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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 25. Juli 2017 | 00:32

    Friederike Schilbach: Die Piratenpartei

    04.12.2011

    Röntgenbild des Wurmfortsatzes

    Das Buch Die Piratenpartei. Alles klar zum Entern? versucht eine Annäherung an diese eigenartige neueste politische Kraft, schafft es dabei aber leider kaum über die Landesgrenzen hinaus. Von JAN FISCHER

     

    Wer die Nase dicht an die DSL-Buchse hält, kann den Wind der Veränderung fast riechen: Etwas passiert auf dieser Welt, gerade, jetzt, im Moment, etwas, das sie nachhaltig verändern wird. Das klingt groß, das klingt irrsinnig, das klingt, als dürfe und könne man es eigentlich nicht sagen. Aber warum es nicht probeweise einmal versuchen? Warum nicht die nordafrikanischen Revolutionen – ob erfolgreich oder nicht, ob abgeschlossen oder nicht – mit der Occupy-Bewegung in Verbindung bringen, warum das nicht mit den jüngsten Unruhen in Griechenland koppeln, dieser merkwürdigen Berlusconi-Sache in Italien, den Protesten in Spanien und Portugal?

     

    Im Konjunktiv denken

    Oder vielleicht, kleiner gedacht: Ist nicht in den letzten Monaten der eigene Facebook-Stream, sind nicht die Links und die Statusse der Leute, die man dazu erkoren hat, für einen wichtig zu sein, ist dass alles nicht irgendwie protestiger geworden? Kann sein, kann sein. Inhaltlich verbietet sich der Vergleich zwischen Libyen und den USA, der Vergleich zwischen Griechenland und dem eigenen Facebook-Stream, das ist klar. Aber ist da nicht trotzdem was? Ein vages Bauchgefühl? Zu viele Proteste auf einmal, dafür, dass das alles ein bloßer Zufall ist?

     

    Man muss das alles im Konjunktiv denken, weil es sich sehr schwer nachweisen, sehr schwer festmachen lässt: Es gibt kaum inhaltliche Überschneidungen, es gibt kein gemeinsames Label, aber dächte man probeweise so, man müsste sagen: Da wabert etwas durch die Welt, dass sich in unterschiedlichen Systemen, Ländern, unterschiedlich artikuliert, sich anpassen kann, man müsste sagen: Da gibt es eine generelle Unzufriedenheit der Menschen mit ihren jeweiligen Systemen. Dächte man so, dann wäre die deutsche Ausformung dieser Unzufriedenheit die plötzliche Beliebtheit der Piratenpartei, die Partei, der sich Die Piratenpartei. Alles klar zum Entern? anzunähern versucht. 

     

    Etwas muss erklärt werden

    Es ist eine erste Annäherung, zumindest eine der ersten, die tatsächlich als Buch auf totem Holz gedruckt ist, seit die Partei im September ins Berliner Abgeordnetenhaus einzog und die Umfragewerte in der ganzen Republik konstant steigen: Das Internet, die Presse und das Fernsehen brodeln seitdem sowieso schon die ganze Zeit. Irgendetwas muss erklärt werden an diesen eigenartigen Vögeln, die da plötzlich mitmischen, weil sie neu sind weil sie anders sind, weil niemand – niemand im Sinne von: niemand, der nicht das Ohr am Netz hatte – damit gerechnet hätte, dass so etwas passiert. Und die Erklärungsversuche sind zahlreich, allein in Die Piratenpartei. Alles klar zum Entern? reichen sie von inhaltlich irrelevanter Protestwahl, weil das Vertrauen in alle anderen Parteien erschüttert sei, über die allgemeine Nettigkeit der Piraten, ihrem Anspruch als Freiheitspartei bis zur Behauptung, das seien jetzt Nerds, die in Erscheinung treten, nachdem sie jahrelang unsichtbar waren, Nerds, die Nerds wählen.

     

    Die Piratenpartei. Alles klar zum Entern? ist eine Aufsatzsammlung, und hat als solche natürlich qualitative Ausrutscher – im Großen und Ganzen ist sie aber wirklich exzellent zusammengestellt: Journalisten, Schriftsteller, Wissenschaftler, Mitglieder der Piratenpartei selbst: Sie alle kommen zu Wort. Frank Schirmmacher ist dabei, Juli Zeh auch, Moritz von Uslar darf seine 100 Fragen stellen, Kathrin Passig darf alles einmal komplett rumdrehen, und etwas ganz anderes behaupten. Kommentatoren dürfen kommentieren, Schriftsteller dürfen schriftstellern, Interviewer dürfen interviewen, Analysten dürfen analysieren. Das ist schön, das liest sich gut, ist inhaltlich und stilistisch abwechslungsreich, und am Ende weiß man Bescheid über das, was sie Piratenpartei will, was sie ist, wie sie sich in der deutschen politischen Landschaft positioniert.

     

    Kein Blick hinaus

    Das Problem ist, dass kaum einer der Beteiligten den Blick über die Landesgrenzen Berlins hinaus wagt, und nur der Journalist Johannes Schneider sich auf der anderen Seite der deutschen Landesgrenzen einmal umschaut, sich aber auch von da wieder zurückziehen muss, weil es zwar ein Netzwerk der europäischen Piratenparteien gibt, aber keine dem deutschen Ableger vergleichbare Partei. Man könnte einwenden, dass ein globales Stimmungsbild gar nicht das Anliegen oder die Aufgabe des Buches ist, und das stimmt, aber es ist auch schade, dass es keiner der Beteiligten versucht, dass keiner die Kopplung der Piratenpartei mit den anderen Symptomen der derzeitigen globalen Unzufriedenheit wenigstens einmal ausprobiert. Denn dann müsste man zu dem Ergebnis kommen, dass die deutsche Variante dieses diffusen Protestes gegen die etablierten Kräfte die einzige ist, die sich innerhalb der etablierten politischen Spielregeln, innerhalb des etablierten politischen Spielfeldes abspielt, während beispielsweise die Occupy-Bewegung sich längst davon unabhängig gemacht hat, und versucht, neue, postpolitische Wege der Einflussnahme zu finden und zu probieren.

     

    Letztendlich ist das der Weg, den fast alle der aktuellen Protestbewegungen zu gehen versuchen: Mit den neuen Kommunikationswegen und Umgangsformen, die seit Jahren im Internet getestet werden, Einfluss auf die Politik zu nehmen, die etablierten Kommunikationswege einfach zu ersetzen. Man müsste allerdings auch zu dem Ergebnis kommen, die erfolgreichste deutsche Variante des Protestes – die Wahl der Piratenpartei – die im Grunde weltweit die unprotestigste ist, im Grunde nur der Wurmfortsatz eines sich um die Welt windenden Protestsystems ist. Von dem allerdings liefert Die Piratenpartei. Alles klar zum Entern? ein ganz ausgezeichnetes Röntgenbild.

     

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