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Montag, 21. April 2014 | 06:36

Nikolaus Heidelbach: Wenn ich groß bin, werde ich Seehund

17.10.2011

Wer ist der Seehund?

In wunderschönen Bildern erzählt der mehrfach ausgezeichnete Buchautor und Illustrator Nikolaus Heidelbach die Geschichte Wenn ich groß bin, werde ich Seehund. Ein kleiner Junge findet im Bettkasten des Sofas ein Seehundfell, ohne zu ahnen, was seine Entdeckung auslöst. Von MONIKA THEES

 

Ein Haus an karger atlantischer Küste, fern des Dorfes, das Dach schindelgedeckt. Ein Holzschuppen steht längs der Seitenwand, zwei Walknochen kreuzen sich am Eingang zum hohen Tor. Vor der Anhöhe das Meer, smaragdgrün und ruhig, der Himmel weit, wolkenlos, Wind weht von Land. Ein kleiner Junge mit rotblonden Haaren steigt aus dem Wasser, er trägt eine Schwimmbrille und eine rote Badehose. »Schwimmen habe ich nie gelernt, ich konnte es immer schon«, beginnt er seine Erzählung. Sein Vater ist Fischer, oft tagelang weit draußen auf See, dort, wo die Fischschwärme vorüberziehen. Die Mutter arbeitet in Haus und Garten. Der Junge hilft ihr, danach geht er schwimmen im Meer.

 

Land, Wasser, ein Haus und Vater, Mutter, ein Junge: Nikolaus Heidelbach entwirft eine kleine, die behütete Welt eines Kindes, das abends den Erzählungen der Mutter lauscht: Sie, hellhäutig, schön, mit langen, dunklen Haaren, erzählt von Meerjungfrauen und Krabbenmädchen, von Tintenprinzen und Todesquallen, Seeponys und Walen mit ganzen Städten auf dem Rücken ... Fantastische Wesen, halb Mensch, halb Tier, werden im Traum lebendig, schlängeln sich um-, übereinander und schweben bis ans Bett des schlafenden Jungen. Die Augen der Fabelwesen glänzen, Kronen glitzern, Ringe aus Edelstein funkeln. Ein Seepferdchen berührt mit seinem Rüssel sanft die Nasenspitze des Jungen.

 

Eine kleine, eine behütete Welt

Nikolaus Heidelbach, 1955 in Lahnstein/Rhein geboren, gilt als einer der anerkanntesten, zugleich eigenwilligsten Illustratoren. Er schuf großartige Bilder, fantastische Geschichten, geniale, hintergründige Illustrationen zu den Märchen der Brüder Grimm, für einen H.-C.-Andersen-Märchenband, zu Werken von Josef Guggenmos und Christine Nöstlinger. Heidelbachs Bildwelten und Geschichten widersetzen sich schneller Lektüre: durch Elemente der Verstörung, die konträr zur Klarheit von Zeichnung und Wort stehen. Fantastik und Alltag gehen ineinander über, der Traum durchdringt die Realität, Magie betört und verstört, das Geheimnis bleibt offen. »Je doppelbödiger man arbeitet, desto weniger hat man nötig, bereits an der Oberfläche zu erschrecken«, so Heidelbach in einem Interview.

 

Woher weiß die Mutter von den wundersamen Geschöpfen des Meeres?, fragt sich der Junge. Sie geht nie ins Wasser, ist stets an Land. »Fischersfrauen sollten nicht schwimmen«, sagt sie und schweigt. Eines Nachts beobachtet der Junge unbemerkt, wie der Vater ein glänzendes Bündel aus dem Geräteschuppen ins Haus trägt. Am nächsten Morgen fährt er wieder auf See, die Mutter räumt Haus und Schuppen auf. Der Junge sucht unauffällig, und zunächst vergeblich, nach dem geheimnisvollen glitzernden Ding und findet es schließlich: Im Bettkasten des Wohnzimmersofas entdeckt er zwischen den Decken ein ölig schimmerndes Seehundfell. »Da wusste ich sofort Bescheid.«

