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Guido van Genechten: Das große Waldorchester

02.05.2011

Vogelstimmen-Ouvertüre im Wald

Zwitschern, Tschilpen und Trällern. Mit vielstimmigem Gesang begrüßen Drossel, Specht und Kuckuck den anbrechenden Tag. Das große Waldorchester des belgischen Kinderbuchautors und Illustrators Guido van Genechten lädt ein zum morgendlichen Konzert, zum Lauschen, Staunen, zur herrlichen Musik der Vögel. Von MONIKA THEES

 

Nächtliche Stille, tiefschwarze Nacht, nur die fernen Sterne des Himmels glimmen. Ihr Licht umspielt die Wipfel der Bäume, zeichnet ihre Konturen weich und füllig wie ein schützendes Wattedach, eine samtene Decke für den geruhsamen Schlaf der Tiere. Der Silberschein des Mondes tupft zarten Glanz auf die äußersten Spitzen der Kronen. Der Wald ruht in Schweigen, noch es ist mucksmäuschenstill, nur eine Waldeule wacht in der Dunkelheit, lang anhaltend seufzt sie: »Uhu, Uhu, Uhu«, und ihr einsamer Ruf tönt durch die frühen Stunden des Morgens. Mit den ersten Sonnenstrahlen erwidert die Singdrossel ein zaghaft vergnügtes Pfeifen: „Tschiek-tschiek – tsip – sip-sip“, und der Buntspecht stimmt ein mit rhythmisch klopfendem: „Tok, tok, tok-tok-tok, tok-tok-tok.“

 

Ganz allmählich erwacht der Wald, und nur wer zeitig, sehr zeitig aufsteht, kann sie hören, den Buchfink, den Kleiber, die Tannenmeise und den Waldkauz, je nach ihrer Zeit. Das morgendliche Konzert im Wald hebt an mit den ersten Frühaufstehern, lange vor der einsetzenden Dämmerung tettern, flöten und piepsen sie, üben und variieren sie Strophen und Lied, ein kurzes „tk, tk“ oder ein „tjü-ji-jik-jik“, im Kontergesang oder als Folge von unterschiedlichen Phrasen, Motiven. Ihr Gesang ist leise und weich, schwätzend oder rufend, silberhell klingend oder lang gedehnt dumpf, sie singen ein- oder mehrstrophig, trällern ein Solo, es hallt und schallt „widu-widu ... „ oder „gu-gú-gu“. Nicht alle zusammen stimmen sie an, ihr Gesang folgt dem Zeichen von Einsatz und Beginn, dem unsichtbaren Dirigenten.

 

Der farbliche Klang des Morgens

„Horch, was singt und piept denn da ...?“ Nur der geübte Vogelkundler oder Hobby-Ornithologe kann es wohl unterscheiden, das vielfältige „tek“ und „tsi-tsi-tirrr“, die spezifischen Trupp-, Alarm- und Nestrufe der heimischen Waldvögel-Population. Guido van Genechten schuf mit dem wunderschönen Pappbilderband Das große Waldorchester das erste Bilderbuch über Vogelstimmen – für Kinder ab vier Jahren. Auf zwölf großformatigen Seiten stellt der belgische Kinderbuchautor und Illustrator sieben gefiederte Virtuosen vor, entfaltet er die musikalische Eigenart ihres stimmlichen Instruments und die Zeitfolge ihres Einsatzes, langsam und stimmungsvoll übergleitend von der dunklen Nacht in die weich nuancierten Stufen der Dämmerung.

 

Wenn der Himmel sich dunkelblau färbt und das erste Licht erahnbar naht, übt die Ringeltaube ihr süßes „Ruckedi-gu, ruckedi-gu“, danach, auf der folgenden Seite, grundiert in hellerem Blau, räuspert sich die Krähe „kraa, kra, kraaa“. Getupft ist das Vogelgefieder, grob konturiert sind Körperbau und Gestalt, sind die Zweige, Äste und Blätter, füllig satt die flächig aufgetragenen Wachskreiden, nur mit leuchtendem Deckweiß die Lichtakzente gesetzt. Stimmliche Färbung und Farbklang harmonieren, die Farbigkeit und Leuchtkraft der Zeichnungen folgen der Intensität des stärker werdenden Lichts. Der dämmerige Dunst der endenden Nacht weicht den klaren Konturen von Wald und gefiederten Bewohnern im frischen, pastellfarbenen Morgenlicht.

 

Das Startzeichen der Morgenröte

Guido van Genechten, geboren 1957 in der Stadt Mol, studierte Malerei, Grafikdesign und Fotografie, veröffentlichte nach Tätigkeiten in der Industrie 1995 sein erstes Bilderbuch und zählt heute zu den bedeutendsten belgischen Kinderbuchillustratoren. Neben seinen bekannten Rikki-, Ono-, Max- und Snowy-Reihen sind im deutschsprachigen Raum die drei Bände Kleiner weißer Fisch (zum Farbenlernen, 3. Aufl. 2009), Der kleine weiße Fisch ist glücklich (über das räumliche Denken, 2008) und Bravo, kleiner weißer Fisch (über Gefühle und Emotionen, 2010) erschienen. Das große Waldorchester (Het grote Bosorkest) greift, kindgemäß und mit großer Liebe gezeichnet und erzählt, ein naturkundliches sowie gleichfalls musikalisches Thema auf und gestaltet es anschaulich, wunderschön und nicht nur für ein junges Publikum gedacht.

 

Beobachten, sehen und lauschen – und die Neugier wecken für die Stimmen des Waldes im Tageslauf: Wenn der Kuckuck kokett seinen eigenen Namen ruft und – letztlich – der Hahn sein „kikerikii“ kräht, dann weiß der kleine und große Leser: Aufgepasst, wir fangen gleich an! Das Orchester wartet auf das Startzeichen der Morgenröte. Aber zuvor wird es noch einmal sehr still, so still, dass man eine Feder fallen hören kann. Das große Waldorchester hat sich eingestimmt zum morgendlichen Konzert. Und wenn es losbricht: „Uhu, kuck-kuck, kraaa, tok-tok-tok, wiet-wiet ...“, dann halten die Tiere des Waldes, der Dachs, der Hirsch, das Wildschwein, Eichhörnchen, Fuchs und Igel, plötzlich inne und lauschen der wunderbaren Musik, dem Piepsen, Trällern und Jubilieren der ganzen Vogelschar.

 

Sie begrüßen den Tag und bekommen vielleicht selbst Lust, einzustimmen, zu singen, zu musizieren, vor Lust und Freude, im hellen Sonnenschein.

 

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