TITEL kulturmagazin
Donnerstag, 23. Februar 2017 | 06:01

Friedrich Buchmayr: Madame Strindberg

23.12.2011

»Zwischen mir und dem Vaterhaus liegt das Abenteuer«

Wenn man überhaupt etwas über Frida Strindberg weiß, dann sind es die pikanten Details ihrer dramatischen Ehe mit dem »Frauenhasser« August Strindberg, die mit der Scheidung und in Unfrieden endete. Bisweilen findet auch ihre Liaison mit dem Dramatiker Frank Wedekind Erwähnung, auch diese nicht weniger zermürbend für diese Frau, die sich vornehmlich für männliche Künstler mit unübersehbarem Hang zu Egozentrik und Misogynie aufopferte. Dementsprechend marginal ist Frida Strindbergs Rolle in der europäischen Literaturgeschichte: Als Verfasserin zahlreicher Feuilletons, Literaturkritiken und begnadete PR-Frau findet man sie in keiner Sparte einschlägiger Nachschlagewerke. Diesen undankbaren Status will Friedrich Buchmayr mit Madame Strindberg: oder die Faszination der Boheme ändern. Von SVENJA HOCH

 

Buchmayr hat es sich mit der ersten deutschsprachigen Biografie Frida Strindbergs überhaupt zur Aufgabe gesetzt, das seiner Meinung nach verfälschte Bild einer unangepassten Frau zu korrigieren. Buchmayr ist Germanist und Publizist und arbeitet als Bibliothekar. Nach zahlreichen Veröffentlichungen zu August Strindberg widmete er sich bereits 1993 der Publikation des bis dahin unentdeckten Briefwechselns zwischen Frida und August Strindberg, der auch als Grundlage von Madame Strindberg dient.

 

Lebendiges Zwiegespräch

Hervorstechend ist Buchmayrs Herangehensweise: Es ist nicht die Korrektur einer weiblichen Biografie in ihr Gegenteil, in die vermeintliche Richtigkeit oder Echtheit, die hier angestrebt wird. Sicherlich möchte der Autor das Leben Frida Strindbergs entschieden neu bewerten und ihre vermeintliche Unangepasstheit bestärken. Es ist aber ein Dialog, den Buchmayr dem Leser bietet, ein lebendiges Zwiegespräch des Biografen mit den Quellen, das Widersprüche benennt und nicht einzuebnen sucht. Buchmayr betont die zahlreichen Brüche im Leben Frida Strindbergs ebenso wie ihre oft erfolgreichen Versuche als Autorin und Vermittlerin inmitten der literarischen Boheme.
 
Buchmayr zeichnet Fridas Versuche in die finanzielle und künstlerische Unabhängigkeit detailliert nach. Von ersten Gehversuchen noch unter den Fittichen des Vaters Friedrich Uhl, der Chefredakteur der Wiener Zeitung war, über ihre Bemühungen als Managerin August Strindbergs und Frank Wedekinds, als Dame von Welt im brodelnden Paris bis hin zu dem von ihr in London gegründeten Kabarett und den Drehbüchern, die sie in New York verfasste.

 

Während der TITEL-Winterpause verlosen wir Madame Strindberg - oder die Faszination der Boheme von Friedrich Buchmayr. Wer bis einschließlich 8. Januar an der Umfrage teilnimmt, kann ein Exemplar gewinnen.

 

Frida Strindberg …

(0)… werde ich nacheifern.
(3)… verdient Anerkennung.
(6)… war mir bisher unbekannt.

Ungewöhnliches Biografiekonzept

Dabei legt sich Buchmayr nicht auf das Genre der Biografie fest: Er mischt biografische Passagen, die den chronologischen und faktisch gesicherten Rahmen vorgeben, mit Textausschnitten aus Frida Strindbergs Briefen und Aufzeichnungen (zuweilen kommen auch Weggefährten und Familienmitglieder zu Wort) und Teilen aus Feuilletons und autobiografischen Texten. Das Buch erhält so nicht nur eine übersichtliche Gliederung, die Biografie und anthologische Teile auf den ersten Blick trennt, sondern haucht den reinen Fakten Leben ein: Buchmayr entführt den Leser in die Zeit der Boheme und der Wiener Moderne ebenso, wie in die Anfänge der amerikanischen Filmindustrie. Zahlreiche Fotografien, Postkarten und Billetts unterstreichen die Lebendigkeit des Buches zusätzlich. Madame Strindberg ist eine Biografie mit ungewöhnlichem Konzept, in der das Blättern zum Augenschmaus wird.

 
Am Ende der Lesereise imaginiert wohl jeder Leser ein anderes Bild: Es ist eine ambivalente Frau, die Buchmayr akribisch rekonstruiert hat. Eine Person, deren Beziehungen nur die Extreme kannten, stets schwankt sie zwischen maßloser Bewunderung und Anbetung oder dem völligen Kontaktabbruch. Auch zu ihren beiden Kindern, Tochter Kerstin von August Strindberg und Sohn Friedrich Max (der Vater ist Frank Wedekind), kann Frida nie ein mütterliches Verhältnis aufbauen. Zeitlebens ist ihr die eigene Karriere als Künstlerin und bald die Selbstinszenierung als berühmte Schriftstellergattin wichtiger. Buchmayr löst den Anspruch seiner Biografie ein: Er liefert kein eindeutiges, fertiges Bild Frida Strindbergs, sondern sammelt Fakten und von Frida Strindberg literarisch Übersteigertes gleichermaßen. Ihrem verdienten Platz in der europäischen Literaturgeschichte ist die »Strindberg-Witwe« mit dieser biografischen Untersuchung Friedrich Buchmayrs nun ein beachtliches Stück näher gekommen.

 

Zehn Bücher zu gewinnen

Während der Winterpause bis zum 8. Januar verlosen wir:

 

2 mal Andreas Tönnesmann: Monopoly. Das Spiel, die Stadt und das Glück

3 mal Friedrich Buchmayr: Madame Strindberg - oder die Faszination der Boheme

2 mal Thomas Knubben: Hölderlin. Eine Winterreise

3 mal Esther Slevogt: Den Kommunismus mit der Seele suchen. Wolfgang Langhoff - ein deutsches Künstlerleben im 20. Jahrhundert


Gewinnen kann, wer an den Umfragen innerhalb der jeweiligen Besprechung teilnimmt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

 

Das TITEL-Kulturmagazin dankt den Verlagen Klaus WagenbachResidenzKlöpfer & Meyer und Kiepenheuer & Witsch für die freundliche Unterstützung.

 

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