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Literaturkalender 2013

03.12.2012

Tage, Tage, Jahre

Staunen, entdecken, querlesen, umblättern, abreißen – Literaturkalender begleiten uns verlässlich durchs Jahr, versorgen uns häppchenweise und gut dosiert mit ungeahnten Einblicken, neuen Erkenntnissen, frischen Anregungen. Wer jetzt schon vorsorgt, blickt 2013 spannenden Zeiten entgegen. Von INGEBORG JAISER

 

Auf keinen Fall darf dieser moderne Klassiker fehlen, der uns seit 1984 begleitet: der Arche Literatur Kalender. Jedes Jahr ist einem bestimmten Thema aus dem literarischen Leben gewidmet, das auf den einzelnen Wochenblättern in Text und Bild präsentiert wird. Was könnte passender, prägnanter sein als das aktuelle Motto »Zeit«? Fällt uns da nicht spontan Marcel Proust ein, Rilke und Brecht? Die gestundete Zeit von Ingeborg Bachmann?

 

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Mit außergewöhnlichem Fingerspitzengefühl und traumwandlerischer Treffsicherheit haben auch in diesem Jahr die engagierten Kalendermacherinnen Elisabeth Raabe und Regina Vitali wieder wahre Schätze der Weltliteratur aufgespürt: glückliche Augenblicke, vergängliche Jahreszeiten, den Wunsch nach einer Auszeit – festgehalten in Briefen, Tagebüchern, Romanen und Gedichten.

 

Weitgehend unbekannte Fotografien und Zeichnungen illustrieren die wöchentlich vorgestellten Fundstücke: hier strahlt die frisch verliebte Sylvia Plath neben einem Brief an ihre Mutter, dort klagt ein umtriebig wirkender Hermann Lenz über Zeitnot, weiter hinten inszeniert Hans Arp ulkend sein Nonsensgedicht Sekundenzeiger.

 

Neuer Tag, neue Nacht

Verlockend petrolgrün kommt sein Äußeres daher, edel cremefarben sein Innenleben. Und welch haptische Freude durchströmt uns beim Umblättern: hier kommt festes, schweres Munken Pure Papier zum Einsatz, sehr hochwertig und exklusiv. Die Rede ist vom Wetzstein Gedichtekalender, den der Freiburger Buchhändler und Autograph Thomas Bader jedes Jahr mit weit ausholenden, handschriftlichen Kalligraphien entwirft und den der Tübinger Verlag Klöpfer & Meyer in faksimilierten Abschriften herausbringt – nun schon im vierten Jahr.

 

Als Mann der Künste vereint Thomas Bader literarisches Gespür mit feinem Geschmack. Das zeigt sich in seiner »Buchhandlung zum Wetzstein« genauso wie in der Auswahl und Präsentation des Gedichtekalenders. Für 2013 hat er Lyrik von Rose Ausländer bis Mascha Kaléko, von Friedrich Hölderlin bis Bertolt Brecht auserkoren. So zeigt sich dieses hochformatige Schmuckstück als willkommenes Präsent für Bibliophile, Sammler und Menschen mit gutem Geschmack. Wenn man es nicht selbst schon ins Herz geschlossen hat.

 

Büchermenschen in Baden und Württemberg

Für diesen Kalender räume ich jetzt schon eine Wand in meinem Arbeitszimmer frei. Denn lebendiger, vielseitiger, munterer könnten Literaturschaffende nicht porträtiert werden. Schwarz auf Weiß zeigt 24 ganz besondere Menschen aus Baden-Württemberg, denen es geglückt ist, Mission und Passion, Beruf und Berufung, Lust und Leidenschaft miteinander zu vereinen. Sie alle kreisen um das geschriebene, gedruckte, gesprochene Wort; Mehrfachtalente sind es oftmals, Unermüdliche und Beseelte im weiten Orbit der Literatur. Autoren, Verleger und Buchhändler vermutet man hier sowieso – doch auch Kritiker und Sprachkünstler, Regisseure und Museumsleiter, Herausgeber und Antiquare werden vorgestellt.

 

Welch gelungene Symbiose von fotografischen Porträts und kundig kommentierenden Texten! Sofort eintauchen mag man in all die vielfältigen, faszinierenden Lebensgeschichten, Momentaufnahmen und Schlaglichter. Der Tübinger Fotograf Burkhard Riegels hat jeden Büchermenschen treffend in Szene gesetzt, vor individuellem Hintergrund und mit sehr persönlichen Accessoires. Irene Ferchl, bekannt als Publizistin und Chefredakteurin des von ihr gegründeten Literaturblatts für Baden-Württemberg, sorgt für die begeisternden Texte, die aus vielen persönlichen Begegnungen und Gesprächen heraus entstanden sind. Dass dieses Schmuckstück aus dem Stand heraus den »gregor calendar award 2013« in Bronze vom Graphischen Club Stuttgart verliehen bekommen hat, erscheint geradezu selbstverständlich!

 

Hirschgulasch und Haselnussreis

Ein literarischer Küchenkalender verfolgt gleich mehrere praktische Ziele: als Zeitgeber, Kochbuch und Anthologie mag man ihn gern übers gesamte Jahr hinweg konsultieren. Seit 2005 trägt Sybil Gräfin Schönfeldt Zitate, Rezepte und köstliche Anmerkungen für den Arche Küchen-Kalender zusammen – einem kleinen, feinen, reich bebildertem Kompendium für lesende Köchinnen und kochfreudige Leser. Denn sowohl zeitgenössische Autoren als auch angesehene Klassiker beschreiben in ihren Romanen und Erzählungen ausgiebig lukullische Highlights und Tafelfreuden.

 

Hier eine kleine Auswahl der wöchentlich wechselnden Amuse Gueule: eine Anleitung für feine Kerbelsuppe neben Fontanes Beschreibung preußischer Vorlieben, eine »deliziöse Quiche« aus Updikes Gottesprogramm. Eugen Ruges Ausführungen über Thüringer Klöße – inklusive des passenden Rezepts. Wer angesichts der ansprechend präsentierten Appetithappen Hunger auf mehr bekommt, findet im Anhang Grundrezepte für Teige und Saucen sowie alphabetische Register zu Autoren und Rezepten. Man sieht: es muss nicht immer Kaviar sein!

 

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