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Frank Schäfer: Talking Metal

03.02.2012

Harder.
Faster.
Louder!

Frank Schäfer, mit universitären Würden ausgestatteter Geisteswissenschaftler, Autor, Kritiker, Hobbymusiker und eingefleischter Metal-Fan hat eine Interviewsammlung zum Thema Heavy Metal zusammengestellt. Diese Oral History ist auch für Menschen mit nur bruchstückhaftem NWOBHM-Wissen wirklich lesenswert. DAVID EISERT fand sich auf den 268 Seiten bestens zurecht. Selbst mit dem Makel, keine Vinylversion von Reign In Blood zu besitzen.

 

Heavy Metal or no Metal at all! Was die Metal-Szene selbst nie für möglich gehalten hätte, ist Realität geworden: Motörhead spielten im Spätherbst 2011 ohne aktuelle Veröffentlichung vor ausverkauften Häusern, die Karten fürs Wacken-Festival lagen haufenweise unten den Weihnachtsbäumen der Republik und die Urväter Black Sabbath haben sich zum x-ten Mal wiedervereinigt. Tom Angelripper & Co. sind in den Feuilletons angekommen und dem Phänomen Heavy Metal wird mit ernsthaften Dokumentarfilmen, Zeitungsartikeln und Büchern zu Leibe gerückt.

 

Irgendwas muss also dran sein an der Musik, die von den Kulturschaffenden nie richtig ernst genommen wurde, die sich selbst aber höchst ernst nimmt. Andere Jugendkulturen – wie der Punk – werden ja schon länger als relevant eingeordnet und auf die gesellschaftsprägenden Elemente hin durchleuchtet. Soweit ist es im Heavy Metal nie gekommen, trotz oder gerade wegen der Vitalität, die die Szene besitzt. Keine schwermetallische Stilikone hat sich spektakulär in den Kopf geschossen und sich damit unsterblich gemacht. Genauso wenig kam bislang ein schwindliger Geschäftsmann und ehemaliger Kunststudent ums Eck, der eine Band als seine Erfindung und somit als ein Kunstprodukt outet. 

 

Wie ein gutes Metalkonzert

Also alles echt im Metal? Und von daher nicht spannend genug? Frank Schäfer findet, dass gerade das Echte, Konsequente und manchmal etwas Verbissene des Metals, das ist, was ihn so spannend macht. In seiner zweiten Veröffentlichung zu dem Thema hat er 14 Interviews mit Personen geführt, die alle der Droge Musik im Allgemeinen und Heavy Metal im Speziellen verfallen sind. Er spannt den Bogen von Businessprofis wie Produzenten, Manager, Veranstaltern über Hobbymusiker, Fachjournalisten, Coverkünstlern bis hin zum Fan. Alle Befragten kommen aus Deutschland bzw. haben hier ihre Heimat gefunden. Somit bleibt die Feldforschung regional beschränkt. Bekannte Musiker kommen bewusst nicht zu Wort, denn für diese gibt es ja andernorts Platz genug.

 

Das Buch liest sich dann auch so, wie eine gutes Metalkonzert sein sollte: harder, faster, louder! Man merkt bei jedem Gespräch, mit welcher Liebe zum Detail Schäfer ans Werk geht. Dass die Interviewpartner überzeugt sind von dem was sie tun und für was sie ihre Zeit hergeben, ist ja eh klar. Sehr ehrlich werden Blicke hinter die Kulissen gewährt und der eine oder andere Mythos fällt. Denn auch im Metal ist nicht alles true as steel, wie der Produzent Sascha Paeth zu berichten weiß. Nicht jede Scheibe wird auch wirklich von den Jungs eingespielt, die auf den Bandfotos zu sehen sind.

 

Und wie bei einem guten Konzert braucht’s auch ’ne Pause zum Bier holen. Genau dann, wenn das notorisch überflüssige Schlagzeugsolo kommt. Das sind in diesem Buch die Passagen, die etwas zerzaust transkribiert wurden oder das Gespräch arg ins theoretische abdriftet. Aber auch nicht jedes Riff von Mille ist auf Anhieb schlüssig. Also schwamm drüber.

 

Gelingt es Schäfer nun, das Biest Heavy Metal bei den Hörnern zu packen? Natürlich – dem Holy Diver sei Dank – nicht. Dazu gibt es auch keine Notwendigkeit, solange man solch fabelhafte, gleichsam sinnfreie Dialoge über Metal führen kann:

 

»Aber siehst du nicht doch einen Unterschied zwischen der ersten Metallica und Exodus oder Slayer? … Da scheint mir schon eine Unterscheidung – Metallica gleich Speed, Exodus gleich Trash – noch ganz sinnvoll.«

 »… Klar, alle drei sind ganz, ganz aggressiv und brutal, aber Exodus und Kreator sind eine Kneipenschlägerei, … eine ganz rohe, spontane Gewalt, so ungeplant, … Reign in Blood ist auch ultrabrutal, aber das ist ein Typ der sich das monatelang überlegt, der sich ein Zielfernrohr kauft, sich dann auf ein Hochhaus setzt und von dort Leute abschießt.«

»Gut, dann haben wir das jetzt geklärt.«

»Aber wir sind noch kein Stück weiter.«

 

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