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Marjolijn Hof: Nie ist ganz schön lang

03.10.2011

Graswurzelliebe

Liebe zu empfinden scheint eine einfache Sache zu sein, tatsächlich ist es eine ziemlich komplizierte. Liebe hat einiges damit zu tun, dass man stabile Verbindungen akzeptieren kann, gleich, ob man eine Sache liebt oder einen Menschen. Manchmal aber spielt das Leben so, dass Verbindungen keine Zeit dazu haben, stabiler zu werden. In dem Fall gewöhnt man sich ans Ungewisse, vor allem, wenn man noch sehr jung ist. Was passiert, wenn aus schierem Hinnehmen von Gegebenheiten plötzliche kleine Wurzeln echter Zuneigung schlagen, ist das Thema des neuen Romans von Marjolijn Hof – Nie ist ganz schön lang. Von MAGALI HEISSLER

 

Meta betrachtet mit ihren zwölf Jahren das Leben mit einer Mischung aus Skepsis und Ergebenheit. Sie lebt bei ihrer Mutter Anne; der Vater hat sie verlassen, noch bevor Meta geboren wurde und starb kurze Zeit später bei einem Unfall. Die Versuche ihrer Mutter, mit einem neuen Lebensgefährten zusammenzuleben, scheitern regelmäßig nach kurzer Zeit. Meta kann die Männer, die bei ihnen auftauchen und bald wieder verschwinden, nicht ausstehen, hat aber gelernt, sich darauf zu verlassen, dass das Ganze immer nur vorübergehend ist. Also beißt sie die Zähne zusammen, wenn die Männer sie sehr stören – oder verdreht nur die Augen, wenn sie nicht ganz so lästig sind. Grundsätzlich lästig sind sie aber allemal. Bis Bjarni auftaucht, der Mann aus Island. Er überredet Anne, Urlaubswochen auf Island zu verbringen, statt, wie Meta es gewöhnt ist, in Südfrankreich. Meta reist widerwillig mit, den Blick sozusagen immer auf dem Zeiger ihrer inneren Uhr, weil sie zu wissen glaubt, dass bald auch Bjarnis Stunde schlagen wird.

Die Stunde schlägt auch, aber mit ganz anderen Folgen, als Meta sich je hätte vorstellen können.

 

Viel Weite und wenig Menschen

Island in seiner schroffen Fremdartigkeit ist sowohl für Meta als auch für ihre Mutter ein Schock. Beide reagieren mit Abwehr, Anne zunächst versteckt, Meta, in dem sie ihre Teenager-Stacheln ausfährt. Auf ihrer Fahrt quer durchs Land aber verändert sich Metas Blick. Dazu tragen auch Bjarnis Geschichten aus den isländischen Sagas bei, die er ihr erzählt. Die Landschaft, die sich alles andere als anschmiegsam zeigt, beginnt, Meta zu faszinieren. Die Weite und Menschenleere, die Bjarni liebt, helfen Meta, aus sich herauszugehen. Plötzlich ist da Raum für sie und ihre Entwicklung, ohne sich nur an den Vorbedingungen zu reiben, die sich aus den Enttäuschungen ihrer Mutter ergeben. Die Landschaft birgt aber auch Gefahren. Meta, die sich immer darauf verlassen konnte, dass sich die Umstände von selbst so regeln, dass sie wieder ihre Ruhe hat, macht die Erfahrung, dass sie auf die Ratschläge und die Hilfe anderer bauen muss, wenn sie ihr Leben nicht aufs Spiel setzen will. Sie lernt zu vertrauen.

Was sie in ihrer Entwicklung weiter bringt, kann ihre Mutter jedoch nicht heilen. Die Traumata des doppelten Verlassenwordenseins, zuerst durch den Weggang, dann durch den Tod ihres Mannes, haben Anne grundlegend verstört. Meta gerät ungewollt zwischen zwei Fronten.

 

Trollbrot

Hof gelingt mit diesem äußerst schmalen Buch das beispielhafte Kunststück, ein komplettes Beziehungsdrama und eine höchst verwickelte Mutter-Tochter-Geschichte zu erzählen, in einer Sprache, die so karg ist, wie die Landschaft Islands am Ende des Sommers. Nach wenigen Sätzen schon aber entfalten sich ganze Gefühlspanoramen, so, wie sich Island entfaltet, wenn man genauer hinsieht. Bjarni, Anne und vor allem Meta sind eindrucksvolle Figuren, mit ihren ganze Schwierigkeiten, ihren Vorzügen und in ihren schlechten Eigenschaften. Atemberaubend genau fängt Hof den Gefühlszustand einer Zwölfjährigen ein, zwischen Abwehr und Liebe zu ihrer schwierigen Mutter, die ihr alles andere als Stabilität bietet, Misstrauen und keimender Zuneigung gegenüber Bjarni und Abneigung und wachsendes Staunen angesichts der Wunder einer völlig fremden Landschaft mit Naturphänomenen, die aussehen, als seien alte Sagen plötzlich Wirklichkeit geworden. ›Trollbrot‹ ist so ein Phänomen, infolge von extremen Witterungsbedingungen auseinandergebrochene Steine, die wie aufgereihte Brotscheiben aussehen. Meta muss erkennen, dass sie zu zwei ›Trollbroten‹ gehört, zu Anne und zu Bjarni und Island. Sie sind getrennt und daran wird sich nichts ändern, aber Meta, eine neue, reifer gewordene Meta, hat gelernt, sich von beiden Broten das zu nehmen, was ihr guttut. Das ist das beeindruckendste der nicht wenigen Bilder, die Hof zur Beschreibung der Gefühle ihrer Figuren findet.

 

Die Umschlaggestaltung fängt die Spannung zwischen herber Landschaft und empfindlich-zarten Gefühlen ausgezeichnet ein. Ein dreiseitiger Anhang gibt Hinweise zur Aussprache isländischer Wörter und Namen, die im Text vorkommen, höchst hilfreich, um diese wunderschöne Geschichte nicht nur vor Augen, sondern auch ins Ohr zu bekommen.

 

 

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