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Heinrich Wille: Ein Mord, der keiner sein durfte

09.12.2011

Erodierte Rechtsstaatlichkeit

Heinrich Wille war als Lübecker Oberstaatsanwalt der Chefermittler im »Fall Barschel«. Im Juni 1998 kann er das Verfahren nur noch förmlich einstellen: Die »vorhandenen Spuren sind abgearbeitet«, neue Ansätze »derzeit nicht mehr erkennbar«. Die Frage, ob Barschel sich umgebracht hat oder einem Kapitalverbrechen zum Opfer gefallen ist, bleibt offen. Und sie wird immer wieder aufgeworfen, zuletzt vor wenigen Monaten, Stichwort: neue DNA-Möglichkeiten. Schon 2007 hatte Wille ein Buch fertig, aber sein Vorgesetzter verbietet eine Veröffentlichung. Erst jetzt, nach Willes Pensionierung, erschien Ein Mord, der keiner sein durfte in einem kleinen linken Schweizer Verlag. Honni soit … Von PIEKE BIERMANN

 

Am 11. Oktober 1987 wird in einer Hotelbadewanne in Genf ein ziemlich hochrangiger deutscher Politiker tot aufgefunden. Er heißt Uwe Barschel und war bis vor kurzem CDU-Ministerpräsident von Schleswig-Holstein. Sein Name steht zu dem Zeitpunkt allerdings für eine unappetitliche Wahlkampf-Intrige gegen seinen SPD-Konkurrenten. Er wird außerdem in Verbindung gebracht mit dubiosen Waffengeschäften, seltsamen DDR-Beziehungen, dem illegalen Verkauf von U-Boot-Blaupausen an Südafrika und der Iran-Contra-Affäre. Man würde vermuten, dass ein solcher Todesfall mit äußerster Akribie ermittelt wird. Aber dem ist nicht so.

 

Die Schweizer Behörden leiten zwar ein Todesermittlungsverfahren ein, schließen es aber relativ schnell ab mit dem Ergebnis: Selbstmord. Das ganze Verfahren erscheint im Nachhinein irritierend lässig, fast als sei es nicht so drauf angekommen, es ging ja nicht um Kriminelles. Da werden vorgefundene Medikamentenpackungen kurzerhand weggeworfen, es wird nicht etwa der Müll des Hotels durchwühlt, um eine von Barschel bestellte, aber verschwundene Rotweinflasche zu finden, es gibt nicht mal Polizeifotos vom Fundort (der immer auch ein Tatort sein kann), die Kamera der Spurensicherung hat irgendwie nicht funktioniert. Und so wird das Badewannen-Bild eines Reporters nicht nur zur makabren Ikone, es bleibt auch das einzige fotografische Spurendokument vom Ort des Geschehens.

 

Heinrich Wille Heinrich Wille

Aktenrundlauf und Beamten-Mikado

Niemand scheint den Schweizer Ermittlern eine besondere Brisanz des Falls nahegebracht zu haben. Der Generalbundesanwalt zieht das Verfahren nicht an sich. Die Staatsanwaltschaft Lübeck leistet lediglich förmliche Rechtshilfe, übernimmt das Schweizer Ermittlungsergebnis und belässt es im, wie Beamte sowas sarkastisch nennen, »Aktenrundlauf«: Keine exorbitanten Aktivitäten, bitte. Selbst die deutschen Medien, die mit dem »Fall Barschel« einen schönen Auflagen- und Aufmacher-Boom verzeichnen können, geben sich erstaunlich schnell überzeugt von einem »Bilanzselbstmord«: Barschel hat sich umgebracht, weil er vor dem Aus stand. Eventuell mit Sterbehilfe.

 

Das ändert sich erst 1993, nachdem ein neuer Oberstaatsanwalt in Lübeck seinen Dienst angetreten hat, der nicht so viel vom »Beamten-Mikado« hält. Auch das ist ein sarkastischer Binnen-Schnack: Wer was bewegt, hat verloren. Heinrich Wille erbt den Fall. Wille, Jahrgang 1945, ist ein streitbarer Mann – linke SPD, unter anderem auch mal Zuarbeiter von Norbert Gansel im »U-Boot«-Untersuchungsausschuss, also vertraut mit Geheimdienst- und Politikgestrüpp –, durchaus nicht frei von Ehrgeiz und Eitelkeit, aber auch gerüstet mit der Gewitztheit, die gute Kriminalisten brauchen.

