Zwischen Disziplin und Zukunft
Aus westlicher Sicht wirkt China gemeinhin als opaker Block aus Disziplin und Zukunftsorientiertheit, der zum Zweck des Machterhalts individuelle Freiheiten beschränkt. Umso erfrischender brechen die Geschichten von Unterwegs dieses Bild auf, indem sie China auf ganz unterschiedlichen literarischen Pfaden ausmessen. Sie handeln von Ehebruch, tibetischem Spiritismus (Fan Wen Ein Bär auf Seelenwanderschaft) oder der Beziehung eines Radiomoderators zu einer toten Taxifahrerin (Lu Min Tod an der Kreuzung).
Jede einzelne Geschichte verhandelt das feine Gewebe einer Kontaktaufnahme, einer mal irritierenden mal erotischen Begegnung. Dass sich diese vor allen Dingen dann ergeben, wenn die Figuren ihre gewohnte Umgebung verlassen, einen »koreanischen Liebhaber« kennen lernen oder schlechterdings „unterwegs“ sind, leuchtet ein.
In Bewegung sind sie alle und bilden damit als pars pro toto das ab, was China für uns zu einem Quell der Fragen und Projektionen macht. China – unterwegs. Aber: wohin?
Die zehn poetischen Geschichten geben darauf keine unmittelbare Antwort, erzählen vielmehr leicht von einer Gegenwart, die modern, urban und uns beinahe vertraut vorkommt. Dabei fungiert der Weg als Metapher und Prinzip der Welterfahrung gleichermaßen. Li Jingze und Jing Bartz liefern ein Sammelsurium von Einzelperspektiven, die sich zu einem Bild verweben lassen, ohne Totalitätsanspruch zu erheben.