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Dienstag, 02. September 2014 | 06:14

Andreas H. Apelt: Schwarzer Herbst

11.10.2010

Presenchen lebt!

Andreas H. Apelt schildert die Auswirkungen des Braunkohletagebaus auf das Leben einer Dorfgemeinschaft in der Niederlausitz. Sein Roman Schwarzer Herbst zeichnet ein Bild deutscher Geschichte, der Jahre des Umbruchs vor und nach 1989. Von MONIKA THEES

 

Der eiserne Drache frisst sich durch die märkische Erde, begräbt unter sich die roten Backsteinhäuser, die Gehöfte mit ihren Ställen und Brunnen, die Wiesen, die Bäume und Sträucher in den blühenden Gärten. Die schweren Eimerketten beißen sich kreischend voran, sie sind hungrig nach Erde, gierig nach Leben, nach brauner Kohle. Die Wälder sind abgeholzt, die Seen abgelassen, die Dörfer ausgelöscht, das riesige Ungeheuer auf stählernen Schienen verschlingt Felder, Wege, Blumen und Steine, sucht seinen Weg zum mächtigen Flöz. Ein großes dunkles Tuch zieht über die Landschaft, schiebt sich bis zum Horizont und bedeckt ein verwüstetes Land. Unaufhaltsam rattert der stählerne Koloss weiter, er hat einen Namen, nur drei Silben lang und banal: Tagebau.

 

Südöstlich von Luckau, im heutigen Landkreis Dahme-Spree, lagen einst Boschwitz, Gliedow, Pademagk, Stoßdorf, Tornow, Wanninchen, Stiebsdorf und Presenchen, Dörfer der Niederlausitz mit zum Teil sorbischer Bevölkerung, die abgebaggert wurden für den Braunkohletagebau Schlabendorf-Nord und -Süd. Ingesamt 136 Orte der Lausitz mussten innerhalb der letzten hundert Jahre dem Tagebau weichen, die meisten in den Zeiten der ehemaligen DDR. Stiebsdorf (60 Einwohner) wurde 1983 vollständig geräumt, Presenchen (51 Personen) in den Jahren 1987/88. Über 25 000 Menschen, so die offizielle Zahl, traf die Umsiedelung, sie verloren ihre Heimat, ihr Haus und ihren Garten, ihre Nachbarschaft. Zurück blieb eine öde Mondlandschaft. Orte verschwanden, Erinnerung wurde verschüttet unter gelbbraunem Abraum (und liegt heute unter künstlichen Seen und rekultivierten Halden).

 

Elli Noack ist eine aus Presenchen, früher war sie dort Wirtsfrau im Gasthof zur Deutschen Eiche, jetzt ist sie eine schmale alte Frau, die sich mutig wehrt gegen Ohnmacht und Vergessen. Sie steht am kleinen Fenster ihres Häuschens in Drehna, starrt vorbei an der halb aufgezogenen Gardine, vorbei an den zwei Kiefern, einigen Birken und Akazien, hinaus in die weite baumlose Landschaft. Vorfeldräumung nennt man das. Andreas H. Apelt, 1958 in Luckau/Brandenburg geboren, Tätigkeiten in verschiedenen Berufen, Autor und 2009 promoviert in Politikwissenschaften, hebt an mit einem starken Bild – und einem Akt des Aufbegehrens: Elli Noack, die zentrale Figur seines bisher zweiten Romans Schwarzer Herbst (nach Schneewalzer, Roman 1997, Berlin-Berlin, Prosa 2000) lässt die Grabsteine vom alten Presenchener Gottesacker in ihren Garten bringen: Am Zaun lehnen die steinernen Zeugnisse des einstigen Dorfes, sind beredtes Angedenken an den Beckmann, den Körner, die Evi und all die Menschenleben.

 

Verschwundene Orte

Die Folgen des Braunkohletagebaus sind desaströs: die Eingriffe, Drainage, also Grundwasserabsenkung, Verschmutzung und Umsiedlungen; die Folgen sind zerstörte Landschaft und Umwelt und zerstörtes Zuhause. Die Braunkohleverstromung ist zudem eines der ökologisch bedenklichsten Verfahren, die Energieeffizienz ist gering, der CO2-Ausstoß hoch. Ein Klimakiller. Gleichwohl setzte, wie bereits das Dritte Reich im Zuge seiner Autarkiepolitik, die rohstoff- und devisenarme DDR auf den beinahe einzigen und damit wichtigsten heimischen Energieträger. Braunkohle wurde zu Briketts gepresst, sie lieferte den Treibstoff für die Carbochemie, aus dem „braunen Gold“ ließen sich Leicht- und Schweröl für Diesel und Benzin gewinnen sowie Gase und Grundstoffe für die chemische Industrie.

