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Freitag, 24. Mai 2013 | 12:48

Henry David Thoreau: Wo und wofür ich lebte

14.04.2012

Ein Gegenentwurf zum Kapitalismus

1849, ein Jahr nach dem Kommunistischen Manifest, erschien ein Vortrag, den Henry David Thoreau im Vorjahr gehalten hatte, im Druck. Sein Titel: Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat. Eigentlich müsste dieser Essay für die Bürgerrechtsbewegung den gleichen Status besitzen wie das Manifest von Marx und Engels für die Arbeiterbewegung. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Vier Jahre zuvor, 1845, hatte sich Thoreau für zwei Jahre in die Einsamkeit der Wälder nahe seiner Heimatstadt Concord in Massachusetts zurückgezogen. Aus den dort gewonnenen Erfahrungen entstand das 1854 erschienene Buch Walden oder Leben in den Wäldern. Es ist eins der erstaunlichsten Bücher, die je geschrieben wurden, nicht zuletzt wegen seiner anhaltenden Gültigkeit. Seine Zivilisationskritik, seine philosophischen Einsichten, sein Bekenntnis zu einem spartanischen Leben, das sich auf die wahren menschlichen Werte im Einklang mit der Natur besinnt, können auch heute noch als Gegenentwurf zur bestehenden Gesellschaft bestehen. Viele Details, etwa die Überlegungen zur Eisenbahn, zur inhaltslosen Betriebsamkeit, zum Mangel an Reflexion und Selbstbesinnung haben wortwörtlich zur Kennzeichnung unserer Gegenwart Bestand.

 

Auf einer CD liest Burghart Klaußner, intelligent artikulierend, aber ohne übertriebenen Nachdruck, Ausschnitte aus diesem zur Zeit der Hippies hochgeschätzten, mittlerweile aber wieder kaum diskutierten Werk. Es besticht durch die Poesie, mit der Thoreau seine Einsichten und Überzeugungen formuliert und sie somit zu Literatur im engeren Sinne macht. Anders als bei den französischen Philosophen der vergangenen Jahrzehnte bedeutet Poesie hier nicht Vagheit, verschwommene Aussagen, deren Paradoxe immer auch das Gegenteil des Gesagten richtig erscheinen lassen, sondern Verdeutlichung. Thoreaus sprachliche Bilder, seine Vergleiche schärfen das Profil seiner Aussagen, machen sie plastisch und konkret. Selbst wo er ins Schwärmen gerät, hat das nichts Spinniges.

 

Thoreau ist ein genauer Beobachter, sein vorübergehendes Einsiedlertum ist nicht menschenfeindlich, sondern dient der ungestörten Wahrnehmung, der Konzentration auf das Wesentliche. Es ist verblüffend, wie er in den frühen Jahren der Industrialisierung bereits deren Auswirkungen erkennt. Man muss kein romantischer Ökologist sein, um seinen Ausführungen Erkenntnisse abzugewinnen.

 

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