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Susanne Gerdom: Das gefrorene Lachen

29.08.2011

Bühnenzauber und Magie

Zirkus und Theater, echte Zauberer und Illusionisten, Clowns und Könige, schöne Prinzen und tapfere Mädchen, ein Djinn, sprechende Wasserspeier und ein Hauch von Drache – für ihren phantastischen Roman Das gefrorene Lachen hat Susanne Gerdom eine halb vergessene und recht staubige Truhe aus der hinteren Ecke des Erzähler-Dachbodens gezerrt, aus ihrem Inhalt aber eine attraktive und nahezu staubfreie neue Geschichte gezaubert. Von MAGALI HEISSLER

 

Pippa ist die Tochter des Hofzauberers Laurentio. Sie lebt zufrieden am durch und durch beschaulichen Königshof von Almay. Nur zwei Dinge machen sie unglücklich: Ihr Vater bildet sie zwar zum Zauberlehrling aus – aber das hat wenig Zukunft, weil Zauberer ein Männerberuf ist. Das andere ist ihre heimliche Liebe zum Kronprinzen Augustin. Dieser sieht sie jedoch nur als seinen besten Freund an. Auch hier sieht die Zukunft trüb aus.

Die kleinen Sorgen werden unversehens zu ganz großen, als sich das wunderschöne Fest zu Augustins siebzehntem Geburtstag mit einem Schlag in einen Albtraum verwandelt: Ein fremder Zauberer fordert Laurentio zum Zauber-Duell und Pippas Vater verliert. Mit einem Mal steht die Welt aller auf dem Kopf. Wo früher gelacht wurde, wird jetzt geweint, wo Freiheit herrschte, regiert die Unfreiheit, wo Liebe war, findet man nur Abneigung bis hin zum Hass. Das Schlimmste ist, dass Pippa nicht mehr Pippa ist, dies aber mehr ahnt, als dass sie es wirklich weiß. Es dauert sehr lange und kostet viele Mühen, bis ihre Erkenntnis die ersten Schleier des bösen Zaubers, der über alle gefallen ist, zerreißt. Als sie sich mit dem skeptischen und zögernden August, dem geplagten Lehrling des bösen Weißclowns Alonso auf den Weg macht, ist es beinahe schon zu spät, um den schrecklichen Spruch des hasserfüllten Zauberers Ostwind zu lösen.

 

Schauspielroman - Romanschauspiel

Gerdoms Roman ist kein bloßer Fantasy-Roman und das nicht allein wegen der Prise Steampunk, die hineingemischt wurde. Es ist ein klassischer phantastischer Roman, zugleich aber ein Bühnenstück in Prosa. Thema und Konstruktion sind sehr anregend aufeinander bezogen. Es geht um Schauspiel, um Bühne, Maske, Kulissen. Die Figuren sind Schauspielerinnen und Schauspieler, Akrobatinnen, Zauberer. Sie sind verkleidet und haben zugleich Rollen in einem anderen Leben. Es gibt Prolog und Vorspiel, Akte und Zwischenspiel. Und dazwischen ein Alltagsleben, von dem man bald nicht mehr sicher sein kann, was darin verlässlich real ist und was nicht. Das Spiel mit Schein und Wirklichkeit, Illusion und Realität funktioniert gut und gibt dem Ganzen Originalität, obwohl der reine Handlungsablauf konventionell daherkommt.

Unterstützung hat sich die Autorin bei einigen ganz Großen des Dramas gesucht, allen voran Shakespeare. Jedes Kapitel schmückt als Überschrift ein liebevoll ausgesuchtes Zitat aus einem seiner Dramen, seien es die Komödien, seien es die Tragödien. Auch die Geschichte aus dem Königreich Almay enthält eben beide Elemente und nicht zu knapp. Im Text selbst verbergen sich weitere Anspielungen, auch aus Werken anderer Autoren. Das verleiht der Lektüre einen zusätzlichen Reiz, durch das Raten bzw. Wiedererkennen, aber auch, indem die Anspielungen Neugier auf die Originale wecken.

Gefährlich ist diese Methode allerdings deshalb, weil unweigerlich ein Gefälle unter den aufgeführten Fähigkeiten, schreibend zu gestalten, entsteht. Die Gesamt-Handlung, die Gerdoms Roman bietet, ist eben noch lebhaft genug, ein Gegengewicht zu bilden. Dass an einigen wenigen Stellen ein Ungleichgewicht zutage tritt, hat seinen Grund eher darin, dass die Autorin ihrem eigenen Vergnügen am Spiel zu sehr nachgibt. Das eine oder andere gerät dann doch zu wortreich, wo die Großen eben im Original konzentrierter waren. Heikel ist ebenfalls, dass sich hin und wieder ein ironischer Grundton zu breit macht, der das Ganze gefährdet.

 

Liebe und Angst

Auf den ersten Blick bietet dieses Buch vor allem das, was man unter spannender Unterhaltung versteht, nämlich eine gute Geschichte. Es steckt aber ein wenig mehr hinter dem ganzen Theater. Was die Autorin einfängt und mit den Bildern ihrer gewählten Welt sehr exakt wiedergibt, ist ein bestimmter Konflikt zwischen den Generationen. Es ist der, der sich dann offenbart, wenn die Älteren übermächtig werden. Die Situation, dass sich liebende Eltern für junge Menschen oft urplötzlich in zornige Göttinnen und Götter verwandeln, die da, wo sie zuvor geherzt und geküsst haben, Blitze schleudern, wird hier zu einem tragenden Element der Zauberhandlung. Die daraus resultierende Unsicherheit und Angst der Jungen angesichts der Gewalt ist zentrales Thema und wird breit behandelt. Das gibt der Handlung einen Gruseleffekt von beträchtlicher Authentizität, weil es eine Erfahrung ist, die Kinder und Jugendliche tatsächlich kennen. Vertrauen können und Vertrauen zu haben, Vertrauen zu verlieren und wiedergewinnen müssen, ist ein wesentlicher Lernschritt beim Erwachsenwerden. Illustriert wird es auch am Schicksal der bedrückten Bevölkerung Almays. Verbunden wird das geschickt mit klassisch literarischen Gruselelementen, wobei die Autorin mit wunderbaren Überraschungen aus der eigenen Werkstatt aufwartet. Tauben auf steinernen Wasserspeiern z.B. wird man nach der Lektüre mit ganz anderen Augen ansehen, ebenso Haikus und riesenhafte Djinns.

 

Der Akt der Befreiung liegt in der Hand der jungen Generation, er ist vor allem ein Akt der Liebe. Sie überwindet die Angst und Vorurteile. Damit wird die Geschichte am Ende fast zu freundlich, setzt man das Klischee aber ins Verhältnis zu den unverhältnismäßig großen Schrecken gerade der letzten sechzig, siebzig Seiten, die vor Horror schier bersten, entsteht doch ein Gleichgewicht. Das Theaterstück schließt eben glücklich. Und das Leben kann glücklich beginnen. Im Roman. Aber auch in den Herzen der beglückten Leserinnen und Leser.

 

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