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Peter Sloterdijk: Du mußt dein Leben ändern

19.09.2011

Peter in the sky with diamonds

Am Anfang steht das Wort, respektive der Imperativ: In Peter Sloterdijks Du musst dein Leben ändern tönt der Appell so dringlich, dass man sich ihm nicht mehr entziehen kann. Und das ist auch gar nicht möglich, wie eingehend bewiesen wird, denn längst wollen und müssen wir ihm Folge leisten, wie schon viele Generationen vor uns. VIOLA STOCKER lässt sich von Peter Sloterdijk in die Trainingslager der Menschheit entführen.

 

Sloterdijk ist nun einmal ein genialer Rhetoriker. Und deswegen fällt es leicht, sich in seine Jüngerschaft einzureihen, wenn auch zugegebenermaßen der Ansatz dieses Buches mehr als konstruiert wirkt. Die Menschheit als eine Gruppe von trainierenden Athleten des Geistes, die sich von einer Vertikalspannung ständig anspornen lässt, ihr Leben zu ändern und zu verbessern? Das ist hart zu akzeptieren, nachdem sein diesbezüglich wohl größter Widersacher Pierre Bourdieu die Unveränderlichkeit der menschlichen Gesellschaft jahrzehntelang propagiert hat. Aber es ist auch ein wunderbares utopisches Spiel, bei dem man selbst auch gerne einmal die Figuren bewegen möchte.

 

Alles beginnt mit dem Titelzitat aus dem Gedicht Rilkes. Der Blick auf einen berückenden neo-antiken Torso, dessen Perfektion die Aufmerksamkeit auf die eigene Unzulänglichkeit lenkt und herausfordernd Nachahmung verlangt. Schon Nietzsche verherrlichte Athleten der Antike und Übermenschen. Was veranlasst Menschen, die eigene Perfektion voranzutreiben? Sloterdijk nennt diesen Antrieb Vertikalspannung. Es kann sportlicher Ehrgeiz ebenso sein wie Religion. Letztere hat die Menschheit in der Vergangenheit zu jenseitigen Perfektionsübungen angestachelt, getarnt als Askese, ob in buddhistischer, hinduistischer oder christlicher Ausprägung.

 

Zirkusartistik auf philosophischen Höhenpfaden

In seinem Plädoyer für den systematischen Verlust an Bodenhaftung muss Sloterdijk irgendwann über Pierre Bourdieu stolpern, der mit seinem Habitus-Konzept die Soziologie der Nachkriegszeit grundlegend verändert hat. Entsprechend lässt er kein gutes Haar an Bourdieu, den er den »Denker des Trainingslagers« nennt, einen Verfechter der Stasis, die perfekte Ausrede sozusagen, um ja nicht üben zu müssen. Bourdieu, der alle utopistischen Ideologien der letzten Jahrzehnte widerlegt hatte, wird nun selbst widerlegt. Der Habitus wird als Trägheit entlarvt, die sich in Gewohnheiten suhlt, um der fordernden Realität nicht in die Augen sehen zu müssen.

 

Entsprechend wird vor Augen geführt, wie leicht Unmögliches vollbracht werden kann, solange man nur genügend übt – der Zirkuseffekt soll sich auch in der Philosophie nachweisen lassen. Durch mechanische Wiederholungen soll der Mensch sich letztendlich der Perfektion nähern und sich selbst verbessern. Beispiel hierfür ist bei Sloterdijk die Pädagogik, die Meister des jeweiligen Fachs herausbilden soll, Apostel zum Beispiel oder Philosophen, wobei selbstredend den Lehrer-Trainern herausragende Bedeutung zukommt. Sobald Pädagogen mit im Spiel sind, fällt der Blick auf die staatlichen Schulsysteme und den Staat selbst. Kann er in der Zirkusarena mithalten?

 

Ist die Welt eine Schule? Produzieren die Pädagogen Bürger für den Staat? Kann das Bildungssystem überhaupt am gleichen Strang ziehen wie das Regierungssystem? Das sind die Fragen, die Sloterdijk angeht, wenn er im dritten Teil seines Buches seine Beobachtungen über die Übungssysteme unserer Vergangenheit auf die Moderne überträgt. Von Staatsraison und militärischem Drill ist es nicht weit zu den dunklen Kapiteln der letzten zweihundert Jahre. Radikaler Übungswille resultiert nicht nur in politischen Utopien, sondern in realen Umsturzversuchen wie der russischen Revolution. Man ahnt schon, dass der menschliche Trainingswahn auch falsche Wege einschlagen kann. 

 

Wir alle müssen unser Leben ändern!

Wer über die Menschheit nachdenkt, darf unsere absoluten Fehler nicht vergessen. Wie kommt es, dass eine so Perfektionsversessene Spezies so scheitern kann? Die furchtbare Kultur der kommunistischen und nationalistischen Lager in der Geschichte des 20. Jahrhunderts zeigt die Entartungen unserer Übungssysteme auf, zeigt, was passiert, wenn wir nur um des Übens willens üben. Sloterdijk vergisst das nicht, auch nicht, dass aus den Schulen selbstrekrutierende Systeme geworden sind und dass unsere Kunstwelt auch nur um sich selbst kreist ohne sich weiter zu verbessern. Sind also alle Übungen entgleist? Gibt es noch so etwas wie eine Vertikalspannung?

 

»Du musst dein Leben ändern«, welches Gegenüber darf uns das heute noch sagen, nachdem Nietzsche und die Moderne Gott demontiert haben, die politischen Utopien wie Bildungs- und Kunstsysteme an sich selbst scheiterten und die Trainingslager der Menschheit überfüllt sind? Es ist die unausweichliche und drohende Katastrophe unseres Planeten, der Prophetismus nach wie vor rechtfertigt und von uns verlangt, unser Leben zu ändern. Wenn wir leben wollen, so Sloterdijk, müssen wir uns bemühen, anders zu leben. Das absolute Bemühen um Veränderung angesichts globaler Umwelt- und Sozialkatastrophen wird uns von nun an antreiben, das drohende Sterben unseres Planeten und damit unserer Spezies stellt die neue Vertikalspannung dar. Statt Kommunismus Altruismus als neue Utopie?

 

Die Realität hat uns längst eingeholt, Sloterdijks utopischer Appell verhallt im Nachklang von Fukushima, die Solidarität der Japaner findet ihr Echo in einer erneut erstarkten Antiatomkraftbewegung, die Baden-Württemberg einen grünen Ministerpräsidenten beschert hat. Kaum haben sich diese Wogen geglättet, breitet sich in Somalia eine katastrophale Hungersnot aus, die wieder unsere Hilfe erfordert und in Norwegen finden viele Menschen nach dem grausigen Amoklauf zu neuer Solidarität. In solchen Extremsituationen stellen wir fest, wie recht Sloterdijk hat, wie unumgänglich der Ausstieg aus Bourdieus Tal der Gewohnheiten ist. Ändern wir endlich unser Leben!

 

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