Tiefenpsychologische Mechanismen
Man müsste Adamsberg für diesen Fall auswählen, weil er sich nicht aufklären ließe ohne ein profundes Verständnis der geistigen Mechanismen, welche Dämonen mitten in der Nacht auf den Plan rufen – und diese Mechanismen versteht keiner besser als Adamsberg und sein Ermittlergespann von gestörten Gestalten. Denn genau wie Dupin und Maigret, steckt auch Adamsberg nur scheinbar in einem Kriminalroman.
Poes Dupin ist eigentlich nur eine Feier der Kraft des reinen Verstandes, gut die Hälfte jeder Dupin-Geschichte ist angefüllt mit hochvergeistigten Monologen über Gott und die Welt, die das Verbrechen oder die Aufklärung des Verbrechens zwar zum Ausgangspunkt haben, dann aber ins Essayartige wegdriften. In den Maigret-Geschichten geht es auch selten ausschließlich um den Kriminalfall, es ist vielmehr eine Studie in Figurenpsychologie, eine Erkundung von menschlichen Abgründen, die sich auftun, sobald Maigret beginnt, hinter das Verbrechen zu schauen.
Bei Fred Vargas wiederum ist das Verbrechen immer nur ein Ausgangspunkt für ein literarisches Motivspiel, ein langsames, allmähliches Zusammensetzen von Puzzleteilen, die nirgends einen Sinn ergeben außer im Kopf von Adamsberg. Dass der Ausgangspunkt dieses Motivspiels ein Verbrechen ist, ist dabei kaum mehr als reiner Zufall: Eigentlich ist Die Nacht des Zorns, wie auch die meisten anderen Vargas-Romane, nur ein Transport von literarischen Arbeitsweisen ins Kriminalgenre, oder, wenn man so will, umgekehrt: Der Fall jedenfalls lässt sich nur noch mit den Mitteln der literarischen Textinterpretation aufklären, aber um die Aufklärung des Falles geht es bei Vargas tatsächlich nie. Es geht um den Weg dorthin, um die verwirrende Schönheit der Motivketten, die tief in die Psyche ihrer Figuren hineinreichen. Selbstverständlich: am Ende ist der Fall geklärt. Aber die meisten wären besser dran, wenn nicht.