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Robert Schindel: Man ist viel zu früh jung

23.01.2012

»Heut, wenn man wär, da hätt man was davon«

In Robert Schindels neuestem Essay- und Redenband Man ist viel zu früh jung ist das zentrale Motiv der Blick zurück – jedoch keineswegs der nostalgisch verharmlosende Blick, sondern der scharf analysierende, entlarvende. Von HUBERT HOLZMANN

 

Der 1944 geborene österreichische Dichter und Regisseur Robert Schindel sammelt in seinem neuen Buch Arbeiten aus den Jahren 2005 bis 2010. Initial für den Band ist ein kurzer Text, in dem Schindel der Frau dankt, der er das Leben verdankt, hat sie ihn doch als einjähriges Findelkind aufgezogen und vor der Deportation in ein Konzentrationslager bewahrt. Diese Widmung enthält auch eine biographische Notiz, die zu Beginn der Essaysammlung das Feld für die weiteren Aufsätze und Vorträge bereitet: Robert Schindels Identität.

 

Die Shoah ist die Erfahrung, an der sich alle weiteren Gedanken Schindels orientieren: Er spricht davon, dass nicht er ein Thema auswählt, sondern eigentlich dieses ihn sucht: »In den vergnügten Melancholien meiner Jugend und in den verinnerlichten Befehlen, die von meinen Texten umkleidet wurden, rauchten die Schornsteine des Sozialismus. Darein mischten sich, ohne dass ich es wollte und anstrebte, andere Schornsteine einer anderen Industrie. Meine Familie haben die Nazis und ihre Helfer, Mitwisser, Wegschauer und Geschehenlasser großteils umgebracht. Dies ist eine Tatsache, zu der ich hinzugeboren wurde und die mehr und mehr Herrschaft gewann über meine Gedanken.«

 

Erinnerung und Identität

Der Verweis auf Thomas Mann ist nicht zu überhören und das Originalzitat vermerkt. Für Schindel gibt es nur das »Nach Auschwitz…« In seinen Texten holt ihn das »Echo des Fährmanns« ein, der diejenigen über den Styx fährt, die »ihr Grab in den Lüften gefunden« haben. Und heute – in der Laudatio auf Edgar Hilsenrath – »überquert er [der Fährmann Hilsenrath] den Styx in umgekehrter Richtung: von den Toten zu uns, vom Vergessen zum Erinnern.« Dieses Erinnern ist Aufgabe. Neben Hilsenrath sind es Peter Lorre, Manès Sperber, Jean Améry und viele andere, derer er sich erinnert, Christoph Meckel, auf den er eine Laudatio hält. Eine Begegnung mit Meckel wird dabei zur Keimzelle des Textes.

 

Robert Schindel kann wie Paul Celan seiner jüdischen Existenz nicht entkommen. Wie auch. Identität ist für ihn etwas »Verstörendes«, das »verdammt«, aussondert und zur Flucht treibt, »aus Ägypten« über das Rote Meer »in den Sand« der Wüste, in das Land Israel, das er als »Zufluchtstätte … bis in die Grundfesten« – »Israel sei wie Südafrika, Zionismus sei Rassismus« – kritisiert (hat) und doch zugleich rettend und konstituierend für die heutigen europäischen Juden ist. Immer spielt in die Texte dabei Schindels Dasein mit hinein, dass es ihn eigentlich nicht mehr hätte geben dürfen. Existenz gerät so in den Mittelpunkt, wird zu etwas Besonderem.

