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Donnerstag, 23. Mai 2013 | 15:50

José Saramago: Kain

31.10.2011

Keine Abrechnung mit Gott

»Er versucht in Gleichnissen, eine fliehende Wirklichkeit sichtbar zu machen«, hieß es 1998 in der Begründung des Stockholmer Nobelpreiskomitees. Doch mit seinen bisweilen sehr gewagten Allegorien hat sich der 2010 im Alter von 87 Jahren auf Lanzarote verstorbene Schriftsteller keineswegs nur Freunde gemacht. Sein letzter, provozierender Roman Kain – gelesen von PETER MOHR.

 

Vor allem mit seinen politisch-gesellschaftlichen Provokationen eckte der aus einer Landarbeiterfamilie stammende Saramago immer wieder an. Er polemisierte gegen Italiens Ministerpräsident Berlusconi und gegen die Israel-Politik der Europäischen Union, kämpfte einst in seiner Heimat gegen das Salazar-Regime und galt als einer der intellektuellen Wegbereiter der Nelkenrevolution. Geliebt und geschätzt haben ihn seine Landsleute dennoch nicht.

 

Als 2009 sein letzter, soeben in deutscher Übersetzung erschienener Roman Kain im Original erschienen war, löste er in Portugal eine heftige Protestwelle aus, die darin gipfelte, dass der sozialdemokratische Europaabgeordnete Mario David Saramago aufforderte, die portugiesische Staatsbürgerschaft zurückzugeben. Stein des Anstoßes: Der bekennende Atheist Saramago hatte die Geschichte des Alten Testaments neu erzählt und war daraufhin öffentlich als »Ketzer« stigmatisiert worden.

 

Kain, Lilith, Isaak und Abraham, Noah, Moses und Hiob – sie alle lässt Saramago in seinem Roman auftreten, losgelöst von Raum und Zeit. »Mit dieser Religion komme ich nicht zurecht«, hatte Saramago erklärt und in einem Interview mit der spanischen Zeitung La Vanguardia weitergehend ausgeführt, dass der Roman »keine Abrechnung mit Gott, sondern eine endgültige Abrechnung mit den Menschen, die ihn erfunden haben« sei.

 

All der aufgestauten Bitternis des Alters lässt Saramago in seinem letzten Roman freien Lauf. »Ich habe Abel getötet, weil ich dich nicht töten konnte, doch meiner Ansicht nach bist du tot«, lässt er seinen Kain voller Wut zum Schöpfer sagen. 

 

Das war nicht mehr der Saramago, der uns mit seinen wiederkehrenden Wechselspielen zwischen Poesie, modernen Mythen und knallhartem Realismus so großartige Romane wie Das steinerne Floß (1986) oder Die Stadt der Blinden (1995) beschert hatte. Auch bei einem fraglos verdienstvollen Schriftsteller wie Saramago ist blinde Wut eine untaugliche künstlerische Antriebsfeder. »Die Geschichte ist zu Ende, mehr gibt es nicht zu erzählen«, lautet der letzte Satz des umstrittenen Romans Kain. Leider auch das wenig befriedigende Ende einer großen Schriftstellerkarriere.

 

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