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Klaus Johann / Vera Schneider (Hg.): HinterNational - Johannes Urzidil

27.02.2012

Doch die im Schatten kennt man nicht

Ein Lesebuch zu Ehren des Schriftstellers Johannes Urzidil. Erkundet von STEFAN HEUER

 

Dass Deutschland 1974 im eigenen Land Fußball-Weltmeister geworden ist, dürfte sich mit den Jahren rumgesprochen haben. Mit Beckenbauer als Kapitän und »Bomber« Gerd Müller im Sturm, dem es vorbehalten war, in der 42. Minute den Siegtreffer gegen die Niederländer zu erzielen – aber weiß noch einer, wer in der Meistermannschaft als Linksverteidiger spielte? Maximal 2% der Deutschen erinnern sich an Horst-Dieter Höttges (bei den über 70jährigen vielleicht 5%), der Rest müsste sicherlich den Telefonjoker in Anspruch nehmen.

 

Ohne Joker hingegen wüssten wohl die meisten, dass Neil Armstrong und Buzz Aldrin im Zuge von Apollo 11 am 21. Juli 1969 als erste Menschen den Mond betraten – wer jedoch als dritter Astronaut an dieser Mission teilnahm und während der ersten Mondlandung im Mondorbit beim Mutterschiff blieb – wer weiß das schon? Und auch bei den Mainzelmännchen, die seit 1963 mit Kurzauftritten das Programm des ZDF bereichern, gibt es Wissenslücken. Sechs Mainzelmännchen gibt es insgesamt, und alle haben sie einen Namen – einer heißt Berti, einer Det, aber die anderen?

 

Ähnlich wie um Höttges, Collins und Mainzel Edi, ist es auch um Johannes Urzidil bestellt. Viele Menschen, die sich heute für Literatur interessieren, mögen seinen Namen schon einmal gehört oder von ihm gelesen haben. In den 1960er Jahren war er nach Veröffentlichung zahlreicher – bei Leserschaft und Kritik gleichermaßen begeistert aufgenommener – Romane, Erzählungen, Gedichtbände und Essays auf dem Höhepunkt seines Erfolgs und gefeierter Vortragsreisender, präsent und in den richtigen Kreisen in aller Munde. Nach seinem Tode im Jahr 1970 verschwand sein Name jedoch bis auf wenige Ausnahmen aus dem deutschsprachigen Feuilleton – die anderen Mitglieder des sogenannten Prager Kreises, allen voran Franz Werfel, Max Brod und natürlich Franz Kafka, erwiesen sich als konkurrierende Schwergewichte mit langen Schatten.

 

Ein von Klaus Johann und Vera Schneider zusammengestelltes und gemeinschaftlich herausgegebenes und vom Deutschen Kulturforum östliches Europa e.V. veröffentlichtes Lesebuch mit Texten über und von Johannes Urzidil soll dem Vergessen dieses deutsch-tschechischen Schriftstellers entgegenwirken – und es hat das Zeug dazu!

 

Da es nicht viele Autoren geben dürfte, bei denen nahezu jede Zeile von der eigenen Biografie infiziert ist (Kindheit, Jugend, Bekanntschaften, die Liebe und der Krieg, alles floss in seine Prosa), startet HinterNational, so der Titel des Lesebuches, mit einer ausführlichen Biografie. Gut 60 Seiten gönnen die Herausgeber der chronologischen Zusammenfassung von Urzidils Leben und reihen dabei nicht nur Daten, Namen und Fakten aneinander, sondern lassen den Schriftsteller selbst immer wieder mit Zitaten und eingeschobenen Textauszügen zu Wort kommen, was dieser biografischen Abhandlung beinahe den Charakter eines Tagebuches verleiht. Mir selbst war über Johannes Urzidil vor der Lektüre dieses Buches nur wenig bekannt, und da es den meisten so gehen dürfte, lohnt sich ein ausführlicher Blick auf die Biografie.

 

Urzidils Biografie

Johannes Urzidil wird am 03. Februar 1896 als Sohn eines deutschnationalen Beamten und einer tschechischen Jüdin in Prag geboren – hinein in einen Haushalt mit fünf Halbgeschwistern. Die Mutter stirbt kurz vor seinem vierten Geburtstag, die folgenden Jahre sind geprägt von zahlreichen Umzügen und einer neuen (Stief)Mutter, mit der er nicht wirklich warm wird. Urzidils erste literarische Veröffentlichung ist die Wiedergabe von vier Versen aus seiner Hymne an Weimar im Jahresbericht 1910/11 des deutschen Graben-Gymnasiums in Prag, zwei Jahre später veröffentlicht er im Prager Tageblatt seine ersten beiden Gedichte – unter dem Pseudonym Hans Elmar.

