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Mittwoch, 19. Juni 2013 | 08:10

Gillian Cross: Schöne Khadija

05.12.2011

Traumberuf Model?

Beim Betrachten des Titelbildes denkt man sofort an Iman, das Vorzeigemodel der Moderbranche aus Somalia. Wer jetzt allerdings eine mit Klischees behaftete Aschenputtel-Geschichte über den kometenhaften Aufstieg eines jungen Mädchens zum neuen Star der Laufstege erwartet, der wird eindringlich und überraschend enttäuscht. Von BEATE MAINKA

 

Khadija lebt ein zwar ärmliches, aber zufriedenes Leben in der somalischen Wüste. Die Familie wandert mit ihrer Kamel- und Ziegenherde umher, stets auf der Suche nach dem immer knapper werdenden Wasser. Als das Mädchen 15 ist, schickt ihr Vater sie zu einer befreundeten Familie nach London, damit sie von dort für den durch Krieg und Dürre bedrohten Lebensunterhalt der Familie sorgen kann.

Im für sie völlig fremden, grauen London fällt sie der berühmten Modeschöpferin Sandy Dexter ins Auge, die ein Model für die Eröffnungsshow ihrer neuen, afrikanisch geprägten Kollektion sucht. Strengste Geheimhaltung fordert Sandy von dem Mädchen und ihrem Begleiter Abdi, dem Sohn der Familie, die sie aufgenommen hat. Freya, Sandys rebellische und einsame Tochter, ist fasziniert von der Unnahbarkeit Khadijas und freundet sich mit ihr an. Doch eigentlich hat Khadija ganz andere Probleme, denn ihre Familie verlor inzwischen ihre Tiere und ist in einem Flüchtlingslager gestrandet. Von dort wird ihr Bruder entführt und die Banditen stellen eine horrende Lösegeldforderung. Wusste doch jemand von ihrer großen Chance? Wer hat ihr Geheimnis verraten?

 

Where I belong...

… ist der Originaltitel des Romans und er trifft dessen Quintessenz sehr viel besser. Denn nicht die Karriere Khadijas als Model steht im Vordergrund der Geschichte, sondern ihre innere Zerrissenheit als muslimisches Mädchen, das bereit ist, ihren Körper zu  präsentieren, um den Bruder zu retten. Cross beleuchtet die Geschehnisse aus vier Perspektiven und macht damit sehr deutlich, wie groß die Differenz zwischen den Welten ist. Khadijas Sehnsucht nach der Weite der Wüste und ihrem freien Leben inmitten der Familie schimmert in ihrer Darstellung durch. Abdi erzählt aus männlicher, inzwischen von westlicher Lebensweise geprägter Sichtweise. Freya, die Tochter der Modeschöpferin, schildert sehr distanziert und teils angewidert die Anstrengungen ihrer kreativen Mutter, die für die Präsentation ihrer Kollektion bereit ist, große Risiken einzugehen. Und dann sind da noch die kurzen Einschübe, die vom schlimmen und in Somalia doch so alltäglichen Schicksal der Familie Khadijas erzählen; knapp, aber von bestürzender Eindringlichkeit.

 

Dieser ständige Perspektivwechsel sorgt dafür, dass die Geschichte nicht zu einer Märchenstunde verflacht. Am Ende steht ein Showdown in der somalischen Wüste, der an Dramatik kaum zu überbieten ist, aber beim Leser ein trotz gutem Ausgang ungutes Gefühl zurücklässt. Wie weit darf ich gehen, um das Elend anderer Menschen für meine Zwecke zu nutzen? Wie gehe ich mit Gewalt und Not um? Der Unterschied zwischen Freya und Khadija, zwischen ihren Müttern, könnte größer nicht sein. Ausschlaggebend ist die Gewichtung, die man dem zugesteht, was man tut. Und – und das ist das Entscheidende – Cross verdeutlicht die Auswirkungen, die ihr Handeln hervorrufen, denn die sind unwiderruflich, zum Guten oder zum Schlechten. 

 

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