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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 23. April 2017 | 07:29

    Kate de Goldi: Abends um 10

    23.05.2011

    Zickzackwege

    Manchmal ist das Leben wie Treibsand. Jeder Schritt muss sorgfältig überdacht werden. Am allerbesten wählt man nur sichere Wege, die man in- und auswendig kennt. Aber manchmal hält das Leben ungeahnte Überraschungen bereit. ANDREA WANNER begleitet den 12jährigen Frankie auf neuen Wegen.

     

    Routine, vorhersehbare Abläufe, bestimmen Frankies Leben. Jeder Wochentag hat sein eigenes, unverkennbares Muster: der Schulweg an der Seite seines besten Freundes Gig ist täglich identisch, jeder einzelne Moment der Tage scheint berechenbar. Für alle Ängste, die sich im Laufe des Tages in Frankies Kopf ansammeln, gibt es auch ein Ritual: den allabendlichen Besuch, pünktlich um 10 im Schlafzimmer der Mutter, die es versteht zu beruhigen, Dinge an ihren Platz zu rücken. Aber dazu sind Mütter schließlich da, oder?

     

    Haus und Herd

    Eigentlich ja. Aber Frankies Mutter ist anders. Da ist einerseits der beruhigende Duft nach Kuchen, wenn Frankie nach Hause kommt und die Mutter ihn in der Küche erwartet. Dort ist sie immer anzutreffen, backt die herrlichsten Kuchen und Torten auf Bestellung und Frankie darf die Reste der missglückten Experimente aufessen. Die Mutter als verlässlicher, ruhender Pol einer turbulenten Familie: Onkel George, der nur Onkel genannt wird, tatsächlich aber der leibliche Vater von drei Kindern ist. Louie, der Älteste, der bereits ausgezogen ist und sein eigenes Geld verdient. Gordana, Frankies zickige, ewig nörgelnde ältere Schwester, die wie Frankie die Schule besucht. Und natürlich Frankie selbst, der es liebt, wenn alle zuhause an ihrem Platz sind. Aber so einfach ist es nicht: Frankies Mutter verlässt das Haus nie. Weder zum Einkaufen (das übernimmt unter anderem Frankie) noch zu einem Spaziergang oder einem Besuch bei Freunden oder Verwandten (dafür kommen regelmäßig die drei Tanten zu Besuch). Und das Seltsamste: niemand spricht jemals darüber. Alle tun, als sei es die normalste Sache der Welt.

     

    Ein Wendepunkt

    Und dann kommt der 14. Februar, ein Tag, der sich anscheinend durch nichts von allen anderen unterscheidet – bis Sydney in den Schulbus steigt. Alles an Sydney ist anders. Mit Dreadlocks, selbstgenähter Kleidung und einem fröhlichen Lächeln auf dem Gesicht ist sie ein ungeheuer kontaktfreudiges Mädchen, das mit seiner hinreißenden Art Frankie sofort in ihren Bann zieht. Sydney passt in kein Schema, lässt sich auf keine Rolle festlegen. Und sie nimmt Dinge nicht einfach hin, sondern stellt Fragen.

     

    Mit dieser neuen Erfahrung beginnt sich Frankies Leben zu ändern. Ganz langsam fängt er an zu antworten und selbst Fragen zu stellen. Sydneys Leben ist so ganz anders als seines. Der Beständigkeit steht der Wechsel gegenüber: Wie oft ist Sydney nicht schon umgezogen! Und ihre Mutter ist in allem das krasse Gegenstück zu Frankies Mutter. Der Junge empfindet sie als verantwortungslos, die Tatsache, dass sie sich von Männern aushalten lässt, ist ihm mehr als suspekt. Aber ist das Leben seiner eigenen Mutter »normal«?

     

    Psychische Erkrankungen sind keine leichte Kost für Jugendbücher. Kate de Goldi  verzichtet auf  banale Erklärungsversuche und fängt mit ihrer vielschichtigen Geschichte, die von Zeitsprüngen und Auslassungen geprägt ist, vorsichtig ein bisschen von der Stimmung und Atmosphäre in der Familie Parson ein. Mrs. Parson hat ein Problem, ist psychisch äußerst labil und kann der Welt nicht entgegentreten. Frankies größte Sorge ist die, im Grunde seines Wesens so lebensuntauglich zu sein wie seine Mutter.

     

    Ein Zwergtaucher

    Mit Frankie ist de Goldi ein sympathischer Held gelungen, über dessen zahlreiche Ticks und Angewohnheiten man beim Lesen den Kopf schütteln kann; über die man lachen kann – nur um am Ende tatsächlich mitzufühlen. Seine Versuche, eigenen Ängsten auszuweichen, in dem er sein Denken auf Wortlisten lenkt, die er im Kopf aufsagt; sein krampfhaftes Festhalten an vermeintlichen Sicherheiten und Rettungsankern – angefangen bei der Notfallausrüstung im Keller für Erdbeben – lassen ihn zunächst als neurotischen Freak erscheinen. Vögel sind seine Leidenschaft. Er kennt sich fantastisch mit ihnen aus, kann sie bestimmen und vor allem zeichnen. Als Duo mit Gigs bekommt sein Verhalten etwas liebenswert Verrücktes. Und so ganz allmählich lässt man sich beim Lesen auf einen Konflikt ein, der vordergründig gar nicht so schlimm zu sein scheint, in Wirklichkeit aber einen Jungen an seine Grenzen bringt.

     

    Leise, behutsam und witzig kommt diese Geschichte daher, schleicht sich einem ins Herz, berührt und bewegt. Und lässt einen mit vielen Fragen zurück.

     

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