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    Dienstag, 30. Mai 2017 | 05:40

    Siegfried Armin Neumann (hrsg.): Volksmärchen aus dem historischen Vorpommern

    29.10.2012

    Herbstzeit, Märchenzeit

    An Märchenbüchern herrscht kein Mangel, die Beliebtheit der Gattung ist ungebrochen. Die Fülle der Wieder - und Neuauflagen präsentiert oft Bekanntes in anderem Gewand, ganz Neues gibt es selten. Das ist auch bei der vorliegenden Märchensammlung der Fall. Dennoch lohnt es sich, den Volksmärchen aus dem historischen Vorpommern, die der Volkskundler und Märchenforscher Siegfried Armin Neumann neu zusammengestellt hat, zu lauschen.

    Von MAGALI HEIßLER

     

    Die Märchensammlung geografisch historisch einzuschränken, bedingt bereits einen neuen Blick auf vorhandene Sammlungen. Akzente werden verschoben, neue Ausschnitte entstehen, was vorher weniger bedeutend erschien, rückt in den Vordergrund. Neumann hat sich für drei Untergattungen entschieden, Zauber - und Wundermärchen, Novellen - und Schwankmärchen und Tiermärchen.

     

    Geprägt sind die Märchen von einem bäuerlichen Alltag, der zu Beginn des 21. Jahrhunderts selbst schon märchenhaft erscheint. Härteste Arbeit, kärgliche Lohn, die Abhängigkeit von Wind und Wetter und von vermögenden Grundbesitzern prägen die Vorstellungen der Erzählenden wie der Zuhörerinnen und Zuhörer. Das Glück des Lebens, so scheint es, liegt im Gewinn großer materieller Güter und des sozialen Aufstiegs, nicht selten zum König. Sich übersatt essen zu können gilt als Wunder, das nur Zauberei bewirken kann, ebenso wie körperliche Stärke, mit der sich Schwache durchsetzen. List bleibt oft den Tieren überlassen, Menschen greifen lieber zur Eisenkeule. Aber die kleinen Gewinner bleiben nicht grundsätzlich Sieger. Auch sie sind immer wieder fehlbar und am Ende bekommt der Teufel sie doch. Das Leben ist ein Auf und Ab. Das versteht man auch im 21. Jahrhundert.

     

    Drachen, listige Füchse und erfolgreiche Dummköpfe

    Neumanns kleine Sammlung enthält Märchen, die deutlich von dem heute üblichen Märchenschatz, der durch Jakob und Wilhelm Grimm und Hans Christian Andersen geprägt ist, abweichen. Geübtere Märchenleserinnen werden einzelne Motive wiedererkennen, aber im Großen und Ganzen wird man in eine neue Welt geführt. Riesen und vielköpfigen Drachen beherrschen sie oder sonderbare graue Männlein. Viel Bösartigkeit herrscht in der Märchenwelt, die Geschichten enthalten nicht wenig Grauen.

    Auch wenn zum historischen Vorpommern viel Küstenlandschaft gehört, so gibt es überraschend wenig Märchen, die das Meer und seine Bewohner zum Thema haben. Das Märchen vom Fischer und seiner Frau, als klassisches Märchen der Grimmschen Sammlung angesehen, steht hier immerhin selbstbewußt am Ort seines eigentlichen Ursprungs. Rotes Fuchsfell leuchtet in den Tiermärchen auf, sein Besitzer scheint die Lebenswelt nachdrücklich geprägt zu haben.

     

    Die Geschichten sind für eine schriftlichen Wiedergabe abgefaßt, dennoch spürt man die mündliche Erzähltradition, die dahintersteckt, deutlich. Nicht alle Geschichten sind hochdeutsch, fast ein Drittel ist niederdeutsch wiedergegeben. Das gibt einen unverwechselbaren Eindruck von Lokalkolorit und Authentizität. Schade nur, dass man sich beim Verlag nicht entschlossen hat, diese Märchen für ein breites Publikum auch auf Hochdeutsch wiederzugeben. Nicht nur die Schwänke, die Friedrich II. von Preußen, als Alten Fritz, zum Helden haben, sondern auch die verschmitzten Tiermärchen oder die verrückte Geschichte vom Hühnchen und Hähnchen, die in einem Wagen aus Nußschalen ausziehen, um in Rom Papst und Päpstin zu werden, können nur Kennerinnen des Platt genießen.

     

    Mehr als ein bloßes Märchenbuch

    Ein ausführlicher Kommentar als Nachwort samt Literaturliste, Quellenverzeichnis und Liste der Märchentypen informiert über Überlieferungs - und Erzähltraditionen. Hier trifft man den Wissenschaftler Neumann. Sie machen das kleine Buch zu mehr als einem weiteren ‚Märchenbuch’, es wird auf diese Weise auch wertvoll für Märchensammlungen. Den heutigen Leserinnen und Lesern hätte aber auch eine Liste mit Worterklärungen von Maßeinheiten, Feldfrüchten oder einem fremdartigen Ausdruck wie etwa Jan Kräuger aus Philippsgrün für den Tod viel genützt. So manches bleibt fremd. Die Illustrationen von Werner Schinko fangen die Atmospäre der Geschichten ein, man wünschte sich mehr davon.

    Insgesamt ist die vorliegende Sammlung eine ausgezeichnete Ergänzung vorhandener Bestände, aber auch eine Neuentdeckung wert, zum Lesen, vor allem zum Vorlesen für Groß und Klein.

     

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