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Fritz J. Raddatz: Tagebücher 1982-2001

09.11.2010

Der Fall Raddatz

Ein Kulturbetriebs-Porno aus lauter Peinlichkeits-„Stellen“. Von WOLFRAM SCHÜTTE

 

„Wann, wenn nicht jetzt?“ - mag sich der 1931 in Berlin geborene Fritz J. Raddatz gedacht haben, als er sich daran machte, seine Tagebuch-Aufzeichnungen aus der Hochzeit seiner journalistischen Karriere zwischen 1982 & 2001 zur Publikation zuzurichten. Es ist womöglich eine „Last-Minute-Rescue“ für das Figuren-Herbarium jener Jahre, weil die Furie des Verschwindens & Vergessens heute schneller wütet, seit alle kollektive Erinnerung von der medien-multiplen Gegenwartspräsenz durchlöchert wird.

 

Denn jetzt ist schon ein Großteil der von Raddatz erwähnten, besprochenen & abgefertigten Zeitgenossen gestorben, aber noch nicht so tot, dass sie nicht (wie er selbst) wenigstens noch als Namen im Bewusstsein der heute lebenden, literarische interessierten Nachwelt präsent wären – so dass der ihnen & auch sich selbst in schmissigem Stil voller Sottisen & Sentimentalitäten anekdotisch nachrufendem Raddatz nun doch noch zu seinen Lebzeiten das Vergnügen des munter-mutigen Denunzianten erleben und den pekuniären Gewinn des sich selbst ad majorem sui gloriam entblößenden Schmerzensmannes einstreichen kann, damit ihm seine in den „Tagebüchern“ laufend erwähnten Grundnahrungsmittel „Champagner & Caviar“ nicht ausgehen.

 

Noch kann Fritz J. Raddatz (FJR) also auch auf  den Zulauf einer Leser- & Rezensenten-Kundschaft rechnen, die entzückt darüber ist, mit seinen sowohl oft hämischen als auch noch viel öfter selbstmitleidigen Kammerdiener-Indiskretionen, aus der Schlüssellochperspektive auf den internationalen Literatur-, die Hamburger Zeitungs- & den bundesdeutschen Politikbetrieb Ende des vergangenen Jahrhunderts blicken zu dürfen.

 

Bewundernswert geschäftstüchtig wie ausschweifend arbeitsam war der Hans-Dampf-in-allen-Gassen schon in seinen Berufszeiten als Feuilletonchef der „ZEIT“. Dort muss er wohl nicht nur ein sagenhaft hohes Salär, sondern auch den Freibrief zu einem Spesenrittertum erhalten haben, mit dem er auf seinen Reisen in Europa & den USA jeweils nur in den besten Hotels der Metropolen abstieg, wie er in seinen Tagebuchnotaten ebenso fein säuberlich vermerkt wie den Neid, den er mit seinem Porsche und später seinem Jaguar bei Kollegen einheimst. „Fritzchen hat´s zu was gebracht“, ätsch! Nur der Maler-Designer-Freund Paul Wunderlich steht mit seinen oft erwähnten 2 Rolls-Royce noch besser da.

 

Im Alter nun setzt FJR, münchhausenisch, der frohgemuten finanziellen Selbstverwertung seiner Vergangenheit die Krone auf: Nicht nur gewann er Marbach, sich seines „Vorlasses“ (wie bei einem großen Autor) zu versichern, Raddatz destilliert auch aus seinem autobiografischen Lebensstoff gleich zweifachen Gewinn.

 

Nach dem Parforceritt zum Eingemachten

2003 hatte er auf fast 500 Seiten „Erinnerungen“ unter dem bezeichnenden  Titel „Unruhestifter“ bei Propyläen publiziert und durch die rücksichtslose Offenheit, mit der er dabei Rosse & Reiter seines Lebens ebenso benannte wie oft auch gnadenlos aburteilte (und nur seine zeitweilige ständige Begleiterin, die Multimillionärin Gabriele Henkel, als anonymisierte „Mondäne“ schonte), für manche Unruhe unter seinen Bekannten & (ehem.) Kollegen oder Freunden gesorgt. Damals aber hatte er schon reichlich aus seinen „Tagebüchern“ zitiert, so dass deren staunenswerte „Highlights“ (ad z.B. Bucerius, Fichte, Grass, Dönhoff, Hans Mayer) schon damals „leuchteten“. 

 

Keiner der Rezensenten, die ihm jetzt bei der Zweitauswertung seiner Autobiografica auf den Leim gingen, erinnert jedoch die Raddatzschen „Erinnerungen“ von vor 7 Jahren noch - was etwas über den Verfallswert dieser Gebrauchsliteratur aussagt, deren Lektüre bei den meisten ohnehin von dem damals 14- und heute 28seitigen Personenregister gesteuert werden dürfte. Nach einem Brecht-Satz über die Dummheit könnte man hier konstatieren: Deshalb ist die Häme so gemein, weil sie hämisch macht, wer ihren Herabsetzungen folgt.