 

1913 macht Urzidil die Bekanntschaft anderer deutschsprachiger Schriftsteller wie Max Brod, Franz Werfel, Franz Kafka und anderen, zeitgleich die erste Liebe, deren Ende er später pointiert beschrieb: »Von Karlsbad aus machte ich noch einen letzten Versuch und sandte der verlorenen Geliebten eine Schachtel duftender ›Karlsbader Oblaten‹. Dass ich jedoch vor der Absendung eine davon selbst begierig verzehrte und mich getröstet hatte, elf würden es auch tun, bewies, dass auch ich nicht mehr ganz bei der Sache war. Die Herzenskrise koinzidierte mit der des Vaterlandes« (aus: Der Kriegsausbruch, 1964).

 

Von 1914-18 Studium der Germanistik, Slawistik und Kunstgeschichte, unterbrochen durch den Kriegsdienst, den er aufgrund eines angeblichen Herzfehlers nicht an der Front verbringen muss. Ab 1918 regelmäßige Publikationen in verschiedenen Literaturzeitschriften, zudem beginnt er seine über 20 Jahre andauernde Mitarbeit beim Prager Tageblatt. Im folgenden Jahr erscheint mit Sturz der Verdammten in der renommierten Reihe Der jüngste Tag des Leipziger Verlags von Kurt Wolff sein erster Gedichtband.

 

Im April 1922 heiratet Urzidil Gertrude Thieberger, eine überzeugte Jüdin, die trotz des anfänglichen Widerstands seiner Familie zur großen Liebe seines Lebens wird (ihr trotz unterschiedlicher Religionen von gegenseitiger Achtung geprägtes Zusammenleben schildert er 1966 in Unvoreingenommener Rückblick). Im gleichen Jahr stirbt sein Vater. Von 1922 an (bis 1934) gehört er zum Pressebeirat an der deutschen Botschaft in Prag, 1923 wird Urzidil Freier Mitarbeiter der Prager Zeitung Bohemia, in der bis 1938 über 120 seiner Beiträge erscheinen. 1924 hält er bei der Gedenkfeier am 19. Juni eine von drei Totenreden auf Franz Kafka. 1932, Urzidil ist 36 Jahre alt, erscheint mit Goethe in Böhmen sein literaturhistorisch wohl bedeutendstes Werk.

 

1930 war er genötigt worden, aus dienstlichen Gründen die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen – dies nützt ihm nichts, als er nach der Machtergreifung durch die Nazis als mit einer Jüdin verheirateter Halbjude aus dem Dienst des Deutschen Reiches entlassen wird. Fortan arbeitet er für Prager Zeitungen, aber auch als Korrespondent für Schweizer Blätter. 1939, mit der Besetzung Prags durch die Nazis, wird das Leben in der Stadt für die Urzidils unerträglich. In buchstäblich letzter Minute können sie mit dem Zug durch Österreich nach Italien ausreisen, über Umwege landen sie schließlich in London, kurz darauf im ländlichen Viney Hill.

 

Doch das Idyll der englischen Countryside trügt: »Wer glaubt, dass man dort keine Bombenangriffe mitmachte, würde irren« (aus: Wenig und viel, 1956) – und so entschließt sich das Ehepaar zur Übersiedlung ins US-amerikanische Exil. Das letzte Linienschiff, das England noch verlassen kann (und zugleich das Gold der Bank of England in Sicherheit bringen soll, weshalb das Schiff eine Flotte von Kriegsschiffen umgab…), bringt sie nach New York, wo sie bis zu ihrem Tode bleiben werden. Urzidil pflegt in New York freundschaftlichen Kontakt mit anderen Exilanten, und nicht wenige sind überrascht, ihn als einen mit Zuversicht ausgestatteten Zeitgenossen zu erleben. 1945 erscheint mit Der Trauermantel, einer Erzählung über die Jugend von Adalbert Stifter, sein erstes Buch im Exil. Im April 1946 werden Gertrude und Johannes Urzidil amerikanische Staatsbürger.

