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Volker Perthes: Der Aufstand

27.01.2012

Ein Jahr lang Frühling

Der arabische Raum war in den vergangenen Monaten in den deutschen Medien so präsent wie selten zuvor. Fast unvermeidlich, dass sich die Veränderungen dort nach angemessener Frist auch in Buchveröffentlichungen niederschlagen wie jetzt in Der Aufstand des Berliner Politikwissenschaftlers Volker Perthes. Von PETER BLASTENBREI

 

Anders als die meisten Journalisten zeigt sich der Autor wenig überrascht vom Ausbruch der Aufstände 2011, denn ein starker Veränderungsdruck war seit langem spürbar. Überalterung und Korruption der Führungsschichten, undemokratische Herrschaftsmethoden bei gleichzeitiger Entstehung einer selbstbewussten städtischen Mittelschicht durch wachsende wirtschaftliche Freiheit und zunehmende Bildung waren Charakteristika vieler arabischer Staaten. Dazu kamen Massen von jungen Leuten, denen die hohe Arbeitslosigkeit jede Lebensperspektive raubt. Die neue Informationsfreiheit über Internet oder den Sender al-Jazeera war damit nur noch der letzte Anstoß in Richtung auf eine radikale Veränderung.

 

Perthes warnt bei allen Ähnlichkeiten zwischen Maskat und Marrakesch aber zu Recht davor, die Unterschiede unter den Umstürzen des vergangenen Jahres zu übersehen. Vom subventionierten Brotpreis abhängige Arme gab (und gibt) es in Tunesien und Ägypten, nicht aber in Libyen; konfessionelle Spannungen gibt es in Bahrain, nicht aber in Marokko. Und auch das Internet spielte nicht überall dieselbe Rolle, einfach weil der Anteil seiner Nutzer so unterschiedlich hoch ist.

 

Dieser erste beschreibende Teil ist klug und überschaubar aufgebaut. Auf ein Einleitungskapitel, das Gemeinsamkeiten und Probleme aufzeigt, folgen chronologisch nach dem Ausbruch der Unruhen aufgereiht Länderartikel zu Tunesien, Ägypten, Libyen, Jemen, Bahrain, Marokko und Syrien. Jeder Artikel zeigt zuerst die Charakteristika des jeweiligen Landes, bevor er übersichtlich und auf die Hauptlinien konzentriert den Ablauf bis zum Herbst 2011 schildert. Ein weiteres Kapitel untersucht die Gründe, warum es in anderen arabischen Ländern nicht zu Aufständen gekommen ist wie in den meisten Golfmonarchien.

 

Die Länderartikel sind erfreulich qualitätvoll und weitgehend auf derselben Höhe, mit der Ausnahme Libyen. Gaddafi ist auch bei Perthes der böse Araber schlechthin. Eine differenzierte oder gar in die Tiefe gehende Darstellung der Besonderheiten des Landes, des politischen Systems oder der Aufstandsursachen fehlt. Die NATO-Intervention wird mit ein paar technischen Gründen als unvermeidlich abgetan.

 

Volker Perthes
Foto: Stiftung Wissenschaft und Politik Volker Perthes
Foto: Stiftung Wissenschaft und Politik

Perspektiven und Spekulationen

Wesentlich schwächer fällt der Teil des Buches aus, in dem sich Perthes an Prognosen zur künftigen Entwicklung des »arabischen Frühlings« wagt. Und dies nicht nur wegen des hochspekulativen Charakters aller solcher Voraussagen (oder weil der Autor keinen islamistischen Wahlsieg in Ägypten für möglich hielt). Perthes teilt die Staaten in Gruppen ein, denen er eine Konsolidierung der Demokratie zutraut, für die er eine halbdemokratische Entwicklung kommen sieht oder Bürgerkrieg und Staatszerfall befürchtet. Die Kriterien für die Gruppeneinteilung sind schwer nachvollziehbar. So fallen die Palästinenser etwa unter »demokratische Konsolidierung« – wenn ein Frieden mit Israel zustande kommt. Ja, wenn …

 

Zu den bürgerkriegsgefährdeten Ländern gehört außer Libyen Bahrain, seltsamerweise aber nicht der Irak. Dafür fehlen in der Rechnung einige der potentesten nahöstlichen Mitspieler. Denn nicht nur das Verhalten Israels gegenüber den neuen arabischen Regimes ist und bleibt unberechenbar, auch die künftige innerarabische Politik Saudi-Arabiens (und der Golfstaaten) ist noch kaum auszumachen. Den Sturz Mubaraks wollten die Saudis nicht, in Bahrain haben sie zu den Waffen gegriffen, im Jemen halten sie (auch nach der Ausreise Präsident Salehs) eine prekäre Pattsituation aufrecht. Schlüsse daraus sucht man bei Perthes vergebens.

 

Unsere Sicht der Dinge

In einem letzten Teil gibt Perthes Ratschläge zum künftigen Umgang des Westens mit der erneuerten arabischen Welt. Spätestens hier darf man sich erinnern, dass der Autor kein interessierter Beobachter unter vielen ist, sondern hochkarätiger Politikberater. Perthes ist Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, des größten deutschen Politikberatungsinstituts überhaupt. Das vorliegende Buch wurde bei Erscheinen nicht zufällig vom SPD-Fraktionsvorsitzenden Steinmeier vorgestellt. Regierungsnähe, besser Nähe zum politischen Establishment muss also vorausgesetzt werden.

 

Bezeichnenderweise kommt erst hier die Wirtschaft ins Spiel. Offene Türen für europäische Firmen, verstärkter Tourismus, unproblematische Agrarimporte, staatlich geförderter brain-drain arabischer Akademiker nach Europa: All das liest sich wie ein Horrorkatalog der verfehlten eurozentrischen Entwicklungspolitik der letzten 50 Jahre, ist hier aber als ernsthafte Anleitung für den Umgang mit der befreiten arabischen Welt gemeint. Ägypten etwa exportiert ungeachtet seiner für die Selbstversorgung unzureichenden Anbaufläche seit langem Lebensmittel nach Europa – selbst Kartoffeln nach Deutschland!

 

In diesem letzten Teil wird das Buch leider unangenehm eindeutig. Denn bei aller scheinbaren Sympathie für die arabische Demokratiebewegung hat Perthes vor allem eines im Auge: unsere Interessen. Unsere vitalen Interessen sind nicht nur in seiner Definition Stabilität und sichere Energieversorgung. Und dafür ist dann auch »bisweilen die Kooperation mit autoritären Regimen notwendig« (S.213) gewesen. Akzeptiert man das, heißt das nichts anderes als Demokratie auf Abruf – bis nämlich ein neuer Diktator den westlichen Interessen besser dient.

 

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