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    Montag, 29. Mai 2017 | 20:59

    Jessi Kirby : Mondglas

    05.11.2012

    Meeresgeheimnis

    Das Meer hört nie auf, Menschen zu faszinieren. Ob Lebenswelt von Fabelwesen oder realen Lebensformen, ob Ort der Ruhe oder tödliche Gefahr, seiner Anziehungskraft kann man sich kaum entziehen. Das Meer in seiner Schönheit und seinen Schrecken bestimmt das Leben der Figuren in Jessi Kirbys Mondglas und seinen Geheimnissen nachzuspüren, macht auch für die Leserinnen den großen Reiz dieses Debütromans aus. Von MAGALI HEISSLER

     

    Anna, sechzehn und recht selbstständig, wäre gern böse auf ihren Vater, als er sie mir nichts, dir nichts an einen neuen Wohnort bringt. Nur weil er unbedingt eine neue Stelle antreten will, muss sie ihr altes Leben aufgeben! Ihr Zorn verfliegt, als sie entdeckt, dass ihr Vater der neue Verantwortliche für einen fantastischen Strand ist und ihr neues Haus gleich am Meer liegt. Wenn es um das Meer geht, ist Anna in ihrem Element. Sie kann schwimmen, seit sie denken kann, taucht, springt von Felsen, reitet Wellen mit und ohne Surfbrett. Ist sie nicht im Wasser, läuft sie am Strand. Sie ist eine sehr gute Läuferin, sie läuft ebenso gern, wie sie schwimmt. Im Unterschied zum Schwimmen aber spürt Anna zuweilen einen regelrechten Zwang zu laufen. Immer dann nämlich, wenn die düsteren Erinnerungen in ihre Mutter aufsteigen. Die Mutter, die das Meer ebenso liebte, wie Anna, die Meerglas mit ihr sammelte, angeschwemmte und vom Wasser glatt geschliffene Glasstücke. Die Mutter, die verschwand, als Anna sieben Jahre alt war. Die ihr ein ganz besonderes Stück Meerglas zurückließ, das Mondglas.

     

    Die Magie im Leben

    Kirby fängt den Zauber wie die Realitäten eines Lebens am Meer von Anfang an so gut ein, dass man immer wieder glaubt, in einem modernen Fantasy-Roman gelandet zu sein. Das ist Mondglas aber bei Weitem nicht. Es ist eine realistische Geschichte, in der die Autorin einfach den Mut hat, ihrer Liebe zu dem fremden Element ungehemmt Ausdruck zu verleihen. Herausgekommen ist eine Geschichte, die weder Magischem noch Realistischem den Vorzug gibt, sondern beides auf beste Weise miteinander verbindet. Ebenso wie Schönheit und Grausamkeit, Verlust, Abschied und Neubeginn.

     

    Anna führt ein recht normales Teenagerleben, sie ist ein wenig schüchtern, aber keine Einzelgängerin, verträumt, aber Partys nicht abgeneigt. Sie rebelliert ein wenig gegen ihren Vater, der ein wachsames Auge auf sie hält, zu wachsam, findet Anna, vor allem, als der Rettungsschwimmer Tyler auftaucht. Vor dunklen Träumen und erschreckenden Erinnerungsfetzen aber kann auch ihr Vater sie nicht bewahren. Anna ist ein sehr mutiges Mädchen, den Mut, sich ihren Kindheitserinnerungen zu stellen, muss sie erst finden.

     

    Das Stück Mondglas begleitet sie immer. Ein Erinnerungsstück gleichermaßen echt wie magisch. Es ist die Magie, die Anna sich ersehnt und die sie am Ende zugunsten einer schmerzlichen Wirklichkeit als Traum erkennen muss.

     

    Das moderne Layout des Texts mit seiner mutigen Kleinschreibung von Kapitelüberschriften und -anfang ist ein zusätzliches Plus für die Konstruktion der Geschichte.

     

    Keine süße Teenagerromanze

    Kirby hat keine süßliche Teenagerromanze vorgelegt, auch wenn es gerade bei der Darstellung der neuen Freundschaften und Annas erstem Verliebtsein einige sehr bekannte Versatzstücke des Genres gibt. Aussehen, körperliche Vorzüge, Attraktivität des männlichen Protagonisten und ihre Wirkung via Anna auf die angezielte weibliche Leserschaft wirken platt gemessen an dem Können, das die Autorin zeigt, wenn es um das Meer und Annas Gefühlskämpfe in Bezug auf ihre Mutter geht. Das macht hin und wieder den Eindruck, als sei nachträglich eine Art Pflichtprogramm für weibliche Teenager in die eigentlich anders angelegte Geschichte hineingeschrieben worden.

     

    Kirby versucht, die unergiebigen Standards ironisch zu brechen, etwa bei Ashley, Annas neuer Freundin. Leider fehlen ihr dafür Humor und das Gefühl für Timing. Die jungen Leserinnen werden es dennoch genießen und als Ruhepause zwischen manchen Schrecken nützen, die ihnen Kirby einjagt. Das Meer ist grausam, die Geschichte von Annas Mutter traurig, die Gestalt des auf den ersten Blick halbwahnsinnigen Sünders, der am Strand entlang kriecht, so ungewohnt, dass er ernsthaft beunruhigt. Die Themen Schuld und Sühne klingen deutlich an und liefern Stoff zum Nachdenken. Die Erinnerung daran bleibt, wie die Erinnerung an den Wellenschlag, das Gefühl von Sand auf der Haut und Salzgeruch in der Nase. Und das Auffunkeln von Meerglas im Mondlicht.

     

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