 

Vermutlich war dieser erste autobiografische Parforceritt des aufs Altenteil gesetzten Journalisten jedoch der Vorsicht geschuldet, weil FJR seine seit 1982 geführten persönlichen Tagebücher in weiten Teilen wegen ihrer beleidigenden Charakterisierung seiner Mitwelt – wohl aber auch im Hinblick auf seine eigene Person & seine damals noch avisierten journalistischen Publikationswünsche – nicht druckbar schienen. Jetzt hat er nichts mehr zu verlieren, sondern nur noch beim Ultimo & Kehraus zu gewinnen.

 

Schon 1996, erfährt man jetzt in seinen „Tagebüchern“, unterhielt er sich über deren (juristische) Probleme bei einer Publikation mit dem damaligen Rowohlt-Verlagsleiter; und  bereits 2000 lässt er den ihn angeblich verehrenden jungen FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher in seinen Tagebüchern schmökern. Schirrmacher, aus Frankfurt am Main nach Kampen auf  Sylt geeilt, (wo Raddatz eine Zweit-Wohnung besitzt), ist so sehr davon begeistert, dass er nicht nur daraus in der FAZ vorabdrucken will (was sich aber angeblich wegen Raddatz´ Honorarforderungen zerschlug), sondern auch gleich den Werbungssatz zur zehn Jahre späteren Publikation der „Tagebücher“ beisteuert, wonach das Konvolut  „endlich der große Gesellschaftsroman der Bundesrepublik“ sei, was der glücklose Romancier FJR selbstverständlich sogleich dem Tagebuch ein- & sich gutschreibt.

 

Der Parvenü stolpert beim Abkupfern

Nun, zumindest ist es weithin eine intime, mehr als 900seitige (!) Stoffsammlung für ein Gesellschaftsporträt der reichen Hamburger Zeitungswelt (zwischen Augstein & Bucerius samt seiner „Zeit“-Mannschaft) & der von Raddatz umschwirrten, vornehmlich literarischen Prominenz von den „Freunden“ Paul Wunderlich & Günter Grass, Hans Platschek und Hubert Fichte, Peter Wapnewski und Joachim Kaiser bis zu  Brasch, Enzensberger, Cioran, Gaus, Hochhuth, Kempowski, Ledig-Rowohlt, Liebermann, Hans Mayer, Rühmkorf - um nur einige zu nennen, die Raddatz mehrfach, wenn nicht sogar stetig in jenen Jahren über den Weg gelaufen sind & die er in ihrem Verhalten zu ihm (als: undankbar, eitel, geizig, ungebildet, dumm, hinterhältig, geschwätzig, lieblos, unsensibel) nun rezensiert.

 

Der heute knapp Achtzigjährige war sowohl in der DDR („Volk und Welt“) als auch in der  Bundesrepublik („Rowohlt“) auf entscheidenden Positionen kreativ verlegerisch tätig. Bekannt wurde der Autor mehrerer Monographien (Marx, Heine, Benn, Rilke) und vierer Romane aber vor allem (ab 1977) als Feuilletonchef der Wochenzeitung „Die Zeit“, weil er dort das weltoffenste & brillanteste Feuilleton der Bundesrepublik verantwortete und auch dann noch in der „Zeit“ seine Spuren als provozierender & auch mutiger Essayist und  kundiger Gesprächspartner für internationale Autoren hinterließ, nachdem er die Ressortleitung 1985 hatte abgeben müssen, jedoch als hochdotierter und privilegierter Autor dem Blatt bis 2001 exklusiv verbunden geblieben war. Danach – heute – publiziert er in der „Welt der Literatur“.

 

Raddatz war Ende 1985 stillschweigend aus seinem Ressortleiterposten entlassen worden, weil er sich in einem Buchmessenartikel, den er angeblich „mit heißer Nadel“ für Chefredakteur Theo Sommer „gestrickt“ & den dieser sowie andere Zeit-Redakteure gegengelesen hatten, einen monströsen Fauxpas erlaubt hatte. Der Feuilletonchef hatte „abgekupfert“ und Goethe ein Zitat & einen Gedanken ernsthaft zugeschrieben, den ein Ironiker der NZZ zur Buchmesse mit einer erkennbaren Habermas-Anspielung dem Klassiker in den  Mund gelegt hatte. Das „gebildete Deutschland“ (zu dem FJR sich vornehmlich, aber weder Dönhoff & Ted Sommer noch Helmut Schmidt zählt)  lachte über diese Peinlichkeit, welche „der Gräfin“ (Dönhoff) die Scham- & Zornröte ins Gesicht trieb.