 

Das Plansoll der Partei legte die Fördermengen fest, die Dörfer der ausgewiesenen Reviere gingen langsam nieder, die Menschen wichen aus Zwang, mit geringer Entschädigung und ohne Möglichkeiten des Widerspruchs. Zaghafter Widerstand sammelte sich im Schutz der Kirche und der Umweltbewegung der DDR. Die es wagten, ohne Licht und Strom in den todgeweihten Dörfern auszuharren, wurden abgeholt – wie die alte Klara Beckmann, die sich über Monate in ihrem Haus, dem letzten Gehöft im Ort, verbarrikadierte, bis Uniformierte sie hinauszerrten. Klaras Haus an der Dorfstraße wurde am gleichen Tag gesprengt. Die alte Frau durfte nicht im geliebten Presenchen sterben, seitdem liegt sie im Altersheim von Luckau, starrt stumm und blicklos aus glasigen Augen an die Decke.

 

Im Gasthof "Zum Hirsch" in Drehna treffen sich die Alt-Presenchener. Hierher verschiebt sich der Mikrokosmos der kleinen Leute, bündeln sich die Fäden der Erzählung. Stein für Stein, gleich einem Mosaik, setzt Andreas H. Apelt die Figuren ins Bild, zeichnet sie und ihre Geschichte raumnehmend im Schatten der nahenden Schaufelradbagger: Da sind der kräftige Klose, der ein Bein in Russland verlor, und seine Frau Martha, die als Zwangsarbeiterin nach Sibirien verschleppt, dort ihre Schwester elendig sterben sah. Schüllermann, dessen niedriges Haus mit Krüppelwalm am ehemaligen Feldweg nach Pademagk noch immer im unendlichen Sandmeer schwimmt. Und der schmächtige Ottmar, Pfarrer Graustocks jüngster Sohn, der Ortsschilder und Emailletafeln, Geschirr, Karten und Fotos aus den verschwundenen Orten sammelt, um der Vergangenheit trotzdem ein Stück zu entreißen.

 

Presenchener Geschichte

Die Biografien der Lebenden schneiden sich mit denen der Toten. Die Erinnerung hält persönlich erfahrene (und erlittene) Geschichte wach, Elli Noacks geistig behinderter Sohn Kalle starb 1938 im Heim von Sonnenstein (an Lungenentzündung, schrieben sie aus dem Heim, der wahre Name lautet Euthanasie), die blonde Evi ertränkte sich im Großteich nach dem Einmarsch der Russen, nach Plünderung und Vergewaltigung. Pülsch Richard, dem Forstarbeiter, der den Wald und damit sein Lebenswerk weichen sah, brach der Alkohol das Genick. Dazwischen gesetzt: das Dritte Reich und die Nachkriegszeit, die Jahre der DDR mit all denen, die im Westen ankamen und Päckchen schickten, und denen, die eine Reise antraten und nie zurückkehrten. Sie sind Presenchener Geschichte, eine Geschichte, die sich fortschreibt in Leid und Freud bis in die ersten Jahre der Wende.


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Post Scriptum

Andreas H. Apelt, Mitbegründer der Partei Demokratischer Aufbau, der oppositionellen und zunächst sozial-ökologisch ausgerichteten politischen Gruppierung, die später mit der CDU fusionierte, und von 1991 bis 2006 Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin, zeichnet die Lebenswege und Schicksale einer Handvoll Menschen nach, ohne in die „gewählte“ Rhetorik der Politik oder Wissenschaft zu fallen. Seine Sprache ist die der einfachen Leute, einfühlsam, im Ton zuweilen elegisch, seine Figurenzeichnung plastisch und ganz auf die Erfahrungs- und Lebenswelt der Alt-Presenchener in den Jahren um 1989/90 gestimmt. Mit der Wende kommen Elli Noacks Roswitha und Helmut aus dem Westen, kommt Buchssteins Großneffe aus den USA, es kommen die D-Mark, schnittige Autos, die freie Marktwirtschaft und die Rettung für Schlabendorf, Groß Mehßow und Drehna. Für Pademagk, Gliechow und Presenchen kommt sie zu spät. Und Klara Beckmann? Sie schließt ihre Augen, die hellen freundlichen Augen, für immer im Altersheim zu Luckau.

 

Trotz vollmundiger Versprechen entstanden im Osten Deutschlands nicht die ersehnten Landschaften, blühend und heimatlich. Arbeitslosigkeit, Abwanderung und Überalterung sind hoch. Bis heute müssen Orte, Menschen und Landschaft der Lausitz den Schaufelradbaggern weichen, so geschehen in Horno (2004/05), Lakoma (2008) und Kausche (Ortsteil von Drebkau). Knapp ein Viertel des deutschen Strombedarfs wird derzeit noch mit Braunkohle gedeckt. Ihre Zukunft ist ungewiss. Vattenfall Europe will, meldet die Frankfurter Rundschau am 17.9.2010, nach bisherigen Planungen langfristig drei neue Braunkohletagebaue in der Brandenburger Lausitz erschließen, dafür sollen 900 Bewohner dreier Dörfer weichen. Der eiserne Drache giert noch immer nach Leben.

 

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Es freut mich, wenn sich die Kritik des Themas "Verlorene Heimat" annimmt, auch wenn ich weiß, dass das Thema "Heimat" unzeitgemäß ist. Aber gerade in den täglichen Herausforderungen sehnen sich auch Menschen nach Geborgenheit und das in einer Welt, die ihnen ausgerechnet diese nun manchmal unter den Füßen wegreißt. Insofern sollte das Thema auch wieder aktuell sein.
| von Apelt Andreas, 13.10.2010

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