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Wolf von Niebelschütz: Die Kinder der Finsternis

12.09.2011

Ein Geheimtipp der deutschen Literatur

Die Kinder der Finsternis von Wolf von Niebelschütz, erschienen 1959, entführt den Leser in die faszinierende Welt des Mittelalters. Eine Pflichtlektüre findet HUBERT HOLZMANN

 

Wolf von Niebelschütz' Roman Die Kinder der Finsternis führen zurück in die Provence ins dunkle 12. Jahrhundert. Ritterturniere, Minnedienst und Heldenepik sind die Lichtseite der Zeit, Kriege, Kreuzzüge, Hexenprozesse stehen dagegen. Und mitten in diesen Untiefen der Zeit taucht der Held der Geschichte auf, der junge Schäfer Barral: »Seine Hüfte blitze von Messern; Schenkel und Fuß schimmerten in der Luft. Ein gigantischer Schritt, und er schwebte voran; ein zweiter, und er stieg durch das Geröll talwärts.« Kraftvoll, unerschrocken im Wesen. Doch als Knabe erlebte er Schreckliches.

 

Barral ist der einzige Überlebende eines maurischen Überfalls auf sein Heimatdorf Ghissi. Er vergräbt den geschändeten Kirchenschatz und einer Zypresse; sein einziges Ziel ist es, das Dorf Ghissi, zwischen Arles, Avignon und Aix gelegen, wieder aufzubauen. Auf wundersame Weise wird sein besonderes Talent vom Markgrafen Peregrin erkannt und er wird als Knappe in dessen Dienste genommen. Von da an beginnt sein fantastischer Aufstieg. Barral wird zum Ritter geschlagen, später sogar selbst Markgraf, zum Freund des Kaisers Friedrich I. und zum Stammvater eines wichtigen Reiches.

 

Wolf von Niebelschütz ist im Jahr 1913 geboren, Spross einer schlesisch-böhmischen Adelfamilie. Nach dem Studium der Geschichte und Kunstgeschichte in München arbeitet er als Redakteur der Magdeburgischen Zeitung, später für die Rheinisch-Westfälische Zeitung. 1937 wurde er entlassen wegen »politischer Unzuverlässigkeit«. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs, den er in Frankreich über stationiert ist, setzt er seine Tätigkeit als Journalist und Schriftsteller fort. Mit nur 47 Jahren stirbt er 1960 in Düsseldorf.

 

Eine Liebesgeschichte

Bereits als junger Mann rettet der Schäfer Barral – noch nicht dem ritterlichen Minnedienst verpflichtet – eine junge Schönheit in den Bergen, deren Begleitung von einem Erdrutsch begraben wurde. Sie ist dem Unbekannten sogleich verfallen, pure Lust und Hingabe ihre erste und einzige Nacht mit dem Schäfer. Dieser ist selbstbewusst, männlich, voller Kraft. Das alles ist nur Auftakt und Vorspiel für Größeres.

 

Barral begegnet am Hofe des Markgrafen der schönen Judith: »Barral kleidete sich an, nahm das Notlicht und ging hinüber zum Frauenhaus. Sein Herz schlug in den Fingern, den Schläfen, auf der Zunge, überall. Endlich kam sie. Ihr Haar floß aufgelöst als Woge in den Mantel... Sie legte die Linke leicht, wie sich ziemte, auf seine Rechte. Da beide Hände zitterten, zog sie die ihre wieder fort.« Minnedienst, nicht nur höherer Art, bindet ihn über Jahre hinweg an die Dame seines Herzens, die selbst in einer unglücklichen Ehe mit dem Erben des Markgrafen Otho Ortaffa gebunden ist. Erfüllung kommt spät: »Mit Staunen und Zartheit, wie er noch nie einer Frau genaht war, nahmen seine Hände Besitz von ihr. Zitternd, wie sie nicht in Farrancolin gezittert, wartete er, wartete sie, von Trauben überhangen, auf die Erfüllung.«

 

Ein Historienepos

Niebelschütz erzählt – wie schon zuvor im Blauen Kammerherrn, den er ab 1942 zu schreiben beginnt – im Roman Die Kindern der Finsternis zugleich auch von der Geschichte der Provence im Mittelalter. Der zweite Kreuzzug ist Hintergrund des Romans. Auch die politische Situation wird von Niebelschütz trefflich beschrieben: Das westliche Europa wird vom Streit zwischen Kaiser und Papst beherrscht. Friedrich I. erhebt seinen Machtanspruch auf ganz Italien, der Bruch mit dem Papsttum war unvermeidlich. Der Kaiser will die norditalienischen Städte der Lombardei unter seine Gewalt bringen. Mailand wird belagert, eingenommen, zerstört. Kluge Heiratspolitik sichert ihm mit der Ehelichung von Beatrix, der Erbin von Burgund, die südöstlichen Gebiete des heutigen Frankreichs. Die auch die komplexe politische Folie für die Helden des Romans.

