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Montag, 01. September 2014 | 13:14

Peter Stamm: Seerücken

22.08.2011

Seismograph des Alltäglichen

Seerücken – so heißt eine ländlich geprägte Region südlich des Bodensees. Im gleichnamigen Erzählband von Peter Stamm geht es um Alltagssituationen, die es in sich haben. Von HUBERT HOLZMANN

 

Die zehn neuen Kurzgeschichten des Schweizer Autors Peter Stamm scheinen auf den ersten Blick eine willkürliche Zusammenstellung von ganz unterschiedlichen Geschichten zu sein. Ein Uni-Dozent geht in einem einsam gelegenen Kurhotel in Klausur, um dort ungestört zu schreiben. Ein Touristenpärchen, das sich mit den Jahren etwas auseinandergelebt hat, beobachtet die Familie in der benachbarten Ferienanlage und geht wieder aufeinander zu. Ein Gemeindepfarrer findet zu seiner neuen Gemeinde keinen Zugang und feiert schließlich mit den Vögeln des Feldes das sonntägliche Abendmahl. Das Mädchen Anja ist ihrer Welt abhandengekommen und lebt eine Zeit lang im Wald. Auf den Nachbarfeldern des Gemüsebauers Alfons wird ein Open-Air-Konzert veranstaltet, auf dem der Eigenbrötler seine erste Liebe beinahe verpasst.

 

Und so lapidar ließen sich auch die weiteren Erzählungen zusammenfassen. Wäre da nicht doch etwas, das dem Leser unter die Haut geht. Denn in den Geschichten gibt es Momente des Innerlichen, des Intimen, des Zögerns – Momente, die bewegen, verrücken, verstören. Und das keinesfalls beabsichtigt, konstruiert. Meist ist es ein kurzes Zusammentreffen, ein Vorübergehen, eine kurze Unaufmerksamkeit. Und was entsteht, ist keineswegs trivial, auch wenn die Erschütterung in den zehn erzählten Episoden sehr markant ist. Die Quintessenz: Das Schicksal des anderen lässt sich nicht aufhalten. Die »Hotelmanagerin« Ana kann der Ich-Erzähler nicht aufhalten. Ihre Existenz kann er nur vor der Staatsgewalt bezeugen und beschwören. Der Italienfahrer Niklaus kann die Frau von Haus gegenüber nicht trösten und stützen, er kann nur zur eigenen Frau zurückfinden.

 

Was Peter Stamm uns da erzählt, ist frei von aller Pädagogik, aller moralisierender Geste. Es gibt keinen didaktischen Anstrich, so wie das vielleicht die Generation um Borchert und Brecht in ihren Kurzgeschichten zum Ausdruck bringen musste. In den Zeiten nach 9/11 wirken Fakten, bestimmen Schlagzeilen das Handeln. Erstaunlich ist es da, wie merkwürdig dann doch wieder die subtilen menschlichen Bewegungen unser Denken und Tun beeinflussen. In den Geschichten begegnet eine unterschwellige Unsicherheit, etwas Unerwartetes, wodurch der Mensch aus seiner Verankerung gerissen wird und sich einen neuen Haltepunkt suchen muss.

 

»Nachdem er gegangen war, saß Sara noch eine Weile lang am Klavier. Unentschlossen drückte sie ein paar Tasten, aber die Töne schienen ihr falsch, und keine Melodie wollte sich bilden. Schließlich rückte sie den Klavierschemel zur Wand, stieg darauf und begann sorgfältig die Bastschnüre zu lösen, mit denen sie die Ranken des Philodendron festgebunden hatte. Es dauerte lange, bis sie alle Befestigungen gelöst hatte und die Pflanze in einem Haufen neben dem Klavier lag.«

 

Der Autor beeindruckt als Meister der Kurzgeschichte. Er wählt selbstsicher den Ausschnitt, die wenigen Details, Stimmungen, Farben, die er für sein a fresco-Gemälde benötigt. Die Spannungen, die Konstellation werden in den ersten Sätzen sichtbar: »Reinhold stand am Fenster und schaute hinaus. Unten auf der Straße gingen ein paar Männer vorbei, und er trat instinktiv einen Schritt zurück. Wenn er ehrlich war, fürchtete er sich vor den Menschen hier, vor ihrer launischen Art und ihrer Verstocktheit. Ihre grobe Sprache stieß ihn ab, und ihr Lachen war ihm unheimlich. Sein Vorgänger war wie sie gewesen, ein ungeschlachter lauter Mensch, der am Sonnabend mit seiner Gemeinde trank und ihr am Sonntag ins Gewissen redete.«  Die Szene ist sofort eingängig, und trotzdem – die Lösung liegt nicht auf der Hand. Der Gemeindepfarrer muss erst Konventionen durchbrechen, um den pastoralen Aufruf »Fürchtet euch nicht« neu zu hören.

 

Auch zwischen Mann und Frau: eingespielte Verhaltensmuster und bloßes Nebeneinanderherleben in langjährigen Partnerschaften, Berührungsängste, Verletzungen, Zurückweisungen in der ersten Liebe. Erschreckend, wie schnell glückliche Momente verspielt werden, wie einfach man sich wieder auseinanderlebt, sich verliert. Peter Stamm fixiert ein Geschehen in dem Augenblick, in dem sich die Blende der »Fotografin« schließt: »Sie sucht nicht lang nach dem richtigen Ausschnitt, drückt gleich ab und noch einmal. Ich habe gefragt, ob ich lächeln soll? Sie hat den Kopf geschüttelt. Nein, hat sie gesagt. Einfach so bleiben. Das ist perfekt.« Erstaunliche Tiefenschärfe.

 

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