 

Das Geheimnis der Selkies

Nikolaus Heidelbach greift in Wenn ich groß bin, werde ich Seehund ein Motiv der keltischen Mythologie auf: Legenden berichten von geheimnisvollen Meereswesen, den Selkies oder Selchies. Seehunde kommen an Land, streifen ihr Fell ab und leben fortan als Frau oder Mann. »Und das Fell verstecken sie und hüten es wie einen Schatz, damit sie wieder ins Meer können, wenn sie genug Mensch gewesen sind«, weiß der Junge. Aber wer ist der Seehund? Der Vater, der zur See fährt!? Der Junge berichtet der Mutter vom Fell im Bettkasten und lässt sie raten. »Nein, leider nein.« Der Vater sei kein Seehund. Ein Seehundfell »haben viele Fischer und sind doch keine Seehunde«, antwortet die Mutter beruhigend zur Nacht. Am nächsten Morgen ist sie verschwunden, das Seehundfell auch.

 

Der rotblonde Junge, mit Schwimmbrille und roter Badehose, steht im Rahmen der Tür, blickt auf das Bett der Mutter mit straff gezogener Decke und frischem Bezug, darauf liegt gefaltet das Nachthemd. Er erklärt das Geschehen nicht, sagt nur, dass der Vater und er seitdem alleine leben. Sie kämen ganz gut zurecht. Manchmal geht der Junge an den Strand, findet dort auf einem großen Stein zwei frische Makrelen. War ist geschehen in dieser Nacht und warum? Folgt die Erzählung der Sage, nach der ein Mann das Fell einer Selkiefrau verstecken muss, um sie bei sich zu halten? Dies gelinge nur so lange, bis sie ihren Pelz wiederfindet, heißt es. Dann verschwinde sie zurück ins Meer. Ihren gemeinsamen Kindern wüchsen Schwimmhäute zwischen den Fingern. Sie können schwimmen, ohne es je zu lernen.

 

Land und Meer, Realität und Traum

Es gibt in Heidelbachs Wenn ich groß bin, werde ich Seehund keine Eindeutigkeit, sie ist weder gewollt noch nötig, wäre sogar hinderlich. Der Leser folgt dem Bericht des Jungen, spürt den versteckten Hinweisen nach und betritt den Raum der eigenen Interpretation. Er liest und sieht einmal, zweimal, mehrmals. Warum trägt der Junge stets Schwimmbrille und eine rote Badehose? Warum ist das dunkle Kleid der Mutter so geschmeidig wie eine zweite Haut? Warum wirken ihre Gliedmaßen und die des Jungen zuweilen wie Flossen? Ähnelt der große Stein mit den Makrelen nicht dem Kopf eines Seehunds?

 

Klein erscheint das Land angesichts der Weite des Meeres, klein auch der Junge am Strand, der mit den Füßen im Wasser steht. Fast unmerklich geht das warme Braun und Grün der Küste über in das gesättigte Blaugrün des Wassers, das zarte Blaugrün des Himmels. Keine Bedrohung ist erkennbar, keine Furcht, eher ein tiefes Verstehen. Heidelbachs meisterhaft aquarellierte Bilder sind ruhig, sanft und wunderschön. Nicht von Trauer und Verlust, nicht von Einsamkeit erzählen sie, sondern von einem großen Einssein von Land und Meer, Natur und Fantasie, Realität und Traum, der beständigen Wandlung des Lebens und seinen Möglichkeiten. »Wenn ich groß bin, werde ich Seemann«, sagt der Junge. »Oder Seehund.«

 

Nikolaus Heidelbachs Œuvre wurde vielfach ausgezeichnet. 2007 erhielt er den Großen Preis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur, für Königin Gisela den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Bilderbuch. Wenn ich groß bin, werde ich Seehund ist sein neuestes Meisterwerk – rätselhaft, magisch-realistisch, kostbar und zauberhaft, für Menschen ab vier und Erwachsene, die nicht aufgehört haben zu fragen und zu staunen.

 

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