 

Ebenfalls spiegelt sich Historisches auf kleinerer Ebene. Zahlreiche Städte, Fürsten, Familien streiten um Einfluss und Vorherrschaft. Lehensverhältnisse wechseln wie Bündnisse und Pakte untereinander oder mit Erzfeinden wie den Sarazenen oder Mauren. Belagerungen, Brandschatzungen, Mord und Totschlag sind an der Tagesordnung. Niebelschütz' Notiz über »26 gegenüberliegende Geschlechtertürme in Forcalquier«, einer Kleinstadt nahe der Durance, zeigt seine Fasziation von den französischen Kleinstädten des Mittelalters deutlich.

 

Allerdings erfindet Niebelschütz in seinem Roman Die Kinder der Finsternis die Provence des Mittelalters neu. Er übernimmt er die Landkarte nicht eins zu eins. Mit neuen Ortsnamen und Landschaftsbezeichnungen erschafft eine neue Topografie. Er bastelt sich seine eigene Landschaft, so wie er sie auf seinen Reisen durch Frankreich, auf denen er sich in die Vergangenheit zurückdenkt, findet: Flussläufe, Gebirgszüge, Wälder erhalten sprechende Namen: »der Stuhl Gottes«, »die Schulter Satans«, der »Hundswald«, die Burg »Amselsang«.

 

»Mauretanische Mark hieß das kaiserliche Grenzland nach seinen morddurstigen Nachbarn am Meer, den Mauren, Mohren oder Sarazenen; bei seinen Bewohnern hieß es Kelgurien. Kelgurien bestand aus sechs Grafschaften unter dem Markgrafen Dom Rodero (...) Gegen Sonnenaufgang in das Eis der Gebirge gefaltet, gegen Untergang flach am Tec-Strom endend und mit dem Königreich Franken durch eine einzige Brücke, die von Rodi, verbunden, wurde es in der Quere zerschnitten durch die tückische Gallamassa, an der es Brücken nicht gab, nur Furten.«

 

Ein Reiseroman

Frankreich und besonders die Provence faszinierte Niebelschütz zeit seines Lebens. Er saugt auf seinen Fahrten durch das Land die kleinen und nebensächlichen Details begierig auf. Sie arbeitet er motivisch in seine Kindern der Finsternis ein. Es sind Begegnungen mit der Landschaft, eine beeindruckende Ansicht auf den Fluss Durance, auf den Canal du Midi, auf eine winzige Kirche. Sein Blick fällt auf Details, etwa auf ein Hinweisschild, auf Architektonisches, ein Kapitell, ein Taufbecken, ein Mauerrelief. Beeindruckend die Vielfalt der gesammelten Ideen:

 

»Das Land lag im letzten Abendlicht. Noch in der Dämmerung beschrieb er, wie der Bach fließen müsse. (...) Die Nacht senkte sich violett auf die Grafschaft, geisterhaft schimmerten die Silberschleifen des Tec. (...) Aus den höchsten Höhen löste sich zwischen der Mondsichel und den ersten Sternen ein goldener Tropfen. Still wie eine Feder auf der Luft, fiel er nieder, immer größer, ein sattes Leuchten. Barral kannte jeden Baum zwischen Kelmarien und den Strömen.«

 

Ein literarischer Roman

Die Vorlagen sind unscharf gezeichnet. Niebelschütz erfindet seine Geschichte neu. Findet und erzählt auf großartige epische Weise. Doch unverkennbar ist seine Einbindung in literarische Tradition. Der Simplicissimus von Grimmelshausen – per aspera ad astra das Motto – nur ein literarisches Fundament: der Held als einziger Überlebender einer Brandschatzung, der Sonderstatus von Barral, beinahe der eines Narren, mit Rede- und Gedankenfreiheit gegenüber dem Markgrafen, der adlige Stammbaum Barrals als anerkannter Bastard des Fürsten.

 

Dann die anakreontische Schäferdichtung basierend auf den biblischen David, die Bestimmung des Helden, auch bei Barral wird die Harfe geschlagen, die Motive des Zweikampfs gegen Goliath, der Wiederaufbau der Kirche von Ghissi, der Gottesfrevel durch Polygamie, das Genealogische, der beinahe biblische Stammbaum als Urvater von Ghissi. Natürlich kennt Niebelschütz die Dichtung des Mittelalters: Epik und Lyrik, Minnesang und Heldenlied, die Geschichte Parzivals wie die Sagen von Arthur. Die Freundschaft zum Juden Jared, die Blutsbruderschaft mit einem maurischen Emir imaginiert eine neu erzählte Ringparabel im Roman.

 

Ein großartiges Sprachkunstwerk. Archaisch im Sprachduktus, in der Rhythmik des Satzbaus. Niebelschütz baut seine Sätze, der Verskunst der mittelhochdeutschen Dichtung nachempfunden, nachkomponiert: Hochmusikalisch mit ungeheurer Zugkraft. »Der Schäfer ging südwärts, hoch über Herden und Hunden, in langen Gesängen des Jubels. Als der Tag zu glühen begann, sah er unter sich mit ihren Inseln und Kiesbänken, schwimmenden Baumkronen und toten Buchtwassern die weißgrau schäumende Gallamassa. An der wanderte er dahin wie seit Jahren stets, auf der uralten Schaftrift oben am Hang, den Furt von Ongur entgegen.« Ein gewaltiger, großartiger Roman.

 

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