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António Lobo Antunes: Drittes Buch der Chroniken

29.11.2010

Aus dem Tagebuch eines Schriftstellers

António Lobo Antunes´ Drittes Buch der Chroniken. Von WOLFRAM SCHÜTTE

 

In mehreren seiner “Chroniken”, die der portugiesische Epiker António Lobo Antunes vierzehntägig in einer Lissaboner Zeitung nun schon geraume Zeit publiziert, erzählt er vom Schreiben: sei´s seiner Romane, sei´s seiner “Chroniken”, deren dritter Band jetzt - wie immer in der kundigen Übersetzung Maralde Meyer-Minnemanns - erschienen ist. Er enthält 69 dieser zwischen drei und viereinhalb Seiten langen persönlichen Bemerkungen (offenbar aus der Mitte des ersten Jahrzehnts unseres neuen Jahrtausends). Die vierzehntägigen “Crónicas” sind seit 1998 erschienen: ein Langzeitprojekt, dessen Dauer ebenso verwunderlich wie einzigartig in der Literaturgeschichte sein dürfte.

 

Gut, der Autor hat völlig freie Hand bei diesem “öffentlichen Tagebuch“ über sich, seine persönlichen Probleme, seine Erinnerungen oder über ihm familiär oder künstlerisch nahe Personen  zu schreiben - oder auch Momentaufnahmen fiktiver Figuren, zumeist Ehepaare, mit Melancholie und Komik zu entwerfen. Diese kleinen Erzählungen schienen mir im Dritten Buch der Chroniken übrigens seltener vertreten als in den zwei früheren.

 

Öffentliches Tagebuch

Manches - wie in seinen mittlerweile 20 Romanen - wird sich dabei im Laufe der Jahre wiederholt haben (was man als Nachleser der gesammelten Stücke leichter bemerkt, denn als Zeitungsleser, der ihnen sporadisch begegnet); aber der Charme des Autors und seine literarische Professionalität lassen auch seine schwächeren “Chroniken” in milderem Licht erscheinen.

 

So hat er auch nicht jetzt erst über die “Produktionsbedingungen” seiner Werke und Glück & Elend seiner Existenz als Literat gesprochen, sondern auch schon früher. Es macht ihm aber offenbar Freude, seine Leser immer wieder einmal in seine “Werkstatt” zu bitten. So erfährt man (witzig vermittelt durch eine Picasso-Anekdote), dass er ab “Guten Abend ihr Dinge hier unten” an einem Pult im Stehen schreibt (wie Günter Grass, was Lobo Antunes jedoch nicht weiß).

 

Man ist auch dabei, als er zum erstenmal von einem Roman “im Bauch Fußtritte bekommen hat, bevor ich die vorausgegangene Geburt abgeschlossen hatte”. Das lag wohl daran, dass der Autor zum erstenmal “von außen durch eine wahre Geschichte befruchtet wurde”, die ihm ein Arzt geschenkt hatte und die ihn seither verfolgte und beschäftigte, während er noch seinem gerade beendeten Roman den letzten Schliff gibt. Jedoch scheint es so, dass die Worte des noch ungeschriebenen Romans, die ihn mit dem Satz neckten: “Du kriegst uns nicht”, recht behalten haben, und “das unverschämt schönste Liebesabenteuer, das ich je gehört habe”, sich ihm nicht zu einem Roman ausgewachsen hat.

 

Arbeitsprozess und Elegie

Lobo Antunes kann nun aber den quälenden Prozess der inneren Kristallisation des Erzählstoffs in eine Allegorie übersetzen, die ihn als Handwerker zeigt: “im Durcheinander einer Werkbank voller Absatzdrähte, mit zufälligen Adjektivschrauben auf dem Boden, ganzen Kapiteln im Mülleimer und da kriecht der Kerl unter dem Roman hervor wie ein Mechaniker unter einem Wagen mit offenem Motor, die Taschen voller Schraubenschlüsselkulis, vollgeschmiert mit dem Öl der noch zu richtenden Absätze und dem Ruß der nicht ausreichend gereinigten Erlebnispleuelstangen“. Wenn es ihm aber “mit seinen bis zum Ellenbogen schmutzigen Armen” schließlich gelungen ist, dass “dies tatsächlich funktioniert”, brauche sich der Leser nur noch in den Romanwagen zu setzen, den Gang einzulegen und im Nu “werden Sie soweit weg sein, dass Sie selbst nicht mehr zu sehen sind”.

