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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. Juli 2017 | 20:41

     

    Byung-Chul Han: Topologie der Gewalt

    18.11.2011

    »Wir steigern das Bruttosozialprodukt«

    Während der vergangenen Jahrzehnte wandelten sich die Industrienationen vom Typus der Disziplinargesellschaft zur Leistungsgesellschaft. Byung-Chul Han untersucht diesen Wandel in seinem neuen Essay Topologie der Gewalt; darin beschreibt er ein von Grund auf gewandeltes Menschenbild und erklärt aus der Verlagerung des Gewaltimpulses das weitverbreitete psychische Elend der Gegenwart; es drohe eine Implosion des Systems. Han lehrt Philosophie und Medienkunde in Karlsruhe und fand unlängst mit seiner Studie Shanzhai viel Aufmerksamkeit. Von WOLF SENFF

     

    Die Disziplinargesellschaft war wesentlich durch das Gegenüber geprägt, an dessen Präsenz sich das Subjekt formt. Es trat als »Pflicht« (Kant) auf, als »Über-Ich« (Freud) und zwang das Subjekt in eine angepasste Individualität. Diese Konstellation sieht Han in der Leistungsgesellschaft der Gegenwart grundlegend gewandelt. Foucault nehme diesen Wandel nicht wahr, sein Gesellschaftsmodell sei überholt (Michel Foucault: Überwachen und Strafen).

     

    Tiefgreifender Paradigmenwechsel

    Das »spätmoderne Leistungssubjekt« kenne kein disziplinierendes Gegenüber mehr, und deshalb finde eine Konfrontation mit dem Anderen, aus der sich die individuelle Persönlichkeit oft unter Qualen bildete, nicht statt. Aus dem Verlust dieser zentralen Konfliktebene erklärt Han die Hilflosigkeit der Psychologie gegenüber den verbreiteten Leiden Depression und burn-out. Der Essay darf mit Gewinn auch als eine Pathologie der gegenwärtigen Industriegesellschaft gelesen werden, in der der Autor Depression, burn-out, Adipositas und Infarkt aus dem Zustand des gesellschaftlichen Organismus ableitet und sich in seiner Diagnose gegen Alain Ehrenberg abgrenzt (»Nur glücklich zu leben ist unvorstellbar« – Interview mit Alain Ehrenberg in der taz vom 13. Juli 2008). 

     

    Das Individuum der Spätmoderne

    Die Koordinaten des Subjekts sind in der Leistungsgesellschaft neu formiert. Es gibt den Feind nicht mehr, mit dem ich kämpfe und den ich gewaltsam niederringe und besiege. Der Feind ist ersetzt durch den Konkurrenten, den ich durch eigene Leistung übertrumpfe, überhole. Ich messe mich nicht länger am Anderen, sondern ich definiere mich selbst, ich setze mir eigene Ziele, ich bin frei. »Während sich das Gehorsamssubjekt dem Über-Ich unterwirft, entwirft sich das Leistungssubjekt auf das Ideal-Ich«. Der negative Zwang durch das Über-Ich wird ersetzt durch positiven Zwang, mit dem das Subjekt sich als Ideal-Ich verwirklichen, das Leistungsziel auf Teufel komm raus erreichen will: Wer will schon gern ein Loser sein.

     

    Han sieht das Subjekt durch diesen positiven Zwang allerdings in einer weitaus fataleren Lage als zuvor. Es ist Täter, indem es alles unternimmt, um das selbst gesteckte Ziel zu erreichen, und Opfer zugleich, auf sich selbst gestellt und den Konsequenzen ausgeliefert, und das aufgrund der eigenen, freien Entscheidung. Die Dopinggesellschaft kündigt sich an.

     

    Konsensuelle Gewalt

    Auch auf gesellschaftlicher Ebene habe Gewalt ihren Charakter verändert, sie trete nunmehr als konsensuelle Gewalt auf – in Geier Sturzflugs Hit Wir steigern das Bruttosozialprodukt bereits 1983 kühn vorweggenommen und amüsant verspottet – und versage dem Subjekt jeden aktiven Widerstand. Die Leistungsgesellschaft ist neu formiert, Han spricht auch hier von einer Positivisierung, da die alten Antagonismen, der Widerstreit von Ideologien und Klassen, nicht länger vorhanden seien. Die vielversprechende Perspektive liegt für Han im »kommunikativen Wesenskern« der Demokratie; die Parlamentarismuskritik von Walter Benjamin und Carl Schmitt werde der realen Bedeutung demokratischer Entscheidungsprozesse nicht gerecht.

     

    Leider ist die Kategorie der Herrschaft in diesem Essay vernachlässigt. Denn die gegenwärtige Situation, in der das Finanzkapital sich rücksichtslos an den öffentlichen Haushalten bereichert, dürfte mit Fug und Recht als Klassenkampf von oben beschrieben sein, und der Widerstand der neunundneunzig Prozent gegen die Plünderung durch das eine Prozent wird durch Hans »konsensuelle Gewalt« nicht erfasst.

     

    Der Essay stellt jedoch wesentliche Erscheinungen einer hochproblematischen Gesellschaft in erhellende Zusammenhänge und beschreibt die Symptome des Zerfalls und das verbreitete psychische Elend in einer erfrischend radikalen, notwendigen Klarheit. Die Darstellung ist facettenreich und bleibt angenehm dicht an der Oberfläche der Erscheinungen, die Diktion ist kein für den unbelasteten Leser unverständliches Soziologendeutsch.

     

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