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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. Juli 2017 | 08:48

    David Thoreau: Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat

    28.04.2012

    Qualtinger als Thoreau

    Die Indizien weisen zunehmend darauf hin, dass der frühere Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Mappus, in seiner Amtszeit gegen die Verfassung verstoßen hat, als er bei seinen eigenmächtigen Geschäften den Landtag überging. von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Man muss sich die Ungeheuerlichkeit klar machen: In einem Land, in dem Lehrern massenhaft der Staatsdienst verweigert wurde, nicht etwa, weil sie die Verfassung missachtet hätten, sondern bloß auf den Verdacht hin, dass sie sie missachten könnten, ignorieren Politiker, die einen Eid auf diese Verfassung geschworen haben, eben diese Verfassung. Kann man sich angesichts solcher Zustände über das wachsende Misstrauen wundern, das der Politik begegnet? Und muss man nicht von Glück sprechen, wenn dieses Misstrauen nicht in eine rechte Opposition mündet, der jedes antiparlamentarische Ressentiment willkommen ist?

     

    Kaum einer hat diese Problematik so radikal formuliert wie der Amerikaner Henry David Thoreau in seiner Schrift „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“. Thoreaus Überlegungen enthalten eine Reihe von Problemen, die zum Widerspruch reizen, die Gefahren bergen, von denen er nicht spricht. Aber grundsätzlich haben sie über bald 200 Jahre ihre Gültigkeit bewahrt. Keinen besseren Interpreten für diesen Essay kann es geben als Helmut Qualtinger.

     

    Der Diogenes Verlag hat eine Aufnahme des ungekürzten Textes als Hörbuch-CD herausgebracht, die Qualtinger vor 53 Jahren (!) bei Preiser Records gemacht hat. Qualtingers öffentliche Lesungen waren stets ein Erlebnis von besonderer Qualität, und die österreichische Firma Preiser Records hatte ein Repertoire an Sprechplatten, das bis heute als sensationell gelten kann, darunter eben auch mehrere Aufnahmen mit Helmut Qualtinger.

     

    Für Thoreau ist Qualtinger der ideale Sprecher, weil er sich, unüberhörbar, mit dem Inhalt identifiziert. Er teilt Thoreaus Wut gegen einen Staat, der Krieg und Sklaverei zu verantworten hat, und er stimmt wohl auch dessen Entscheidung zu, keine Steuern zu zahlen, wo der Pfarrer mit dem Geld eines Lehrers, nicht aber der Lehrer mit dem Geld eines Pfarrers bezahlt wird.

     

    Anders als unser reaktionärer Zeitgenosse Peter Sloterdijk, der den Reichen empfiehlt, keine Steuern zu zahlen, weigert sich Thoreau lediglich, Ausgaben des Staats zu finanzieren, die er ablehnt, wie eben für Kriege oder Sklaverei. Für Straßenbau und Schulen will er durchaus auch Steuern zahlen. Fasziniert lauscht man der hohen, scharfen Stimme, der genauen Artikulation des Originalgenies Qualtinger zu, wenn er uns Thoreau in Erinnerung ruft.

     

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