 

Es war ohne Zweifel auch ein kollektiver Augenblick der spezifischen deutschen „Schadenfreude“ in der Kollegenschaft über diesen „Absturz“ des vorwitzig-naseweisen „Paradiesvogels“, der sich immer wieder durch schmissig & pointenreich formulierte Tabubrüche des bundesdeutschen Literaturbetriebs an dessen Spitze, aber auch gerade beim Establishment der Hamburger Wochenzeitung schon mehrfach in die Nesseln gesetzt hatte - auch, weil er ganz unverblümt deren machthabenden Herrschaften immer wieder durch fröhliche Arroganz und freche Großspurigkeit klar gemacht hatte, wer er ist & wer sie (nicht) seien.

 

Zwar verlor der sich zu Unrecht entmachtet fühlende Raddatz die Einflussmöglichkeit des Ressortleiters, die er auch weidlich genutzt hatte, um prominente Mitarbeiter dazu zu bewegen, ihm als positive Rezensenten seiner gerade initiierten literarischen Karriere zu dienen. (Ich weiß, wovon ich spreche). Aber mitnichten war FJR, der seine Demütigung als insgeheime Abstrafung für seine Homosexualität begriff, dadurch in eine Oscar-Wildsche Tiefe der Ächtung gefallen.

 

Im Gegenteil: er konnte sein Leben auf großem Fuß & sein journalistisches Treiben als Literatur-Reporter & Interviewer in der „Zeit“ ohne weiteres fortsetzen, wenn er auch zweimal in den Folgejahren nervös darum bangte, ob ihm der liberale Verlag seine lukrative Sinekure bis zu seinem 70. Geburtstag verlängern würde. Was man auch tat.

 

Ecce homo oder ich zeig(´s) Euch allen

„Ein Tagebuch“, beginnt FJR die Edition seiner Tagebücher, die angeblich „weder neu formuliert noch redigiert noch stilisiert“ seien, „schien mir immer eine indiskrete, voyeurhafte Angelegenheit, eine monologische auch - ich möchte nie >hinterher, wenn die Gäste weg sind<, aufschreiben, wie sich Augstein oder Biermann, Grass oder Wunderlich benommen haben“ - und tut dann auf allen folgenden Seiten nichts anderes als eben dies; und zwar so sehr, dass man nachgerade von einem Kulturbetriebs-Porno sprechen könnte, der nur aus „Stellen“ besteht, an denen sich "tout le monde" (wie FJR gerne schreibt) von ihrem zu diesem Zweck Tagebuch führenden Zeitzeugen blamiert sieht. Fritzchen war da!

 

Aber er wollte nicht nur als ein übel nach(t)redender Indiskretin dastehen, der sich in jeder Zeile als ein arroganter Parvenü darstellt, welcher die Gesellschaft, in der er sich als ihresgleichen bewegt & herumtreibt, immer wieder weinerlich anklagt, ihn zwar zu bewundern & sich von ihm aushalten zu lassen, aber ihm weder dafür zu danken noch ihm in seiner „Zeit“-Not zu helfen und schon gar nicht, ihn auch noch grosso modo zu lieben. Deshalb inszeniert er sich zusätzlich zwischen Klatsch & Tratsch, Denunziation & Angabe und zwischen den running-gags des eitlen Hans Mayer, des quasselnden Hochhuth & des ichsüchtigen Grass als heimlich & „hündisch“ leidenden, in seinem Wert und seiner literarischen Größe nicht erkannten Kruzifixus der Kultur, des guten Benehmens & des Herzensanstands.

 

FJRs „Ecce homo“ ist von Alter, Einsamkeit, Undankbarkeit ebenso geschlagen, wie von nachlassender erotisch-sexueller Attraktivität - wo er sich doch auf diesem (wie allen sonstigen) Gebieten von anderen beispiellose Leistungen als Liebhaber zusprechen lässt; oder sich selbst eine wahrhaft puccinihafte Schmerz- & Trauerempfindlichkeit & Gefühlstiefe nach dem Tod von erotischen Freunden nachsagt. Seht her: wie groß & einzigartig ich auch darin bin!

 

Der späteste Nietzsche unterteilte seinen persönlichen Rechenschaftsbericht, mit dem er der Welt erklärte, wer er sei, in aller Bescheidenheit mit den Kapiteln: „Warum ich so weise bin / Warum ich so klug bin / Warum ich so gute Bücher schreibe / Warum ich ein Schicksal bin“. Der späteste Fritz J. Raddatz, der uns mit diesen unausgesprochenen Nietzscheanischen Behauptungen sein „Ecce Homo“  vorgesetzt hat, ist jedoch für alle zum Schicksal geworden, die das Pech hatten, ihm (womöglich mehrfach) über den Weg zu laufen. Außer Richard Wagner waren da Nietzsches Zeitgenossen besser dran.


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Kommentar:
Ist Herr Schütte auch in dem Buch erwähnt? Wenn ja, sollte er es in der Kritik erwähnen.
| von Jeeves, 09.11.2010
Nein, Herr Wolfram Schütte findet keine Erwähnung in diesem Band.
| von Redaktion, 16.11.2010

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