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Stephen T. Asma: Monster, Mörder und Mutanten

02.03.2012

Amerikanische Ängste

Ein Buch, das uns die Herkunft unserer kulturellen Alpträume in Form von Drachen, Werwölfen oder Vampiren erläutert, verspricht der Klappentext über Stephen Asmas Werk Monster, Mörder und Mutanten. Eine Geschichte unserer schönsten Alpträume. JÖRG FUCHS freut sich auf eine schaurig-schöne Kulturgeschichte der Drachen, Vampire und Werwölfe.

 

Aber gerade die versprochene Kulturgeschichte, also die Herleitung und Tradierung vieler »Monstergestalten« verfolgt der Kulturhistoriker Stephen Amsa nur halbherzig. Als Beispiel ließe sich der kulturgeschichtliche Werdegang der Dämonen anführen: Die Beschreibung dieser Wesen, die den Kern mittelalterlicher Aberglaubensvorstellungen und somit der europäischen Kultur prägen, endet bei Amsa bereits sehr abrupt mit den Betrachtungen des heiligen Antonius (251-356). Dass Dämonen erst später, durch Augustinus (354-430), zu »bösen« Wesen erklärt wurden, erfährt der Leser ebenso wenig wie die äußerst ambivalente Rolle, die Dämonen zuvor in der Vorstellungswelt des antiken Griechenlands, in der sie weder ausschließlich »gut« noch »böse« dargestellt wurden, gespielt hatten. Auch wird der Zusammenhang mit dem im Buchtitel und Klappentext suggerierten Sujet des »Alptraums« bzw. Abgrunds der menschlichen Psyche nur gestreift – obwohl er gerade hier angebracht scheint; betont doch Thomas von Aquin (ca. 1225-1274) den großen Anteil, den Dämonen am Zustandekommen von Traumillusionen haben – bis hin zur Möglichkeit, mit ihnen »Wahrsageverträge« abschließen zu können.

 

Johann H. Füssli: Nachtmahr (1802)
zenodot/Public Domain Johann H. Füssli: Nachtmahr (1802)
zenodot/Public Domain

Als logische Konsequenz dieser knappen Betrachtungen entfällt auch eine bildhafte Beschreibung von Dämonen, die uns Leser sicher interessiert hätte, da Alpträume und die psychische Beeinflussung nicht zuletzt von sinnhaften Erfahrungen gespeist werden: Dämonen materialisieren sich bei Asma lediglich als »entsetzliche Gespenster«. Die vielseitige und (Titel!) Alpträume erzeugende dämonische Bilderwelt des christlich-abendländischen Mittelalters ignoriert der Autor, was dazu führt, dass der Dämon lediglich als sehr eindimensionales Wesen zurückbleibt und seinem Stellenwert in einer »Kulturgeschichte des Alptraumes« nicht gerecht wird. Es gibt sie doch, die plastischen Beschreibungen der Teufels- und Dämonenwelt, die uns immer noch Erschauern lassen und künstlerische sowie kulturelle Darstellungen bis in die heutige Zeit prägen: Wesen, die ihr Gesicht auf der Brust, auf dem Bauch oder dem Hinterteil tragen. Entmaterialisierte Geister, die einen Körper formen, um als verführerische Frauen (und Männer!) oder als scheußliche Monster in Erscheinung zu treten. Die Philosophie der Spätantike löste dieses Problem folgendermaßen: aus Faulgasen entstehen die dämonischen Körper (was ihren schwefeligen Geruch erklärt).

 

Hier liegt eine der Schwächen des Werks: Zwischen der Darstellung antiker Glaubensvorstellungen und deren Umformung in zeitgenössische Kontexte klafft eine große Lücke – die für das Abendland prägenden europäisch-mittelalterlichen Geschehnisse werden, wie z.B. im Falle der Hexen, deren Betrachtung kaum 20 Seiten (!) umfasst, weitgehend ausgeblendet.

 

Blade Runner und Terminator statt Vampire

Man hat den Eindruck, der Autor vernachlässige diese Epoche zugunsten einer Kulturgeschichte der neuzeitlichen Monstervorstellungen. Nach einigen fragmentarischen Ausflügen in die Antike und unter beiläufiger Erwähnung fundamentaler Entwicklungen in Mittelalter und früher Neuzeit schwenkt er schnell um auf Betrachtung neuzeitlicher Monstervorstellungen. Wobei der Begriff sehr weit gefasst wird und Serienmörder ebenso umfasst wie Roboter, Rassenwahnideen und Schulmassaker. Der Schwerpunkt des Buchs liegt auf den individuellen und kollektive Bildern, die die Monstrositäten und Monstervorstellungen erzeugen.

 

Dabei geht Stephen Asam jedoch sehr selektiv vor: Eine »systematische« Kulturgeschichte, wie der Klappentext vollmundig verspricht, hat er nicht geschrieben; dazu fehlen zu viele prägende Alptraumvorstellungen: Beispielsweise der Vampir, der zwar im Klappentext hervorgehoben wird, der aber im Buch selbst ein wortwörtliches Schattendasein führt. Obwohl gerade er bis heute zu den psychologisch ausgefeiltesten und im Volksglauben am tiefsten verankerten »Angstmachern« der Kulturgeschichte zählt – wie auch ein Blick in das bereits 1734 erschienene, wissenschaftlich fundierte Tractat von dem Kauen und Schmatzen der Todten in Gräbern von Michael Ranft und Nicolaus Equiamicus beweist, in dem die Gestalt des Vampirs nicht nur empirisch (!) sonder auch philosophisch ausgewertet wird. Stattdessen drehen sich in diesem Buch viele der vorgestellten »Alpträume« um Charaktere aus der US-amerikanischen Kinolandschaft (Blade Runner, Terminator), was zwar durchaus interessant daherkommt, den Erwartungen, die man an das Thema stellen kann, aber nicht unbedingt gerecht wird.

 

»Terminator«
Foto: tenaciousme »Terminator«
Foto: tenaciousme

Mit Gewinn lesbar

Dennoch, trotz aller Einschränkungen kann man dieses Buch mit Gewinn lesen: Lässt man die bruchstückhaften historischen Betrachtungen beiseite, lernt man einiges über die psychologischen Befindlichkeiten und Ängste – in diesem Falle aus einer amerikanischen Perspektive. Interessant ist auch die Darstellung »zukünftiger Monstrositäten« wie Cyborgs und genetisch manipulierter Tiere und Pflanzen. Hier gelingt dem Autor die Übertragung der alptraumhaften Bilder in aktuelle Kontexte am besten. Eine stringente Kulturgeschichte von den bis heute aktuellen Monstergestalten darf man jedoch nicht erwarten.

 

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