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Donnerstag, 23. Mai 2013 | 18:27

Gabrielle Hamilton: Blood, Bones and Butter - Mein Leben ohne Rezept

30.04.2012

Küche und Psychologie

Die Wahl-New-Yorkerin Hamilton erzählt in Blood, Bones and Butter – Mein Leben ohne Rezept vom Weg von der Küchenhilfe zur Restaurantbesitzerin und Chefköchin – und vom Spagat zwischen Workaholic-Dasein und Familienleben. Von TOM ASAM

 

Die 1966 geborene Gabrielle wächst als jüngstes von fünf Kindern unbekümmert und unkonventionell auf. Die Mutter ist Französin, der Vater extrovertierter Bühnenbildner. Das aus den Ruinen einer alten Spinnerei entstandene Haus der Familie ist etwas Besonderes, im Garten inszeniert der Vater große Feste, bei denen ganze Lämmer gegrillt werden. Doch die lebhaft beschriebene, alternativ angehauchte Landidylle findet ein jähes Ende, als die Eltern sich trennen. Die beiden jüngsten landen beim Vater.

 

Gabrielle hat keine Lust mehr auf Schule. Mit dreizehn ergattert sie ihren ersten Tellerwäscherjob, drei Jahre später schlägt sie mit 235 Dollar alleine in New York City auf. Bei einem Knochenjob als Kellnerin in einem angesagten Club lernt sie, wie man Geld an der Kasse vorbei in die eigene Tasche wirtschaftet und sich Drogen einwirft. Doch sie kriegt die Kurve, schafft mit 22 im dritten Anlauf ihren College-Abschluss.

 

Vom Catering zum Soulfood

Nächste Station ihres Aufstiegs in der Gastrowelt sind Jobs im knallharten Catering-Gewerbe. Gelungen sind die Beschreibungen der wechselnden Mode-Häppchen und der sich stets wiederfindenden Typen innerhalb einer Küchenmannschaft. Gerne folgt man an späterer Stelle auch einem Rückblick auf eine Europareise, bei der Gabrielle viele Dinge wahrnimmt, die ihr später dabei helfen, eine Vision für ein eigenes Restaurant zu entwickeln. Die Chance dazu ergibt sich dann aber eigentlich ungeplant und eher zufällig. Statt auf essbares Blattgold in Champagner-Gläsern setzt Gabrielle lieber auf ehrliches, aber hochwertiges Soul-Food.

 

Spätestens als Hamilton den Stress als Restaurantbesitzerin und Chefköchin in Personalunion beschreibt, fragt man sich als Leser aber langsam, warum diese Frau eigentlich stets 16 Stunden am Tag schuftet – längst, nachdem Geldnot als Argument ausscheidet. Noch rätselhafter scheint, warum eine »stramm marxistische Feministin (und) Lesbe« ohne Zeit für ein Privatleben plötzlich auf die Idee kommt zu heiraten. Man könnte jetzt lapidar den deutschen »Untertitel« Mein Leben ohne Rezept bemühen oder die Tatsache, dass der italienische Ehemann sich bis dahin nicht um eine Aufenthaltsgenehmigung gekümmert hatte, in den Mittelpunkt rücken.

 

Doch spätestens, als es ans Kinderkriegen geht, obwohl scheinbar keinerlei Kommunikationsebene zwischen den Partnern vorhanden ist, widmet man sich schön still und leise der Küchenpsychologie. In der Folge wird ein Besuch bei Hamiltons Mutter beschrieben, die sich nicht wirklich gerechtfertigten Vorurteilen der Tochter ausgeliefert sieht – und der Leser reist wiederholt mit zur neuen Familie nach Italien. Die Trennung der Eltern scheint Wunden hinterlassen zu haben, die nun mit einer Mischung aus Suche nach verlorenem Familienglück und der wahrhaftigen Welt des guten alten Europa geheilt werden sollen. Man spricht zwar davon, dass »life stranger than fiction« sei – die bessere Geschichte kommt dabei aber deshalb nicht zwingend heraus.

 

Sinnsuche unter dem Olivenbaum

Während die erste Hälfte des Buches wirklich geglückt ist, verfranzt die zweite Hälfte unausgegoren zwischen der Beschreibung einer Suche nach dem Platz in einer Familie, von der man nicht versteht, warum sie gegründet wurde, und langsam zum Klischee werdenden Beschreibungen wie: »Das Bild der italienischen Familie, die draußen auf der Terasse um einen großen Tisch herumsitzt, während die Kinder zwischen den Weinreben oder Olivenbäumen herumrennen, ist das verführerischste Bild der Welt.«

 

Vermutlich hat die Autorin die Episoden ihrer Jugend während des – auch beschriebenen – zwischenzeitlichen Studiums der Literatur in Michigan mit professioneller Unterstützung wiederholt bearbeitet und in eine gute Form gebracht. Die zweite Hälfte der Erzählung erscheint im Vergleich dazu aber leider stellenweise eher wie ein besseres Tagebuch, verfasst zwischen Vorspeise und erstem Hauptgang. Das ist schade. Vielleicht findet Hamilton ja in ihrem Leben ohne Rezept noch irgendwann die Zeit und Muße, um ein durchgehend überzeugendes Buch abzuliefern. Vielleicht ist aber mit Blood, Bones and Butter auch schon alles gesagt.

 

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