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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 23. Juli 2017 | 10:54

    Jacques Couvillon: Chicken Dance

    13.06.2011

    Aus der Schale schlüpfen

    Als Kind neigt man dazu, die Dinge hinzunehmen, wie sie sind. Verwirrende Lebensumstände, schwierige Eltern, abweisende Gleichaltrige, man arrangiert sich. Die eine oder andere Seltsamkeit kann man sogar liebgewinnen. Mit wachsender Lebenserfahrung aber tauchen Fragen auf. Jacques Couvillion zeigt in Chicken Dance, dass man, wenn man Antworten will, die Sache von einem neuen Standpunkt aus betrachten muss. Auch wenn dieser jenseits des Nestrands liegt. Von MAGALI HEISSLER

     

    Don ist zwölf Jahre alt, als er erfährt, dass er eigentlich Stanley heißt. Davon hört er nur durch einen Zufall, seine Eltern sind nicht eben mitteilungsfreudig, was ihn betrifft. Sie sprechen nicht einmal untereinander viel. Wenn sie überhaupt ins Gespräch kommen, bedeutet das nach Dons Erfahrung Streit. Don und seine Eltern leben in einem Landstädtchen, in einem Haus mit Hühnern. Dons Eltern mögen Hühner nicht, aber das Geflügel war die Bedingung für die Übernahme des Hauses. Im Gegensatz zu seinen Eltern hat Don an den Hühnern Gefallen gefunden. Diese Vorliebe unterdrückt er aber, Vater und Mutter – sie bestehen auf dieser steifen Anrede – schätzen keine Eigenmächtigkeiten bei Kindern. Also studiert Don seine Lieblinge heimlich. Sein beträchtliches Wissen kommt an den Tag, als er sich ein Herz fasst, an einem Wettbewerb teilnimmt und gewinnt. Mit einem Mal steht er im Mittelpunkt, nicht nur in der Schule, sondern im ganzen Städtchen und sogar bei seinen widerstrebenden Eltern.

     

    Das ist ungewohnt, denn bislang gab es nur einen Star, das war seine tanzbegabte Schwester Dawn. Seine Mutter kann stundenlang von ihr schwärmen. Aber Dawn ist gestorben, noch ehe Don zur Welt kam. Mit wachsendem Selbstbewusstsein fallen Don Merkwürdigkeiten in seiner Familie auf, die ihn nicht mehr loslassen. Der Namen Stanley gehört dazu. Don lässt in seinen Nachforschungen nicht mehr locker. Und als die Sache ins Rollen kommt, werden mehr Eier zerschlagen, als er selbst in seinen kühnsten Träumen erwartet hätte.

     

    Davon fliegen wollen

    Chicken Dance – musste es wieder ein englischer Titel sein? – ist ein Debütroman. Der Autor hat sich dafür eine Menge einfallen lassen. Die zugrundeliegende Geschichte ist ein Familiendrama mit regelrecht tragischen Elementen, solange die Figuren dazu verurteilt sind, immer wieder die gleichen Fehler zu begehen. Der Autor bleibt lange erbarmungslos. Es ist eine Geschichte von falschen Wünschen und geplatzter Illusionen, von Selbsttäuschung, Kleinlichkeit und Borniertheit. Für ein Kinderbuch ist die Themenwahl erstaunlich und selten behandelt.

     

    Don ist bedingt durch seine Familienverhältnisse ein Kind, das in seiner Entwicklung so gründlich gehindert wurde, dass er ein seltsam steifes Wesen entwickelt hat. Er hat vor allem bedingungsloses Hinnehmen gelernt. Obwohl er ein guter Beobachter ist, wagt er lange nicht, Schlüsse zu ziehen. Erst die Beschäftigung mit den Hühnern gibt ihm Selbstvertrauen. Seine Eltern scheinen lange kalt, lieb- und rücksichtslos, ihre Probleme zeigen sich in dem Maß, in dem Don aktiver wird. Daraus wiederum entwickelt sich der Faden, der zur Lösung des Rätsels um Dons zwei Vornamen und seine Schwester, der Tänzerin, wird. Davonfliegen zu können ist ein Wunsch, den alle Familienmitglieder gemeinsam haben – aber sie haben sich auf die eine oder andere Art festbinden lassen und schlagen ebenso hilflos, wie die Hühner mit ihren zu kurzen und schwachen Flügeln, in der Luft herum.

     

    Flügellahm

     

    Erfahrenere Leserinnen und Leser ahnen bald, worauf die Geschichte hinauslaufen wird, dem viel jüngeren Zielpublikum erschließt sie sich allerdings alles andere als leicht. Das liegt zum einen daran, dass der Autor sehr viel in sein Buch hineingepackt hat. Mit gut 330 Seiten Umfang ist es einfach zu lang geworden. Erzählt wird überdies recht umständlich, Dons steife Sprechweise bleibt nicht nur ein Mittel, sondern wuchert in Textstellen hinein, wo sie nichts zu suchen hat.

     

    Nicht günstig wirkt es sich aus, dass der Autor sich entschlossen hat, das komplexe Thema als schwarze Komödie zu inszenieren. Gerade für junge Leserinnen und Leser sind die Grenzen zwischen Don als traurig-unschuldigem Helden und zugleich Clown in skurrilen Situationen nicht leicht zu ziehen. Die Probleme der Erwachsenen geben der Geschichte zusätzliches Gewicht, das fast zum Übergewicht wird. Dons Verwirrung über seine Entdeckungen teilt sich beim Lesen direkt mit, die Spur, die zur Orientierung gelegt wurde, ist jedoch zu schwach ausgeleuchtet für weniger erfahrene Leserinnen und Leser. Das gilt auch für die behauptete Atmosphäre, die die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts wiedergeben soll. Das mag im Herkunftsland USA gelten, auf die BRD jener Jahre übertragbar ist das nicht. Die Hinweise verkommen zu Dekoration.

     

    Die Geschichte hat passenderweise zwei Höhepunkte, die spannend genug sind. Der zweite, der zum Ende hinführt, wirkt trotzdem schwach, weil hier das ganze Drama eigentlich erneut aufgerollt werden müsste. Doch was über dreihundert Seiten hergeleitet wurde, wird mit wenigen Sätzen abgetan. Die Hühner bekommen einen Schlussauftritt, wie so vieles in diesem Buch ist das eine gute und wirklich überraschende Idee. Sie ist jedoch letztlich unbefriedigend, weil sie mehr Fragen aufwirft, als beantwortet werden. Die Lösung wurde nämlich dem Zufall überlassen.

     

    So bleibt der Gesamteindruck zwiespältig. Es gibt einiges zu loben an diesem Erstling, aber das doch eher lockere Gewebe schadet letztendlich. Nur Eier zu zerschlagen macht eben noch kein Omelett.

     

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