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Jessica Kerwin Jenkins: Enzyklopädie des Exquisiten

24.02.2012

Es muss nicht immer Trüffel sein

Prickelnder Champagner und sprühendes Feuerwerk, forsches Pfeifen und troddelige Quasten, die Farbe Schwarz und die Stille in einem Kloster: das alles kann Luxus sein. Jessica Kerwin Jenkins hat aus dieser Quintessenz eine Enzyklopädie des Exquisiten erstellt. Von INGEBORG JAISER

 

Als vor über 250 Jahren der französische Philosoph Diderot seine legendäre Encyclopédie, ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers lancierte, halfen ihm noch annähernd 150 Co-Autoren beim Verfassen dieses gigantischen Meisterwerkes der Aufklärung. Ziel der Enzyklopädisten war es, das gesamte Wissen der damaligen Zeit zu sammeln und zu präsentieren – welch unglaubliches Ansinnen! Längst hat Wikipedia die Druckausgaben zahlreicher Nachschlagewerke in den Schatten gestellt. Und: wer besitzt heutzutage noch die Chuzpe, als alleiniger Autor eine Enzyklopädie zu verfassen?

 

Jessica Kerwin Jenkins
Foto: ars vivendi Jessica Kerwin Jenkins
Foto: ars vivendi

Anekdoten und Legenden

Die amerikanische Journalistin Jessica Kerwin Jenkins spielt leichtfüßig mit den Begrifflichkeiten und untertitelt ihr 400-Seiten-Opus schlicht Aus Freude am Leben. Ihr elegantes Kompendium des Exquisiten reicht von A wie »Aerostation« (Die Kunst der Heißluftballonschifffahrt) bis Y wie »Yes« (Das Jawort) und umfasst eine schillernde Auswahl an einzigartigen, herausragenden, extravaganten Dingen, die das Leben schöner und aufregender machen. Eine sehr subjektive, zuweilen etwas planlos erscheinende Sammlung des Luxuriösen hat die Autorin hier zusammen getragen, stets aus einem unversiegenden Fundus an Anekdoten und Legenden, Fakten und Personen schöpfend.

 

Weit schlägt sie den Bogen von der Kulinarik (über die formvollendete Zubereitung eines Blancmanger oder die Herstellung von Champagner) über Kosmetik (die Geschichte von Mouches, Milchbädern und Parfum) über die Naturwissenschaften (Blitz und Sturm) bis zum verblüffend Trivialen (Stille, Wochenende, Gespräche). Liebevoll und kenntnisreich, bis in das kleinste überraschende Detail hinein, breitet die Autorin eine Kulturgeschichte des Erlesenen und Kuriosen aus. So erfahren wir nebenbei, dass die Schriftsteller Lewis Carroll und Lew Tolstoi Bewunderer und Kenner der Origami-Faltkunst waren – oder dass in England zeitweise Lippenstift rationiert war, um Glyzerin für die Herstellung von Sprengstoff zu sparen.

 

Lektüre für den Connaisseur

Dem fränkischen Verlag ars vivendi (hier ist der Name Programm!) ist mit dieser Enzyklopädie wieder einmal ein hochwertiges, handwerklich ansprechendes Werk gelungen: schmuckvoll geprägter Einband, verzierte Illustrationen, sowie eine überaus umfangreiche, über 40seitige Bibliographie. Sogar der feinen Schrifttype – einer an Bodoni angelehnte Filosofia – ist ein erläuternder Eintrag gewidmet.

 

Bleibt die Frage, für welche Leserschaft, welche Gelegenheit dieser voluminöse Band konzipiert ist. Für den Connaisseur, dem Armchair-Traveller, dem Privatier, dem Gedanken-Flaneur? Als wirkliches Nachschlagewerk kann diese beliebige Sammlung von Kuriositäten und Anekdoten sicherlich nicht dienen. Doch ich könnte mir die Contessa di Castiglione vorstellen (Eintrag S. 65), wie sie in ihrem Boudoir (S. 49), am Tee (S. 302) nippend, an Trüffeln (S. 316) knabbernd und dem Far niente (S. 102) frönend, mit Ausrufen des Entzückens dieses Buch durchblättert. Welch Wunder (S. 337)!

 

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