Kain, Lilith, Isaak und Abraham, Noah, Moses und Hiob – sie alle lässt Saramago in seinem Roman auftreten, losgelöst von Raum und Zeit. »Mit dieser Religion komme ich nicht zurecht«, hatte Saramago erklärt und in einem Interview mit der spanischen Zeitung La Vanguardia weitergehend ausgeführt, dass der Roman »keine Abrechnung mit Gott, sondern eine endgültige Abrechnung mit den Menschen, die ihn erfunden haben« sei.
All der aufgestauten Bitternis des Alters lässt Saramago in seinem letzten Roman freien Lauf. »Ich habe Abel getötet, weil ich dich nicht töten konnte, doch meiner Ansicht nach bist du tot«, lässt er seinen Kain voller Wut zum Schöpfer sagen.
Das war nicht mehr der Saramago, der uns mit seinen wiederkehrenden Wechselspielen zwischen Poesie, modernen Mythen und knallhartem Realismus so großartige Romane wie Das steinerne Floß (1986) oder Die Stadt der Blinden (1995) beschert hatte. Auch bei einem fraglos verdienstvollen Schriftsteller wie Saramago ist blinde Wut eine untaugliche künstlerische Antriebsfeder. »Die Geschichte ist zu Ende, mehr gibt es nicht zu erzählen«, lautet der letzte Satz des umstrittenen Romans Kain. Leider auch das wenig befriedigende Ende einer großen Schriftstellerkarriere.
