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Sonntag, 19. Mai 2013 | 17:30

Tana French: Schattenstill

13.08.2012

Psychogramm einer Verwilderung

Auch mit ihrem vierten Roman bleibt die Irin Tana French sich treu. Schattenstill erzählt die Geschichte der Aufklärung eines Verbrechens als psychologische Spurensuche. Seine ungeheure Spannung bezieht der Roman dabei nicht zuletzt daraus, dass die Grenzen zwischen Tätern, Opfern und Ermittlern fließend sind. Gut gegen Böse? Bei French steckt in jeder Figur etwas von beidem.

Von DIETMAR JACOBSEN

 

Die Spains waren ein ganz normales Paar. Bis zu dem Tag, an dem Patrick Spain seine Arbeit verlor und das Geld knapp wurde. Von da an änderten sich die Dinge. Kontakte zu Freunden gingen verloren. Der Zweitwagen musste verkauft werden. Aus dem Neid der Nachbarn in der Siedlung am Meer wurde Häme. Und mit jeder der voller Hoffnung abgeschickten Bewerbungen, die zurückkam, ging ein weiteres Stück Selbstbewusstsein verloren.

 

Als eines Tages auch das Telefongespräch ausbleibt, das Jennifer Spain zuverlässig jeden Morgen mit ihrer Schwester Fiona führt, ist diese alarmiert und fährt hinaus nach Brianstown, das früher Broken Harbour hieß. Die Wirtschaftskrise hat aus dem Ort eine Geisterstadt werden lassen. Und in dem Haus, das einst der ganze Stolz der vierköpfigen Familie war, werden drei Tote und eine Schwerverletzte geborgen.

 

Verloren in einer Geisterstadt

Michael Kennedy heißt der Detective des den Lesern von Tana French inzwischen gut bekannten Dubliner Morddezernats, der losgeschickt wird, um den die Öffentlichkeit beunruhigenden Fall zu lösen. Im dritten Roman der Autorin, Sterbenskalt (Scherz 2010), hatte der Mann mit der überdurchschnittlich hohen Aufklärungsquote bereits einen Auftritt am Rande. Nun rückt er in den Mittelpunkt und wie alle Ermittler Frenchs bringt er seine eigene bedrückende Lebensgeschichte mit, die viel mit dem Ort an der irischen See zu tun hat, in dem das Verbrechen geschah. Doch jede Spur, auf die er und sein Juniorpartner Richie Curran stoßen, erweist sich als Sackgasse. Und während die Zeit immer knapper wird, mehren sich die Fragen.

 

Denn nichts weist darauf hin, dass das Familienidyll der Spains einen Sprung hatte. Wer das Pärchen und seine beiden Kinder kannte, fand die Vier und das Leben, welches sie führten, schlicht beneidenswert. Allein wer hat die beiden Kinder erstickt und die Erwachsenen mit Messern traktiert? Warum und von wem sind in die Wände der Zimmer überall große Löcher geschlagen worden? Was sollen die ganzen Babyphone, mit denen nach dem Unglück nur noch die unheimliche Stille des Hauses belauert wird? Und wer ist die Person, die sich in einer Bauruine in Sichtweite niedergelassen hat und von dort aus die Familie seit Monaten im Visier hatte?

 

Verrückt wie das ganze Land

Schattenstill wirft einen Blick hinter die Kulissen der Krise, die das irische Wirtschaftswunder 2008 mit einem Schlag beendete, dorthin, wo das Schicksal des Einzelnen auf dem Spiel steht. Die Zeit des Aufschwungs hatte die Menschen unvorsichtig werden lassen. Billige Kredite waren leicht zu haben. Und es schien, als würde das funktionieren bis in alle Ewigkeit. Doch dann gingen sie plötzlich pleite, die Baufirmen, die die Fertig-Paradiese für den prosperierenden Mittelstand innerhalb kürzester Zeit hingeklotzt hatten. Zurück blieben Ruinensiedlungen, von Menschen bewohnt, die ihre Arbeit verloren hatten und die Raten nicht mehr zahlen konnten. Und die Gläubigerbanken versuchten, selbst daraus noch ein lukratives Geschäft zu machen, indem man die immensen Verluste trickreich auf andere abwälzte.

 

Die Spains sind so ein Paar, das nach und nach die Bodenhaftung verliert. Mit ihrem Umzug wollten sie sich den Traum vom großen Glück erfüllen. Doch sie landeten mitten im Herzen einer Finsternis ohne Ausweg. Einmal hineingeraten in den fatalen Abwärtstrend, der ein ganzes Land ergriffen hatte, schlitterten sie unaufhaltsam auf die Katastrophe zu.

 

Mit seiner großartigen Kombination der Verzweiflung einer aus allem Glück herausfallenden Familie mit der Natur eines langsam verfallenden Ortes und den Seelennöten zweier Polizisten, die viel zu dicht an den Fall herangeraten, um noch objektiv und kaltherzig ermitteln zu können, ist Schattenstill bereits heute für mich der Thriller des Jahres.

 

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