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    Montag, 24. April 2017 | 22:55

    Rosemary Sutcliff: Der Adler der neunten Legion

    21.03.2011

    Die Nebel lüften

    Ältere Bücher, vor allem, wenn sie als sogenannte Klassiker gelten, umgibt ein gewisser Nimbus. Zuweilen wird dieser auch mit einer bloßen Staubwolke verwechselt. Sutcliffs Klassiker des historischen Jugendromans erschien zum ersten Mal 1954, zehn Jahre später kam er in deutscher Übersetzung heraus. Seit damals war er immer lieferbar, vierzig Jahre später, 2004, gab es eine Ausgabe in neuer deutscher Rechtschreibung und schließlich eine Neuübersetzung. Die aktuelle Ausgabe ist aus Anlass der aktuellen Hollywood-Verfilmung des Stoffs mit einem Ausschnitt aus dem Filmplakat geschmückt. Ist Rosemary Sutcliffs Der Adler der neunten Legion ein Schatz oder klimpern da nur falsche Münzen? MAGALI HEISSLER hat genauer hingesehen.

     

    Marcus Flavius Aquila, ein junger Centurio, ist neu in Britannien. Sein Einsatz bei den Besatzungstruppen war sein größter Wunsch. Das liegt nicht daran, dass er, bei allem Ehrgeiz, schnell Karriere machen möchte, sondern hat seinen Grund darin, dass einige Jahre zuvor eine ganze Legion unter dem Kommando seines Vaters jenseits der Nordgrenze verschwunden ist. Wie das geschah, weiß niemand, was aus den 5000 Soldaten geworden ist, auch nicht. Die neunte Legion gibt es nicht mehr. Für Marcus, einen überzeugten Römer, ist es zweifach eine Frage der Ehre, das Geheimnis zu lüften.

     

    Doch ehe es soweit ist, wird er bei einem Aufstand der einheimischen Bevölkerung so schwer verletzt, dass er aus dem Militärdienst ausscheiden muss. Tief gedemütigt kommt er bei seinem Onkel unter. Seine trostlose Lage hellt sich auf, als der ehemalige Gladiator Esca als Sklave in seinen Besitz kommt. Ehe Marcus es sich versieht, beginnt sich zwischen ihnen eine Freundschaft zu entwickeln. Munterer wird sein Leben zudem durch die Bekanntschaft mit Cottia, einem jungen Mädchen, deren Familie völlig an die römische Lebensweise angepasste Ikener sind. Die neu erwachte Lebensfreude aber bringt Marcus nur dazu, sich verstärkt seinem eigentlichen Ziel, der Wiederherstellung der Ehre der neunten Legion und seines Vaters zuzuwenden. Als griechischer Augenarzt verkleidet macht er sich schließlich auf in das ferne Land jenseits des Nordwalls. Esca folgt ihm freiwillig und als freier Mann. Aber das ist erst der Anfang der eigentlichen Geschichte.

     

    Ehre und das Erbe der Väter

    Ungezwungen, ohne Vorbehalte und mit einer sicheren Überzeugung von ihrem selbstgewählten Thema breitet Sutcliff ihre Geschichte aus. Nicht eins ihrer Themen scheint auf den ersten Blick zeitgemäß, im Gegenteil scheinen sie eher geeignet gerade deutsche Leserinnen und Leser das Gruseln zu lehren. Es geht um Ehre, im Krieg ebenso wie in der Familie, es geht um Heimat. Und um Freundschaft. Sie ist der Dreh - und Angelpunkt der Handlung und tatsächlich auch der Katalysator, der die unterschiedlichen Elemente verbindet und am Ende zu einer Einheit werden lässt. Die Freundschaft, die sich zwischen Marcus und Esca entwickelt, ist nur die an die vorderste Stelle gestellte Exemplifizierung von mindestens einem halben Dutzend Freundschaftsschlüssen ganz unterschiedlicher Art.

