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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. Juli 2017 | 20:46

    Louis Ferrante: Von der Mafia lernen

    09.12.2011

    Alle können Mafia

    Der Pate, Scarface, Casino sind drei der bekanntesten Hollywoodfilme über die »ehrenwerte Gesellschaft«. Es gibt Computerspiele und Bücher zur Cosa Nostra; die Mafia beflügelt die Fantasie des Durchschnittsbürgers. Nun ist ein Insiderbericht hinzugekommen: Der geläuterte Mafioso Louis Ferrante gibt Mittelstands-Managern Tipps, wie sie bessere Geschäftsleute werden können. Auf rund 270 Seiten Von der Mafia lernen erklärt Ferrante, dass die Mafia und normale Unternehmen spiegelbildlich aufgebaut seien. Sein Motto lautet: »Lernen Sie von der Mafia (…), und der Erfolg ist Ihnen sicher.« Von BASTIAN BUCHTALECK

     

    Das Buch wendet sich an drei unterschiedlichen Entscheidungsebenen. Zuerst an die Sgarriste, die mit den Mitarbeitern eines Unternehmens zu vergleichen sind, dann an die Capo, dem mittleren Management vergleichbar und schließlich an den Don bzw. Boss. Ferrante zieht zwischen der Mafia und der modernen Geschäftswelt viele Parallelen, deren größter Unterschied darin bestehe, dass die Mafiosi sich nur gegenseitig umbrächten, die Geschäftswelt aber jeden gleichermaßen verfolge.

     

    Authentischer Insiderbericht

    Dabei kann Ferrante auf seine Erfahrung als Mitglied der Mafia zurückgreifen. Schon mit zwölf Jahren geriet er auf das, was als »schiefe Bahn« bezeichnet wird. Bald danach begann er mit Raubüberfällen, wurde der Anführer einer Gang und schließlich in die New Yorker Mafia-Familie Gambino aufgenommen.

     

    Was muss er also können, der Mafioso respektive Geschäftsmann? Er braucht Selbstvertrauen, Durchsetzungsvermögen, Voraussicht; er muss Netzwerke spinnen, aus Feinden Freunde machen, Entscheidungen treffen; er muss Werte vertreten wie Hilfsbereitschaft, Respekt, Gastfreundschaft. Zuletzt sei es wichtig, sich eigene Fehler einzugestehen und offen zu sein für neue Ideen, selbst die verrücktesten.

     

    Louis Ferrante: 88 Lektionen Lebenserfahrung

    Man kann sich bei 88 Lektionen, die allesamt Gültigkeit beanspruchen, leicht ausmalen, dass einige davon im Widerspruch zueinander stehen. Besonders augenscheinlich wird dies bei den Lektionen 21 bis 23: »Die Befehlskette respektieren«, »Wie Sie die Befehlskette respektieren, ohne zum Arschkriecher zu werden« und »Wann Sie eine Anweisung verweigern müssen«. Sie widersprechen sich teilweise deutlich. Die Anweisungen der Lektionen lassen sich nur mit Wissen um die im aktuellen Kontext gültigen Regeln, kurz: Lebenserfahrung, anwenden. Jemandem zu mehr Lebenserfahrung raten, ist nicht besonders clever.

     

    Ferrante jedoch hat diese Lebenserfahrung, ist clever und vermittelt beides authentisch. Er strahlt aus, was als Vermögenswert gelten darf: Selbstvertrauen. Ferrante saß wegen seiner Mafia-Geschäfte im Gefängnis. Doch statt aufzustecken oder reinen Tisch zu machen, wird er Autor. Darin zeigt sich eine weitere Eigenheit von Selbstvertrauen. Schnell wird aus Selbstvertrauen Selbstverleugnung. Dann verliert man keine Worte darüber, dass Menschen tatsächlich unter der Mafia und also auch unter ihm zu leiden haben. Dann hat man keine Gnade verdient, wenn man Mafia-Regeln gebrochen hat und dann sind Erpressung, Gewalt und Mord legitimes Geschäftsgebaren. Insofern ist Ferrante authentisch, aber nicht glaubwürdig. Er schöpft seine Management-Geheimnisse aus seiner Lebenserfahrung und die Lektüre eines Buchs ist nicht mehr als der kalte Hauch davon. Gemeinsam mit der Inkompatibilität der einzelnen Lektionen untereinander ist dies die größte Schwäche des Buchs. Ferrante distanziert sich zu wenig von seinem früheren Leben. Er bleibt ein Insider, im Herzen immer noch mit der Mafia verbunden.

     

    Jeder gute Mafioso - ein guter Unternehmer oder Politiker

    Der vielleicht interessanteste Gedanke des Buches ist, dass große Unternehmen zwar keine Killer anheuern, aber genauso effektiv Böses tun können, wie die Mafia. Ob Bankencrash, Hedgefonds, gentechnisch manipuliertes Saatgut: im Namen von Wirtschaftlichkeit und Profit entsteht immer wieder beträchtlicher Schaden. Es liege in der Natur des Menschen, sich durchzusetzen. Ein cleverer Mensch mit unternehmerischem Verstand könne genauso Mafioso wie Geschäftsmann oder Politiker sein, argumentiert Ferrante.

     

    »Wenn Ihnen der Charakter der Leute, mit denen Sie Geschäfte machen, den Schlaf raubt, dann spenden Sie einen Teil Ihrer Gewinne für weltverbessernde Initiativen«, schreibt der ehemalige Gangster ironisch und offenbart den essenziellen Unterschied zwischen der »ehrenwerten Gesellschaft« und dem Rest. Roberto Saviano brachte diesen Unterschied in seinem Besteller Gomorrha treffend auf den Punkt. Er bezeichnete die Geschäftspraktiken der Mafia als »aggressivsten Neoliberalismus«. Es gilt das Recht des Stärkeren und das bis zum Tod.

     

    Insgesamt liest sich Von der Mafia lernen sehr kurzweilig, weil Ferrante umgangssprachlich und mit einem guten Gespür für die Pointe schreibt. Durch die Anzahl der Lektionen kommt es jedoch auch zu Wiederholungen und Widersprüchen. Das Buch wirkt dabei ein wenig wie die Bibel: Gleichnisse und Grundsätzliches versammeln sich, sind Leitfaden und widersprüchlich zugleich. Zuletzt hat der Leser die Aufgabe, das Buch mit dem Augenzwinkern zu lesen, welches Ferrante selbst nicht zustande bringt – nur so stellt sich die real existierende Distanz zwischen erfolgreichem Geschäftsleben und illegalen Praktiken der Mafia her.

     

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    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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