 

Beim Legalitätsprinzip allerdings versteht er keinen Spaß. Und zu dem gehört nun mal, dass eine ordentliche Staatsanwaltschaft in alle Richtungen ermittelt. Wille stößt sehr schnell auf manches, das nicht zu einem Suizid passt. Bei den Asservaten befindet sich ein winziger Hemdknopf, den sich ein medikamentenbedröhnter Selbstmörder kaum selbst so abgerissen haben kann. In einem ausgewaschenen Whiskeyfläschchen finden sich doch noch Reste der K.O.-Tropfen, die Barschel unter anderem im Körper hatte – wer wäscht denn ein Minibarfläschchen aus, lässt aber eine ganze Flasche Rotwein verschwinden? Wille geht jetzt auch möglichen Mordhypothesen nach, also der Königsfrage: Wer könnte ein Motiv gehabt haben? Bei Barschels Hintergrund reicht das locker von Privat bis Politik, von organisierter Kriminalität bis internationale Geheimdienste. Und: Wer hätte die Mittel für diese Art Giftmord?

 

Politische Einflussnahme

Was ab da passiert – mit Wille, seinen Mitarbeitern, seinen Ermittlungen –, ist Fernsehzuschauern nicht ganz fremd. Man kennt es aus US TV-fiction, genießt es kopfschüttelnd (»diese Amis!«)  und fühlt sich gemütlich unterhalten. Aber das hier ist deutsch und real. Was Wille erzählt, ist Kriminalliteratur der ungemütlichen Art.

 

Praktisch von Anfang steht seine Arbeit unter Dauerbeschuss. Ermittlungen werden hinterrücks blockiert, Interna der Presse durchgestochen, in einer Phase bringt das Wille, seine Frau und seine Mitarbeiter in Lebensgefahr. Der BND mauert. Willes Dienstherren verletzen ihre Fürsorgepflicht so eklatant, dass die politische Einflussnahme nicht zu überhören ist und interessierte Medien ein leichtes Spiel haben, ihn persönlich zu verunglimpfen – ähnlich wie derzeit  Michael Buback. Das Bild, das sie zeichnen, oszilliert zwischen Hohn (kleiner Provinz-Staatsanwalt verläuft sich in der großen Welt aus CIA, Mossad, Camorra) und Pathologisierung (distanzlos und hysterisch verrannt). Welche fatalen Folgen es hat, wenn Ermittlungsbehörden »größere Dimensionen« ignorieren und alle Hinweise kleinreden, und wenn die meinungsbildenden Medien dabei mitspielen, hat sich gerade bei der rassistischen Mordserie von Neonazis gezeigt.

 

Heinrich Wille ist heute überzeugt, dass Barschel ermordet wurde, unterschlägt aber nicht, dass ein Suizid theoretisch nicht völlig ausschließbar ist. Vielleicht lässt sich das nie mehr klären. Die Welt ist keine Festplatte, einmal gelöschte Spuren sind für immer weg. Ein Mord, der keiner sein durfte gibt nicht nur einen guten und wichtigen Einblick in die reale, pingelige und trotzdem aufregende Arbeit bei Todesermittlungen. Es dekliniert anhand eines spezifischen Falls auch durch, was Rechtsstaatlichkeit heißt, wie sie funktioniert und wie sie erodiert durch konzertiertes Untergraben. Von solchen Erosionen ist in letzter Zeit oft die Rede. Deren Spuren sind weiter da, an vielen Stellen.

 

 

Eine erste Version dieser Rezension wurde am 1. Dezember 2011 bei Deutschlandradio Kultur veröffentlicht, ein Gespräch mit Pieke Biermann ist als Audio on Demand abrufbar.

 

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