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Montag, 21. April 2014 | 03:59

Rafik Schami: Das Herz der Puppe

13.02.2012

Genial daneben

Wenn ein großer Autor wie Rafik Schami ein neues Kinderbuch vorlegt, sind die Erwartungen hoch. Doch auch ein Meister der Erzählkunst kann hinter diesen Erwartungen zurückbleiben, wie BEATE MAINKA enttäuscht feststellen musste.

 

Rafik Schami hat auch und gerade für Kinder wunderbare Geschichten von hoher Fabulierkunst ersonnen. Allen voran sein Erzähler der Nacht, das universelle Märchenbuch für die ganze Familie oder die erfrischend komische Erzählung Das ist kein Papagei! Deshalb liegt die Messlatte besonders hoch bei allem Neuen, was aus seiner begnadeten Feder fließt. Doch diese Geschichte schafft den Sprung über die Latte nicht einmal annähernd.
Es geht um ein Mädchen und seine ganz besondere Puppe. Entdeckt hat Nina ihre Widu, wie sie diese nennt, auf einem Flohmarkt. Und schnell stellt sich heraus, dass Widu sprechen kann und schon durch viele Kinderhände gewandert ist. Für Nina ist dieser Fund ein Segen, denn sie fühlt sich einsam, seit die Familie in eine Gegend gezogen ist, in der keine gleichaltrigen Spielgefährten wohnen. Widu gibt ihr neuen Mut – auch durch ihre Fähigkeit, als Puppe Ängste zu essen. Und so reiht Schami Episode an Episode aus dem Zusammenleben der Beiden aneinander, thematisiert den Schulalltag, Stress mit Freunden oder den Eltern, neue Freundschaften und die Merkwürdigkeiten der alten Tante, die Nina hütet. All dieses kommentiert Widu teils liebevoll, teils hämisch und fühlt sich zunehmend unwohl, denn sie vermisst etwas, um ihrer Zuneigung zu Nina Raum zu geben. Der Leser weiß es natürlich längst, Widu fehlt ein Herz!

 

Das hätte was werden können

Leider steht sich Rafik Schami bei der Umsetzung dieser märchenhaften Handlung selbst im Wege, denn er durchsetzt diese immer wieder mit kleinen Fabeln, Märchen und Geschichten, was unmotiviert und störend wirkt, unterbricht er damit doch seinen eigenen Erzählfluss. Nur manchmal, etwa als der Vater Nina trösten muss, weil sie ihre Puppe verloren hat, passt es. Das eigentliche Grundthema, die Suche der Puppe nach einem Herz, hätte wesentlich kürzer umgesetzt werden können. So springt Schami hin und her, streift hier das Thema Mobbing, da das Thema Tod, aber alles nur hingeworfen, ohne durchgängige Linie. Dadurch entsteht auf Dauer Langeweile. Erst gegen Ende findet der Meister zu seiner alten Form zurück und versöhnt diejenigen, die bis dahin durchgehalten haben.

 

Zielgruppe?

Viele Titel Schamis sind breit und generationenübergreifend einsetzbar und ansprechend, bei diesem Buch schreibt er gezielt an den eigentlichen Adressaten vorbei. Nina geht in die vierte Klasse, verhält sich aber wie ein weit jüngeres Mädchen. Jeder, der neunjährige Mädchen vor Augen hat, weiß, dass diese in der Regel mit der Vorpubertät beschäftigt sind, aber nicht mehr mit Puppen. Und so bleibt ein schaler Nachgeschmack nach der Lektüre, stellt sich – auch für die erfahrene Rezensentin – die Frage nach der Intention des Autors, denn es fehlt eine einheitliche Linie in diesem Buch. Kein Märchen, keine Alltagsgeschichte; von fantastischer Literatur ist Schami sowieso meilenweit entfernt. Man kann mir vielleicht Schubladendenken vorwerfen, aber überzeugt hat dieser Titel mich nicht. Daran ändern auch die wunderschöne, bilderreiche Sprache und die schönen Illustrationen von Kathrin Schärer dieses Mal nichts, wirken sie doch wie vergeudet. Schade!

 

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Ich bin erstaunt über die vielen positiven Rezensionen, denn ich habe genau wie Sie, liebe Frau Maonka, empfunden. Nina ist in sich nicht stimmig. Rafik Schami scheint, keine neunjährigen Mädchen zu kennen. Die Geschichte ist durch die vielen kleinen Nebenerzählungen zerstückelt. Mir hat sich auch die Frage gestellt, welche Zielgruppe hat der Autor im Blick? Ich muss gestehen, ich fand das Buch auch ein wenig langweilig.
| von Snorkfräulein, 15.05.2012

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