Als Roland Barthes’ Mythen des Alltags 1957 in der französischen Erstausgabe erschienen, gab es nur wenige, die den Anspruch und die Tragweite dieses Buches verkannten und Barthes einen pedantischen Stil oder die bloß artifiziell-rhetorische Form eines ›journalistic philosophicalism‹ zusprachen. Die »semiologische Demontage« der in der Massenkultur etablierten Sprachformen und die damit verbundene »Ideologiekritik« bedeutete einen neuen, innovativen Blick auf die Mechanismen unserer Gesellschaft. Barthes’ unakademische Kulturanalyse des Kleinbürgertums, die dessen »›kollektive Vorstellungen‹ als Zeichensysteme« liest, unterlief dabei gezielt die Erwartung auf ein philosophisches Systemdenken. Den einzelnen Essay, die fein-sezierende und oftmals ironisch-bissige Beobachtung entwickelte Barthes in den Mythen zur methodischen Maxime in der Dechiffrierung imaginärer Ordnungen und ideologischer Verblendungszusammenhänge.
Der ›Mythos‹ als Leitbegriff der Analysen ist dabei »kein Objekt, kein Begriff«, er ist »eine Weise des Bedeutens«, eine Sprachform, ein Ausdruck: »Der Mythos ist eine Rede«. Gerade in Barthes’ Gedanke, dass prinzipiell jeder Gegenstand in einen »gesprochenen Zustand« übergehen und so für uns ›bedeutend‹ werden kann, ist die Überzeitlichkeit seiner Beobachtungen zu sehen: Die ›semiologische Transsubstantiation‹ bzw. die ›täuschende Hyperstasierung‹ von Kultur in Natur, über die uns die insgesamt 53 ›Mythen‹ provokativ-spielerisch aufklären, wäre leicht an unzähligen aktuellen Phänomenen aufzuspüren. Wenn Barthes im zweiten Teil von Mythen des Alltags diese Beobachtungen der Einzelstudien für dieses »Heute« abstrakter zu fassen versucht, so beschwert er deren Leichtigkeit keineswegs mit einem – so die Kritik Jochen Schimmangs – »theoretischen Korsett«, sondern garantiert dadurch ihre Gültigkeit und Wirkkraft durch die Zeit hindurch. Auch hier verliert Barthes nicht die stilistische Eleganz, die den Band insgesamt auszeichnet. Beide Teile stehen komplementär zueinander und ergänzen sich wechselseitig.