Where I belong...
… ist der Originaltitel des Romans und er trifft dessen Quintessenz sehr viel besser. Denn nicht die Karriere Khadijas als Model steht im Vordergrund der Geschichte, sondern ihre innere Zerrissenheit als muslimisches Mädchen, das bereit ist, ihren Körper zu präsentieren, um den Bruder zu retten. Cross beleuchtet die Geschehnisse aus vier Perspektiven und macht damit sehr deutlich, wie groß die Differenz zwischen den Welten ist. Khadijas Sehnsucht nach der Weite der Wüste und ihrem freien Leben inmitten der Familie schimmert in ihrer Darstellung durch. Abdi erzählt aus männlicher, inzwischen von westlicher Lebensweise geprägter Sichtweise. Freya, die Tochter der Modeschöpferin, schildert sehr distanziert und teils angewidert die Anstrengungen ihrer kreativen Mutter, die für die Präsentation ihrer Kollektion bereit ist, große Risiken einzugehen. Und dann sind da noch die kurzen Einschübe, die vom schlimmen und in Somalia doch so alltäglichen Schicksal der Familie Khadijas erzählen; knapp, aber von bestürzender Eindringlichkeit.
Dieser ständige Perspektivwechsel sorgt dafür, dass die Geschichte nicht zu einer Märchenstunde verflacht. Am Ende steht ein Showdown in der somalischen Wüste, der an Dramatik kaum zu überbieten ist, aber beim Leser ein trotz gutem Ausgang ungutes Gefühl zurücklässt. Wie weit darf ich gehen, um das Elend anderer Menschen für meine Zwecke zu nutzen? Wie gehe ich mit Gewalt und Not um? Der Unterschied zwischen Freya und Khadija, zwischen ihren Müttern, könnte größer nicht sein. Ausschlaggebend ist die Gewichtung, die man dem zugesteht, was man tut. Und – und das ist das Entscheidende – Cross verdeutlicht die Auswirkungen, die ihr Handeln hervorrufen, denn die sind unwiderruflich, zum Guten oder zum Schlechten.