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Donnerstag, 24. April 2014 | 08:13

Sabina Naber: Gemischter Satz

18.04.2011

Die Leiche im Weinberg, im Fass, in der Badewanne

Der Gemischte Satz - herausgegeben von Sabina Naber - weiß zu überzeugen. Von STEFAN HEUER

 

Drei sind mehr als zwei, deutlich mehr als einer, dabei nicht so statisch wie vier oder inflationär wie ein Dutzend – es wird wissenschaftlich erklärbare Gründe für die Beliebtheit von Trio-Konstellationen geben. Vater, Mutter, Kind – vielleicht veranlasst dieses scheinbar nicht zu überbietende Idyll die Schaffenden auf allen Feldern, nach Trinitäten zu fahnden und sie ins Licht zu rücken. Da sind die »Drei von der Tankstelle«, die »Drei Damen vom Grill«, die »Drei Engel für Charlie«.

 

Der Handball-Bundesligist meiner Heimatstadt wirbt mit dem Slogan »Hand. Herz. Heimspiel.« um die Gunst der potentiellen Dauerkartenkäufer, und wer die 1987 beim wunderbaren Weserlabel erschienene LP »Porsche, Genscher, Hallo HSV« der Goldenen Zitronen sein Eigen nennen darf, ist sicherlich auch auf der sicheren Seite. Beispiele gibt es wie Sand am Meer, und auch das sprichwörtliche Trio der guten Laune, bestehend aus um Wein, Weib und Gesang, dürfte den meisten Menschen vertraut sein.

 

Gemischter Satz, 2010 beim echomedia Buchverlag erschienen, präsentiert unter dem etwas abgewandelten Signet Wien – Wein – Tod eine Sammlung von kurzen Kriminalgeschichten rund um das bacchantische Vergnügen. Das Vorwort erzählt von einer morbiden Weinseligkeit, mit der die österreichische Hauptstadt von Touristen in Verbindung gebracht werde. Nun, dass es in Wien guten Wein zu trinken gibt, das war mir als im Norden Deutschlands lebendem Whiskey-Liebhaber durchaus bewusst – dass Wien jedoch die weltweit einzige Hauptstadt mit nennenswerter Weinproduktion ist und über zehn Rebsorten mit internationaler Auszeichnung verfügt, das war mir neu. Meine erste Assoziation wäre da eher die Wiener Melange gewesen, dicht gefolgt von Hans Moser und Sissi...

 

Rebsorten - eine bunte Mischung

Als Gemischten Satz bezeichnet man eine bunte Mischung verschiedener Rebsorten, dessen Geschmack aufgrund der verschiedenen Lesezeit der Trauben stark variieren und dadurch nicht selten mit einem Überraschungseffekt aufwarten kann – insofern ein ausgezeichneter Titel für eine Krimi-Anthologie, in der 18 Autorinnen und Autoren Mord und Totschlag mit ausgesuchten Weinen in Kombination bringen. Um den bereits im über Wien und Wein aufklärenden Vorwort begonnenen Bildungsauftrag vollends zu erfüllen, ist jeder der Geschichten eine Erläuterung zu Herkunft, Geschmack und bestem Anbaugebiet der jeweiligen Rebsorte vorangestellt.

 

18 Geschichten, und es geht gut los – gut im Sinne von guter Unterhaltung, weniger gut für die Frau, die ertränkt in einem Hotelzimmer in einer Badewanne voll Blauem Portugieser aufgefunden wird; nicht genau die Art von Leiche, die sich der angeforderte Rettungssanitäter vorzufinden erhofft hatte... In einer anderen Geschichte lädt ein Mann »alte Freunde« zu einem Glaserl Wein ein – einen nach dem anderen, wobei er die Einladung zur Verkostung jeweils dazu nutzt, eine Angelegenheit von früher zu klären und eine leere Flasche koscheren Weins neben der um Gliedmaßen erleichterten Leiche zurückzulassen.

 

»Herb im Abgang« von Lisa Lercher erzählt von Leben und Arbeit einer Frau, die nach dem abschiedslosen Verschwinden ihres Mannes im Heurigen ihrer Schwester Anstellung als Köchin gefunden hat. Mitleid hat man mit dieser Frau, zum Ende der Geschichte jedoch nicht mehr, denn zwischenzeitlich wird klar, dass nicht nur ihr verschwundener Mann, sondern auch weitere Menschen dazu auserkoren wurden, dem Wild-Gulasch eine ganz besondere Note zu geben... Dass im Wein die Wahrheit liege, das besagt nicht nur eine alte Weisheit, sondern auch die Geschichte um Winzer Sepp und Freund Rudi, die Sepps Weinkeller Flasche um Flasche einer Qualitätsprüfung unterziehen, wobei sich im Laufe dieses Gelages langsam aber sicher herausstellt, wie das damals mit dem Liebhaber von Sepps Frau wirklich, nun ja, zu Ende ging.

 

Klassische Whodunnit-Konstellationen (ehemalige Klassenkameraden, die sich auf ihrer alljährlichen gemeinsamen Wanderung durch die Weinberge befinden, bis einer von ihnen erschlagen im Weinkeller aufgefunden wird – und jeder der anderen Wandervögel hat ein mehr oder weniger starkes Mordmotiv) a la »Tod auf dem Nil« wechseln sich mit skurrilen Handlungen ab: ein Toter im Weinberg, dessen mit Gravur versehenes Zigarettenetui auf eine Spezereiwarenhandlung mit noblem Klientel hinweist ... die drohende Insolvenz einer traditionellen Familienwinzerei, die sich durch himmlischen Segen und eine erleuchtende Gewitternacht abwenden lässt ... ein toter Journalist zwischen Kühlboxen und Weinkisten auf der Wiener Blut, einer Festivität, auf der die Wiener Winzer ihre neuen Roten der Kennerschaft und Presse vorstellen... ein alter Mann, der im Rahmen eines Picknicks aus dem Leben scheiden möchte, und das in Gesellschaft einer Flasche besten Jahrgangs sowie einer jungen attraktiven Frau vom Escort-Service...

 

So unterschiedlich die 18 Kurzkrimis auch sein mögen, ob sie nun von roter Gegenwart oder brauner Vergangenheit handeln, von moralischem Handeln oder eben dem, was die meisten von uns als das Gegenteil empfinden würden, ob sie bitterernst sind oder – wie nicht wenige – mit einer guten Portion Humor um die Ecke kommen, so geschlossen ist die Qualität und Originalität. Für den Leser erfreulich, dass die zehn Autorinnen (Kneifl, Kramlovsky, Lercher, Maxian, Mayer-Zach, Naber, Rossbacher, Rossmann, Schubarsky und Sommerer) und acht Autoren (Biltgen, Klinger, Pittler, Schneider, Slupetzky, Vierich, Wagner und, last but not least, Wieninger) spannungserprobt und voll in ihrem Element sind, bereits Krimis in namhaften Verlagen veröffentlicht, Krimi-Anthologien herausgegeben und / oder renommierte Preise gewonnen haben. – Kurzweiliger kann Mord nicht sein.

 

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