     

    In diesem Zusammenhang diskutiert Sutcliff unbequeme, geradezu schmerzliche Fragen. Sie fragt, was aus Menschen wird, die als Besatzer in ein fremdes Land kommen. Ihre Antwort lautet, dass sie ebenso wenig wie die unterdrückte Bevölkerung von den Folgen verschont bleiben. Auf eigene Weise wirken die einheimische Kultur, die Sitten und die fremde Landschaft zurück. Für die Besatzer kann das ebenso üble Folgen haben, wie für die Besetzten. Das tragische Schicksal der neunten Legion ist eine Folge eben davon. Für Marcus und Esca und auch Cottia, die nächste Generation, und übrigens alle drei vaterlos, hält der Kampf um die persönliche wie um die nationale Ehre ganz andere Lehren bereit. Für sie entsteht aus der Bemühung, die kulturellen Grenzen zu überwinden, eine eigene Zukunft.

     

    Modernster, unverstaubter Humanismus

    Natürlich ist die Geschichte von der Suche nach dem verschwundenen Ehrenzeichen einer Legion eine Abenteuergeschichte, sie hat viel von einer Männergeschichte, sie kommt nahezu ohne weibliche Figuren aus. Sie ist eine ganz persönliche Liebeserklärung an England. Aber sie widerspricht jeder Erwartung, die Leserinnen und Lesern, gleich welchen Alters, in den letzten zwanzig Jahren angewöhnt wurde. Das ist alles andere als Konfektionsware, auch keine hochwertige. Sutcliffs Geschichte ist etwas Eigenes, sie ist atemberaubend modern und zukunftsweisend. Das gilt nicht nur für ihre Absage an Krieg, dessen Folgen sie genau schildert. Im aktuellen politischen Kontext liest sich ihr Roman von der Verschmelzung verschiedener Kulturen, um gemeinsam eine neue Heimat zu schaffen, geradezu politisch.

     

    Vor allem aber liest sie sich ausgezeichnet. Nichts ist gesucht dabei, die Autorin hat ihren Grundkonflikt immer im Blick, bei jedem Szenewechsel, in jeder Situation. Es ist eine Geschichte voller Pathos, bei Sutcliff ist das das Natürlichste der Welt und genauso natürlich kommt es bei den Leserinnen und Lesern an.

     

    Die breiten und poetischen Beschreibungen der englischen Landschaft und des Wetters sind nicht nur Dekor, sondern erfüllen gleichermaßen eine wesentliche Funktion. Landschaft in Verbindung mit dem Klima ist hier als eine weitere aktive Figur im Handlungsablauf zu sehen.

     

    Es ist nicht alles Gold, was neu ist

    Die Neuübersetzung von Astrid von dem Borne zeigt beträchtliche Eingriffe in den Text. Allein durch die neue Wortwahl wurde gestrafft und gekürzt, leidige Partizipialkonstruktionen in neue Sätze aufgelöst. Das bekommt dem Erzähltempo, auch wenn man damit auf so schöne altmodische Wörter wie »quacksalbernd« oder »es ziemt sich« verzichten muss. Der Stil verliert an Patina, das hat einige Vorteile, leider aber auf Kosten des Pathos. An entscheidenden Stellen wird die Aussage vage. »Sich näher kommen« ist nicht synonym mit »Hände berühren sich«, um ein Beispiel herauszugreifen. Warum hin und wieder der englische Ausdruck stehenblieb, ist gleich gar nicht verständlich, »Red Mount«, etwa, oder »Cub« als Name für Marcus’ Wolfswelpen. Dass es die eine oder andere Kürzung ausgerechnet bei den Landschaftsbeschreibungen gab, die wesentlich für die innere Entwicklung des Protagonisten sind, war sicher keine gute Entscheidung. Mit einem Text von solcher Güte muss man behutsam umgehen, der Pinsel wäre besser angebracht gewesen als Hammer und Meißel. Das alte Glossar der lateinisch/englischen Ortsnamen wurde übernommen, die Karte, die Marcus’ und Escas Weg zeigt, leider nicht.

     

    Wenn gerade Jugendliche mit dem Buch Schwierigkeiten haben, liegt es eher an der ungewohnten Art, etwas zu erzählen und große Themen jenseits von den platten Maßstäben des heutigen Unterhaltungsmarktes zu behandeln. Unverändert aber ist Der Adler der neunten Legion  eine Lektüre wert. Auch eine Relektüre. Jederzeit. Ein echter Klassiker.

     

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