 

In den folgenden Jahren erscheinen Essays, Gedichte, Erzählungen, ein Roman und zahlreiche Übersetzungen, zu Lebzeiten werden es über 30 eigenständige Publikationen sein, postum kommen noch einige hinzu. 1957 erhält er den renommierten Schweizer Charles-Veillon-Literaturpreis für sein Buch Die verlorene Geliebte – mehrere bedeutende Preise schließen sich an und läuten seinen späten Ruhm ein. Von nun an geht das Ehepaar Urzidil auf ausgedehnte Reisen, bereist nahezu das gesamte West-Europa. Zu einem Wiedersehen mit seiner böhmischen Heimat kommt es indes nicht; Urzidil vermutet, dass es eine zu große Enttäuschung sein und ihm die Quelle seiner Arbeit für immer versiegen könnte; zudem fürchtet er, dass seine Rückkehr propagandistisch ausgeschlachtet werden könnte. Am 02. November 1970 stirbt Johannes Urzidil überraschend während einer Lesereise in Rom.

 

Das Lesebuch

Schon die umfangreiche Biografie allein wäre bereits, vielleicht ergänzt um weitere Fotos und etwas längere Textauszüge, eine durchaus lohnende, eigenständige Publikation gewesen. HinterNational (ein in Bezug auf Urzidils Werk und Wirken perfekt gewählter Titel) aber hat deutlich mehr zu bieten, vereint fünf weitere, thematisch überschriebene Kapitel mit Texten von, aber auch über Urzidil – das Kapitel »Stationen« (Texte über die böhmische Heimat und das Leben in den Vereinigten Staaten), das Kapitel »Gestalten« (Texte über Kafka und den »Prager Kreis«, Stifter, Goethe, Emerson, Whitman u.a.), das Kapitel »Bohemismus – Hinternationalismus« (politisch-geschichtliche Texte), ein Kapitel über Person, Wirkung und Werk (Briefe und Rezensionen zu einzelnen Büchern) sowie eines, das aus drei fachkundigen, dabei jedoch angenehm lesbaren, verständlichen und zu einem großen Teil sehr persönlich gehaltenen Essays besteht.

 

Abgerundet wird das Lesebuch durch ein penibel erarbeitetes Literatur- und Veröffentlichungsverzeichnis sämtlicher Texte sowie Angaben zu weiterführender Literatur. Besonders erfreulich: Als Bonus findet sich am Ende des Buches eine CD, auf der sich neben von Urzidil selbst gelesenen Texten (was für eine Stimme!) das Audiofeature »Der böhmische Akzent. Johannes Urzidil und das Radio« befindet.

 

Die Tatsache, dass Urzidil zu allen Zeiten mit autobiographischen Teilstücken versetzte Texte verfasst hat, dass er jedes Lebensalter, sowohl seine Kindheit und Jugend, aber auch sein Arbeitsleben, seine persönlichen, familiären und gesellschaftlichen Verbindungen detailgetreu, nein, detailverliebt festgehalten hat, hat dazu geführt, dass er immer wieder als »Dichter der Erinnerung« apostrophiert wurde. Dies ist berechtigt und sicherlich nicht von der Hand zu weisen, dennoch betonen die Herausgeber in ihrem Vorwort auch die in Urzidils Werk herrschenden Verfremdungen, Vertauschungen und Zuspitzungen, die dafür verantwortlich seien, dass man »das Erweisliche« und »das Erzählte« oftmals nur schwerlich identifizieren bzw. voneinander trennen könne.

 

Seine Biografie, aber auch seine eigenen Texte zeigen Urzidil als einen Menschen, dem »-ismen« jeder Art suspekt waren; einen Menschen, dem Inhalte stets wichtiger waren als die vollendete Form; vor allem zeigen sie ihn als einen strengen Verfechter der von Friedrich dem Großen geprägten These, dass ein jeder nach seiner Façon selig werden solle. Urzidils Texte bestechen durch Detailliertheit und Empathie und (obwohl er zumeist subjektive Eindrücke beschreibt) ein hohes Maß an Allgemeingültigkeit. Über all die Jahre ist er nicht nur sich und seinem Leben, sondern auch seiner Sprache treu geblieben, fern ab der Heimat, von Moden und gesellschaftlichen Befindlichkeiten. Lange schrieb er nur für einen kleinen Kreis, der Durchbruch kam spät, aber er kam. Und auch für dieses Lesebuch war es allerhöchste Zeit!

 

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