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Ulrich Wickert: Redet Geld, schweigt die Welt

25.11.2011

Guten Abend,
meine Damen und Herren

Ulrich Wickert stößt in Redet Geld, schweigt die Welt an die Grenzen seiner Empörung. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

»Im schlimmsten Fall nimmt die Pharmaindustrie auch den Tod von Menschen in Kauf, Hauptsache, sie erwerben vorher das Medikament.« Dieser Satz ist offensichtlich richtig. Originell ist er nicht. Dass ein Autor ihn in einem Buch niederschreibt und dieses Buch massenhaft gekauft wird, bedarf einer Erklärung. Sie ist in diesem Fall leicht. Der Autor ist Ulrich Wickert, und der war über Jahre hinweg Abend für Abend im Fernsehen zu bewundern. Er könnte auch über den Vorzug von Handschuhen schreiben – dem Star, »bekannt aus Film und Fernsehen«, nimmt man alles ab.

 

Ulrich Wickert ist ein gescheiter Mann, der das journalistische Handwerk der Recherche und der Präsentation gründlich erlernt hat. Dass dies freilich ausreicht, den Absatz eines Buchs zu garantieren, in dem nichts wirklich Neues steht, ist bedenklich und genau besehen Teil des Systems, das Wickert in diesem Buch kritisiert. Der Titel lautet salopp Redet Geld, schweigt die Welt – und damit ist der Inhalt eigentlich schon umrissen. Die Erkenntnis wird über 200 Seiten hinweg mit Beispielen belegt. Überraschungen darf man nicht erwarten.

 

Wickert schreibt zutreffend, dass der amerikanische Nationalökonom und radikale Verfechter des Neoliberalismus Milton Friedman, indem er die Gewinnmaximierung zur moralischen Pflicht ernennt (wobei Wickert »soziale Verantwortung« etwas schlampig mit »moralischer Pflicht« gleichsetzt), den Egoismus zur Tugend erhebe. So weit, so gut (oder vielmehr: so schlecht). Dann aber kommentiert Wickert: »Da irrt der Nobelpreisträger!« Wenn es sich nur um einen Irrtum handelte, gäbe es ja Hoffnung. Man müsste Friedman nur über seinen Irrtum aufklären, und alles wäre in Ordnung. Aber Friedman irrt nicht. Er weiß genau, was er will. Sein Modell hat eine stringente Logik. Der chilenische Diktator Pinochet konnte damit sogar gewisse ökonomische Erfolge erzielen – auf Kosten der Demokratie, auf Kosten der Opfer, die er rücksichtslos forderte. Friedman irrt nicht, sondern er huldigt anderen moralischen und gesellschaftlichen Werten als Wickert und all jene Ökonomen, die nicht mit ihm übereinstimmen – denn auch solche gibt es. Über Milton Friedmans Lehre kann man also nicht mit den Kategorien »richtig« oder »falsch«, »wahr« oder »unwahr« urteilen, sondern man muss entscheiden, ob man, was er anstrebt, für wünschenswert hält oder nicht. Mit anderen Worten: man kommt um eine politische Grundsatzentscheidung, die zugleich eine moralische ist, nicht herum.

 

Die Regeln der Gesellschaft

Ethisch handeln, schreibt Wickert, »bedeutet nichts anderes, als die Regeln der Gesellschaft einzuhalten«. Stimmt das? Offenbar ist das ein Desiderat, nicht eine Definition, eine Beschreibung der Realität. Die Regeln der Gesellschaft, in der wir leben, dienen nicht ethischen Handlungen, sondern genau dem ökonomischen Prinzip, das Wickert dem ethischen Handeln entgegenstellt. Dafür bringt er selbst zahlreiche Beispiele, etwa aus dem Bereich der Korruption. Die (unmoralische!) Bereicherung einiger Weniger auf Kosten der Mehrheit wird von unserer Gesellschaft nicht nur geduldet, sie wird durch Gesetze und Ideologie gefordert oder zumindest positiv bewertet. Dass niemand hungern, ohne Wohnung überwintern, bei Krankheit den Arzt nicht bezahlen können oder seinen Kindern keine gute Erziehung ermöglichen können sollte, dürfte wohl ethischer Konsens sein. Aber sind die Regeln unserer Gesellschaft derart beschaffen, dass sie dies auch garantieren?

 

Nachdem Wickert verschiedene Missstände genannt, knapp analysiert und kritisiert hat, referiert er kurioserweise den Fall einer »weltweit operierenden Aktiengesellschaft«, der beweisen soll, dass Profit und Moral sich nicht widersprechen. Nun ja, sie widersprechen sich nicht im Sinn eines ehernen Gesetzes. Es gibt – »gelegentlich« – Ausnahmen. Aber das ändert nichts an der von Wickert selbst mehrfach belegten Tatsache, dass die Moral in Gefahr ist, wo der Profit zum obersten Prinzip wird und alles als schädlich gilt, was ihm im Wege steht. Warum relativiert Wickert seine eigenen Einsichten? An diesem Punkt wirkt er wie die personifizierte Sozialdemokratie. Man fordert mehr Rechte für die Unterprivilegierten und deutet den Privilegierten mit einem Augenzwinkern an, dass sie nichts zu befürchten haben, wenn sie nur vernünftig sind und ein bisschen von ihrem Profit abgeben. Ob das jenen, die die Wall Street besetzen, reicht? Sie könnten ja mehr werden … So mündet denn das Buch in den windelweichen Satz: »Alles menschliche Handeln muss auf der Achtung der Würde des anderen basieren.« Einverstanden. Aber auch dieser Satz ist wenig originell. Auf dem Buchumschlag wird Brecht zitiert: »Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.« Das ist ja wohl etwas mehr als die Achtung der Würde. Wickert scheint es im Lauf der Niederschrift seines Buchs aus den Augen verloren zu haben.

 

Wickert schreibt verständlich. Er unterfüttert seine Überlegungen, nach dem Muster amerikanischer Sachbücher, mit anekdotischen Fallbeschreibungen sowie Zahlen und Fakten, die dem aufmerksamen Zeitungsleser allerdings schon begegnet sein sollten. Fußnoten und Quellenangaben erspart Wickert seinem Publikum. Er schreibt über ein durchaus wissenschaftliches Thema als Journalist, was die Lektüre erleichtert und die Überprüfung erschwert. Aber was immer er tut: das Buch wird sich verkaufen. Man kennt ja den Autor persönlich. Er war vor ein paar Jahren täglicher Gast im Wohnzimmer.

 

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