlichen militärischen Bündnisses mit einheimischen Warlords der schlimmsten Sorte.

 

Diese Erkenntnis ist allerdings nicht ganz neu. Der Autor selbst hat sie bereits 2010 in seinem Buch Afghanistan-Code formuliert. Neu war sie allerdings auch damals schon nicht, jedenfalls, wenn man seine Informationen nicht ausschließlich aus den deutschen Leitmedien bezog. Originell war aber der hier wiederholte umfassende Erklärungsversuch Thörners für den vermeintlichen Paradigmenwechsel. Davon gleich mehr.

 

Der zweite und dritte Teil unseres Buches entspricht weitgehend einer Kurzfassung des Afghanistan-Code. Der erste Teil unternimmt dagegen eine ziemlich gewaltsame Einordnung der arabischen Revolutionen von 2011 in Thörners Afghanistan-Konzept. Die zwei Reportagen, die diesen Teil ausmachen, sind gut ein Jahr alt und erstaunlicherweise nicht aktualisiert (ebenfalls Zweitverwertung?). Die Libyen-Reportage ist zudem simple Kriegsberichterstattung und gibt unüberprüft alle Schauergeschichten wieder, die bei den Aufständischen über Gaddafi kursierten. Ausgesprochen ärgerlich wird es, wenn Thörner seitenlang eine entstellende und inhaltlich stellenweise frei erfundene Übersetzung von Gaddafis Grünem Buch zitiert (S. 24-26), die diesen zum Islamisten, Frauenfeind und Rassisten stempelt.

 

Marc Thörner Marc Thörner

Sonderbare Deutungsmuster

Laut Thörner ist es der angeblich unvermeidliche Grundkonflikt zwischen Demokratie und Islam, der das revoltierende Nordafrika mit Afghanistan verbindet. Um das zu belegen, mutieren Ben Ali, Gaddafi und Mubarak in einer abenteuerlichen Operation zu radikalen Islamisten, weil sie die Herrschaftspraktiken der Kalifen angewandt und sich als »Stellvertreter Gottes« gesehen hätten (S. 48-49). Folgerichtig stört den Autor an den afghanischen Warlords eher ihre Religion als ihre Gewalttätigkeit oder Inkompetenz. Was von seiner eigenen Islam-Kompetenz zu halten ist, zeigen dann Albernheiten wie, die Kalifen wären »samt Familie vergöttlicht« worden (S. 11) oder Gaddafi sei der »Mittler zwischen Gott und Bevölkerung« gewesen (S. 25).

 

Um dem von ihm konstatierten Paradigmenwechsel in Afghanistan auf die Spur zu kommen, las Thörner in gebräuchlichen NATO-Handbüchern zur »Aufstandsbekämpfung« nach und stieß dabei auf die Spur französischer Kolonialgrößen. Besonders Marschall Lyautey, der nach 1912 in Marokko mit großem Erfolg eine im französischen Kolonialsystem ungewöhnliche indirekte Herrschaft aufbaute, hat es ihm angetan und wird flugs zum Ahnherrn aller westlichen Bündnisse mit blutigen Warlords ernannt. Von Lyautey, dem Monarchisten und geschworenen Antidemokraten, führt bei Thörner die Linie direkt zum Vichy-Regime, von da zu arabischen Theoretikern des gewalttätigen Islamismus und in der Konsequenz bis zu Bin Laden.

 

Lyautey ist überall

Also koloniale Herrschaftssicherung = faschistische Diktatur = Islamismus? So ungefähr stellt es sich der Autor vor. Damit blendet er die gesamteuropäische koloniale Praxis ebenso sorgfältig aus wie den Faschismus und seine Außenwirkungen, die lange vor Lyautey (und ohne ihn) existierende republikfeindliche Bewegung in Frankreich ebenso wie die vielfältigen muslimischen Antworten auf die westliche Herausforderung im 20. Jahrhundert (etwa den islamischen Modernismus oder die Verengung des Spielraums der Koran-Exegese), alles klar unterschiedene historische Phänomene.

 

Trifft die Diagnose eines neokolonialistischen Rückfalls des Westens seit den 1990er Jahren zu, verwechselt der Autor ganz offensichtlich dessen variable Methoden mit dem Kern der Sache. Die Träger der kolonialen Herrschaftssicherung in Übersee waren und sind zu Hause Republikaner, Demokraten, Sozialdemokraten, Konservative oder Proto-Faschisten, wie es eben kommt. An Ort und Stelle mussten sie sich aber durchweg als Feinde der Demokratie erweisen, weil die Idee, andere Völker zu kolonisieren, zu zivilisieren, zu bekehren, zu demokratisieren, mit der Idee der Demokratie selbst unvereinbar ist. Damit ist klar: Thörners Paradigmenwechsel hat nie stattgefunden. Auch in Afghanistan sagten wir von Anfang an Gott und meinten Baumwolle, pardon, Frauenrechte und Bodenschätze.

 

Monokausale Erklärungsmuster, argumentative Brüche, konfuse Präsentation durch Sprünge und Einschaltungen, ideologische Nähe zu den selbsternannten deutschen »Islamkritikern« und eine erbarmungswürdige Ignoranz an zentralen Punkten – keine gute Ausstattung für eine Neuerscheinung.

Übrigens: Der umstrittene britische Berater Ibn Sauds hieß Harry St. John Philby, nicht St. James, und Tunesien hat rund 10, nicht 80 Millionen Einwohner. Aber kommt es bei diesem missglückten Buch noch darauf an?

 

 

Marc Thörner auf der Leipziger Buchmesse

Sonntag, 18. März 2012, 14 Uhr

ARD-TV-Forum »1 Jahr Arabischer Frühling«

Bücher und Diskussion mit:

Gudrun Krämer: Demokratie im Islam (beck'sche reihe)

Wieland Schneider: Das Ende der Angst? (Braumüller)

Marc Thörner: Die Arabische Revolution und ihre Feinde (Edition Nautilus)

Moderation: Robert Burdy

 

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