 

Natürlich nicht nur, wenn ihm ein Kellner einen Platz im Wiener Café Bräunerhof zuweist und er dann dort schreibt, bis er erstarrt und sein »arroganter, gleichsam gleichgültig-abwesender Blick an den Mundwinkeln eines spöttisch zu mir herlächelnden Zeitgenossen hängen« bleibt. »Nach einigen Herztakten wiederholte ich den Blick, dessen Arroganz sich in Ehrfurcht verwandelte. Der Zeitgenosse bemerkte, dass ich bemerkte, wie er mich gemustert hatte, neigte seinen Kopf, als ob er ein zweifelnd-zustimmendes Nicken andeuten wollte, und zog ihn hinter die Zeitung zurück, sodass ich einen Mann hinter der Zeitung vor mir hatte.«

Der Zeitgenosse ist kein anderer als Thomas Bernhard.

 

»Mein Israel« als neue Hoffnung

Die Begegnungen, die Erinnerungen sind immer doppelgesichtig, ambivalent. In Januskopf. Ein Cocktail mischt Schindel Gedanken aus seiner sozialistischen Jugendzeit mit dem Heute. Die Denke von 1968, Antiamerikanismus, Antizionismus, und seine jüdische Herkunft widersprechen sich, bedeuten Zwiespalt, Unvereinbarkeit. Slogans der Zeit in Verbindung mit der Shoah ihrer Kampfkraft beraubt: »Doch der Antiamerikanismus ist ein rüstiger Wanderer. Vierschrötig und braunhemdelig bekämpft er das Negeramerika, das ja schon immer der nordischen Nation ans Eingemachte wollte…«

 

Schindels Analyse ist hart, unter der Oberfläche tun sich Risse auf, schimmern Untiefen: »Vor etwa zwanzig Jahren haben die jüdischen Achtundsechziger den Pakt mit den nichtjüdischen kündigen müssen. Damals sagte Wolf Biermann: ›Bindet eure Palästinensertücher fester. Wir sind geschiedene Leute.‹ Aber das sind ja doch noch immer auch meine Leute. Drum träume ich so wunderbar… « Auch im Essay also der poetische Tonfall wie in der Lyrik, in den Sehnliedern, den Liebliedern.

 

Doch die Sammlung Man ist viel zu früh jung versammelt Texte, die kämpferisch klingen, die gespickt sind mit abgrundtiefem Witz und Sarkasmus. In den Anmerkungen zum österreichischen Gedächtnis sieht Schindel den Österreicher von Beruf als einen Zuschauer: immer bewusst, woran er sich erinnern will, was er vergisst. »Und wehe uns, wenn solche Zuschauer – wie schon gehabt – Akteure werden… « Nur der Staat Israel als Realität für die Juden lässt da noch so etwas wie Sicherheit nach der Shoah aufkommen.

 

In den Anmerkungen anlässlich der Bücherverbrennung am 30. April 1938, Salzburg, Residenzplatz. Vom Lernen der Stadt Salzburg imaginiert Schindel eine makabre Szene: Er selbst ist Zuschauer der Bücherverbrennung und muss mit ansehen, wie Goebbels ihn und andere Schriftsteller »symbolisch für immer austilgt«. Schindel zitiert Erich Kästners autobiographische Anmerkungen zur NS-Zeit, dann aus Oskar Maria Grafs Erinnerungen. Schließlich kommt er zurück in das Salzburg der Jetzt-Zeit. Er hinterfragt den höchst merkwürdigen Umgang mit Dramatikern und Regisseuren wie George Tabori, dessen Inszenierung vom Buch mit sieben Siegeln nach der Premiere abgesetzt wird, mit Anton Thuswaldner, dessen Kunstinstallation vorzeitig entfernt wird, mit Werner Schwab, dessen Radikalkomödie Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos in der Stadt verhindert werden sollte.

 

»Versteckt überlebte Schindel das ›Tausendjährige Reich‹, während die Adresse seiner Eltern Auschwitz hieß.« Schindels Werk ist zutiefst von der Vergangenheit geprägt und zugleich lyrisch, auch wo er Essays oder Reden schreibt. Seine tiefe Trauer versteckt sich in der Zerrissenheit, das Unmögliche zu leben. Seine Essays und Reden: Erhellung, Aufklärung, Poesie.

 

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