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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 19:16

    Marc Degens: Unsere Popmoderne

    21.02.2011

    Niemand hat die Absicht, eine andere Wirklichkeit zu errichten!

    Marc Degens und die primäre Sekundarliteratur seiner Popmoderne – Unsere Popmoderne. Von STEFAN HEUER 

     

    Nicht nur im sportlichen Bereich, auch bei den Künsten, und so auch bei der Literatur, haben die Götter vor den Erfolg den Schweiß gesetzt – Opfer bringen, so heißt die Marschroute, und kaum einer hat das in den vergangenen zwei Jahren so konsequent in die Tat umgesetzt wie Marc Degens. Der satt.org-Redakteur und Herausgeber der SuKuLTuR-Lesehefte lebte für 26 Monate von der Zivilisation isoliert, ging ins freiwillige Exil in ein armenisches, nur per Hubschrauber zu erreichendes Bergdorf, um sich dort der Meditation und der exzessiven Lektüre zu widmen. Aus Zeitgründen verzichtete er dabei auf regelmäßige Mahlzeiten und schränkte Schlaf und Körperpflege ein.

     

    Gute 320 Bücher hat er in der Zeit nach eigenen Angaben konsumiert, so muss man es wohl nennen, und dabei eigene literarische Ambitionen ruhen lassen. Nun aber ist er zurück, und der Verbrecher Verlag sicherte sich die geballten Eindrücke Degens und brachte ihn dazu, sein temporäres Schreibgelübde zu brechen und mit Unsere Popmoderne eine Textsammlung vorzulegen, die eine Auswahl von über 30 Schlüsselstellen und Anfängen jener gelesenen Literatur präsentiert, jeweils flankiert von erläuternden Einlassungen zu Autor und Werk.

     

    Und es geht gut los, geradezu bescheiden, nämlich mit den ersten beiden Seiten aus Sternenflüchtig, einem Buch von Alexander Fellhauer, in dem der Autor autobiographisch über seine überdimensionierte Intelligenz schreibt, welche ihn seltsamerweise dazu verleitet, seinen Eltern eine Urlaubsreise mit exotischem Ziel vorzugaukeln, um in Wahrheit als Schiffsschaukelbremser durch die regionale Kirmes-Szene zu tingeln.

     

    Schädelbohrung und Batman-Adaption

    Fellhauers Aufenthaltsort soll sich dessen Eltern auch weiterhin nicht erschließen, und so wurde der Text – Degens klärt seine Leser diesbezüglich auf – beim Bachmann-Wettbewerb selbstverständlich von Fellhauers Lektor verlesen. Und weiter geht’s, das Spektrum ist breit gefächert und reicht von Romanen und Novellen über Biografien und Krimis bis hin zu dramatischen Bühnenwerken. Da ist die Erzählung über drei Langzeitstudenten, die sich mehr oder weniger akribisch auf die Feier zu ihrem gemeinsamen 100. Semester vorbereiten.

     

    Einige Seiten weiter gibt es einen Text, der eine homosexuelle Beziehung zwischen Sherlock Holmes und seinem Freund Dr. Watson, nun ja, andeutet, gefolgt von der lyrischen Schilderung einer bei sich selbst durchgeführten Schädelbohrung und einer Batman-Adaption der seltsameren Sorte, in der sich Bruce Wayne mitnichten wie ein anbetungswürdiger Superheld benimmt. Einer der schönsten von Degens zitierten und vorgestellten Ausschnitte entstammt der Erzählung »Schwein ist ihr Feind!«, in der eine bekannte, vom Wanderzirkus des Wintersports genervte Biathletin direktemang von der Loipe in einen Mordfall rutscht: Kein leichter Fall für Martina Beck, die nicht nur den Täter zur Strecke bringen will, sondern sich zudem sportlich für die Olympischen Winterspiele empfehlen muss.

     

    Kanzler-Kazett

    Ach ja, eine schöne Vorstellung, sich über einen längeren Zeitraum vom Alltag und dem Zwang des Geldverdienenmüssens zurückzuziehen und sich ausschließlich der Lektüre wunderbarer Bücher zu widmen, aber um nun doch der Wahrheit die Ehre zu geben, so sehr Degens mit seinen Geschichten auch Lust macht zu flunkern, so sehr er zu Beginn dieser Rezension auch den Münchhausen in mir an die Tastatur gebracht hat: Alles erstunken und erlogen! Einige werden erkannt haben, dass hinter den angeblichen Ausschnitten aus fremden Büchern Marc Degens' seit gut 10 Jahren regelmäßig (von 2001-02 in Feuilleton der FAZ auf der Stil-Seite und, nach kreativer Auszeit, seit 2006 in der österreichischen Volltext) erscheinende Kolumne Unsere Popmoderne steckt, in der er nicht existente Bücher von nichtexistenten Autorinnen und Autoren vorstellt – und das so plausibel und glaubwürdig, dass nach nahezu jeder Folge die Anrufe genervter Buchhändler eingehen, wo und wie man die vorgestellten Bücher denn bestellen könne...

     

    Nun, »korrekt« geht es in den Texten nicht zu, eine »political correctness« ist weder beabsichtigt noch auch nur ansatzweise vorhanden – die Schilderung des von vielfältiger Brutalität geprägten Alltags der unter Lichtallergie leidenden Ex-Kanzlergattin, die Bewohner einer WG, die ihr gemeinsames Zuhause geradezu liebevoll als »unser Kazett« bezeichnen, eine mehr als eindringliche Inzest-Schilderung – Degens ist wenig bis nichts heilig. So übertrieben und unrealistisch er einige seiner Texte angelegt hat, so authentisch wirken wiederum andere, was vor allem an mit voller Absicht geworfenen Assoziations-Ankern liegt – Bezüge zu realen Personen sind weder zufällig noch unbeabsichtigt, und wer sich auch nur ein bisschen für den zeitgenössischen Literaturbetrieb interessiert wird mitbekommen haben, welcher ach so geheimnisvolle Autor bei seiner Lesung in Klagenfurt nicht erkannt werden wollte...

     

    34 Bücher also, die der 1971 in Essen geborene Marc Degens in Unsere Popmoderne vorzustellen vorgibt; Bücher, die es so geben könnte, aber nicht gibt. Und das ist schade, denn ein Großteil der Ausschnitte ist mehr als unterhaltsam und mit großem Humor geschrieben und macht Lust auf mehr. Gerne würde ich lesen, wie es mit dem Schiffsschaukelbremser weitergeht, und selbstverständlich würde mich auch interessieren, ob Holmes und Watson miteinander im Bett landen! Man soll ja die Hoffnung nicht aufgeben, vielleicht zieht es Degens ja wirklich mal für eine längere Zeit in die Einsamkeit, muss ja kein armenisches Bergdorf sein, um wenigstens diese beiden exemplarisch genannten Ausschnitte zu tatsächlichen Büchern auswachsen zu lassen. Wäre hiermit vorbestellt!

     

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