 

In der “Epistel des heiligen Antonius Lobo Antunes an die Leser” (ein Titel wie von Jean Paul) beschreibt er den Entstehungsprozess seiner Romane als ein tastendes “Arbeiten im Dunkeln”, über das er nicht reden könne, weil er “nämlich auf seiner Nachtseite” im Nebel stochernd gar nicht wisse, wohin “die Notwendigkeit, es zu schreiben”, ihn am Ende führe. Erst beim mehrfachen Überarbeiten dessen, was seinem Kugelschreiber in träumerischer Trance die Hand geführt hatte, setzten wieder Vernunft, Verstand & Kalkül ein. Aber man täusche sich, wenn man meinte, sein Leben als Schriftsteller sei qualvoll und “etwas ganz Außergewöhnliches, wo es doch ganz das Gegenteil ist: ich fühle mich wie angesichts einer nackten Frau: das dem ersten Kuss vorangehende Feuer und den betäubenden Wunsch, vor Zärtlichkeit niederzuknien, das Drängen des Körpers wie eine beglückende Verwirrung zu erleiden”.

 

Neben solchen Bekenntnissen zum Glück des schöpferischen Schreibens enthält der Band auch mehrere Grab- & Totenreden. Nicht dass sie von Lobo Antunes gehalten worden wären; es sind vielmehr literarische Elegien auf  Unbekannte (Niemand ist ärmer als die Toten), bekannte Freunde wie der Dichter Eugénio de Andrade oder zuletzt seine “Abrechnung” mit seinem Vater. Gerade diese Stücke sind ebenso schockierend wie abgründig, weil sich Lobo Antunes auf höchst riskante, um nicht zu sagen (für schlichtere Gemüter) missverständliche Weise radikal “cool” in Beziehung zu den Sterbenden oder Toten bringt.

 

A. L. Antunes und J. Saramago A. L. Antunes und J. Saramago

Der Autor, der einmal bekennt, dass er als Dreizehnjähriger - genauer: am 22. Dezember 1955 um fünf Uhr nachmittags im Bus auf dem Nachhauseweg von der Schule - wie durch einen Blitzschlag wusste: Ich bin Schriftsteller - was ihm Angst machte, weil er noch nicht einmal wusste, was ein Schriftsteller war, berichtet aber auch von seinen heimlichen Besuchen an den längst veränderten Orten seiner Kindheit, erinnert mit mehr Liebe & Zärtlichkeit die Großeltern als die Eltern, vor allem die kühle Mutter, ruft erste erotische & sexuelle Momente des Jungen und jungen Mannes herauf, kommt auf seine Militärzeit in Angola oder seinen Tätigkeiten als Arzt in Lissaboner Kliniken zu sprechen oder erzählt aus seiner späteren Zeit als berühmter Autor, der in Lokalen erkannt wird, aber auch im Ausland - in Nürnberg, Hamburg oder Rumänien - noch an seinen Büchern schreibt. Es sind poetische Berichte aus dem Herzen einer tiefen existenziellen Einsamkeit.

 

Es ist wieder ein buntes, oft trauriges, manchmal komisches und nicht selten auch selbstironisches, sehr persönliches Mixtum Compositum mit einigen Überraschungen, aber auch vertrauten “Bekannten”, was António Lobo Antunes hier in seinen Chroniken versammelt hat. Wem der portugiesische Autor vertraut ist, wird den Band nicht missen wollen; wer aber ihn noch nicht entdeckt hat, wird allein durch diese radikal offenherzigen Notate & ihren eigenwillig insistierenden, musikalisch-lyrischen Stil neugierig werden auf den größten lebenden portugiesischen Schriftsteller - eine Einschätzung, die übrigens auch schon zu den Lebzeiten des in diesem Jahr verstorbenen Literaturnobelpreisträgers José Saramago zutraf.


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